Rummenigges Sätze hart und gefühllos
Rummenigges Sätze hart und gefühllos
In der zweiten Winterpause der Saison, mit der keiner gerechnet hatte, geschahen bemerkenswerte Dinge. SPORT1-Kolumnist Alex Steudel erklärt, warum sie so lehrreich war.
In der zweiten Winterpause der Saison, die heute endet und mit der keiner gerechnet hatte, geschah etwas, mit dem ebenfalls keiner gerechnet hatte: Sie war lehrreicher als alle Bundesliga-Spieltage zusammen. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)
Erst kam Max Eberl. Der hängte letzte Woche seinen Job als Sportdirektor in Gladbach an den Nagel. Ausgebrannt sei er, sagte Eberl, er könne nicht mehr. Er weinte.
Wir alle waren ganz emphatisch und verstanden Eberl und nickten wohlwollend. Mir selbst stand eine Träne im Auge. Als sämtliche Journalisten dem Max vor ihrer Frage erst mal nur das Beste wünschten, wirkte das ein bisschen erzwungen, aber es war gut, man fühlte überall diese Sehnsucht nach Wärme in einem Geschäft, in dem immer Winter ist. In dem niemandem mehr auffällt, wie seltsam es doch ist, dass es für einen Ausbruch von Menschlichkeit eine gut organisierte Pressekonferenz und WLAN braucht. Aber gut, es ist so. Selten war mehr Zuneigung als in diesem Moment.
Eberl weckt Gedanken an Enke
Natürlich mussten alle an den armen Robert Enke denken, aber gesagt hat das keiner. Oder kaum jemand. Denn keiner weiß, was wirklich ist mit Max Eberl, und es geht ehrlich gesagt auch niemanden etwas an. Nur sein Chef, Gladbach-Präsident Rolf Königs, scherte aus dem Chor der Wärmenden aus und wählte auf dem Podium kühle Worte, nämlich redete er davon, Eberl eigentlich „umgedreht“ haben zu wollen.
Meine Träne, die gerade ihren Weg nach unten startete, erschrak und verdunstete auf der Stelle.
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nCAPTION: Max Eberl erklärt Rücktritt als Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach
nDESCRIPTION: Es war ein historischer, ein stiller Moment: Nach 23 Jahren hört Max Eberl in Gladbach auf. Sein Abschied geriet emotional und aufwühlend.
Umgedreht also. Wie man das halt so macht bei Burn-Outs. Man schnappt sich den Befallenen, dreht ihn auf Links wie ein empfindliches T-Shirt vor der 40-Grad-Wäsche, und dann schnell Start drücken, inklusive Schleudern mit 1600 Umdrehungen.
Rummenigge-Sätze klangen hart und gefühllos
Kaum waren wir uns alle einig, dass Königs eine Empathie-Auffrischung guttun würde, kaum wollten wir uns schon Händchen haltend auf den neuen Fußball 2022 freuen, kam Kalle Rummenigge um die Ecke und zeigte uns, was keine Harfe ist. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)
Der Ex-Bayern-Boss zog über Niklas Süle her, seinen Verteidiger. Süle hatte es gewagt, beim Rekordmeister keinen neuen Vertrag zu unterschreiben. Ich musste an die Sopranos denken: Wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind und so. Rummenigge hatte jetzt seinen Feind. Die Sätze klangen hart und gefühllos. Selbst wenn die Sex Pistols und Metallica mit 100.000 Watt ein Wiegenlied covern, ist da mehr Wärme.
Schon war er vorbei, unser kleiner Winterausflug ins Reich des freundlichen Miteinanders. Aber das war ja auch abzusehen: Bei den Bayern keinen neuen Vertrag zu unterschreiben, das entspricht einer Kriegserklärung, oder wie sie in Gladbach sagen würden: 8,9 auf der Richter-Königs-Skala.
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Süle litt unter Verletzungen
Süle sei, so Rummenigge sinngemäß, kein besonderer Spieler, eher ein „brauchbarer“, er sagte wirklich „brauchbar“, und alle erschraken sehr, denn Süle hat die Champions League gewonnen, und er ist Nationalspieler und war halt oft verletzt.
FC Bayern München: Julian Nagelsmann über Süle-Abgang
Schon waren wir bestens eingestellt auf den ersten Spieltag nach der zweiten Winterpause in einem Geschäft, das so menschlich ist wie ein kleines Steak.
Wenn wir ganz ehrlich sind, hat uns Rummenigge damit einen Gefallen getan, denn fast hätten wir während der kurzen Pause vergessen: In der Bundesliga wird nicht gekuschelt und mitgefühlt, da wird gerammt. Wer rammt, gewinnt, wer kuschelt, verliert. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)
Danke für den Reminder, Kalle!
Alex Steudel ist freier Journalist in Hamburg. Er war Bayern- und Nationalmannschaftsreporter und Chefredakteur von Sport-Bild. Heute widmet er sich in seiner Kolumne für SPORT1 auf nicht immer ganz ernstgemeinte Weise aktuellen Fußball-Themen. Die besten Steudel-Texte gibt‘s auch als Buch: Infos und Bestellung hier.