Skandal-Coach soll Draisaitls großen Traum erfüllen
Draisaitl findet deutliche Worte nach dem Playoff-Aus
Die Edmonton Oilers um den deutschen Starspieler Leon Draisaitl haben mit Mike Babcock einen neuen Coach. Der Kanadier ist für seinen harten Führungsstil berüchtigt – einige Ex-Spieler werfen ihm Mobbing, Beleidigung und Grenzüberschreitungen vor.
Nach zwei Finalniederlagen in den letzten drei Jahren soll Leon Draisaitls Edmonton Oilers in diesem Jahr endlich der große Wurf in der NHL gelingen. Für den ersten Stanley-Cup-Sieg seit 1990 greifen die Oilers dafür auf einen der umstrittensten Coaches der jüngeren Liga-Geschichte zurück.
Die sportlichen Erfolge von Mike Babcock als Headcoach sind unbestritten: Als bisher einziger Trainer der Geschichte gehört er zum Kreise des elitären „Triple-Gold-Clubs“ – also der Reihe derer, die in ihrer Karriere sowohl den Stanley Cup, die Weltmeisterschaft als auch die Olympischen Spiele gewinnen konnten. Bei Olympia holte er mit Kanada sogar zweimal Gold. Dazu gesellen sich beim 63-Jährigen allerdings auch schwere Vorwürfe auf menschlicher Ebene.
NHL: Babcock ist bekannt für harte Personalentscheidungen
Eine harte Hand und ein Trainer der alten Schule – das sind wohl noch die diplomatischeren Beschreibungen für die bewegte Karriere von „Babs“, wie der Coach landläufig genannt wird. Besonders bei Personalentscheidungen ist der Kanadier sicherlich nicht für Einfühlsamkeit bekannt.
In seiner ersten Vorbereitung als NHL-Coach bei den Mighty Ducks of Anaheim strich er mit Jason York, Denny Lambert und German Titov gleich drei gestandene Spieler ohne große Vorwarnung aus der Mannschaft. Alle fanden bei der Ankunft im Trainingslager ihre Spinde leer vor.
Lambert beschwerte sich später: Hätte er das gewusst, wäre er lieber bei seinem zweijährigen Sohn geblieben, der zeitgleich mit gebrochenem Bein im Krankenhaus lag.
„Ein schrecklicher Mensch, der schlimmste, den ich je getroffen habe“
Das sollte allerdings nur der Beginn des mittlerweile berüchtigten Führungsstils des studierten Sportpsychologen sein. Ex-Spieler Tony Martensson berichtete der schwedischen Zeitung Expressen vor einigen Jahren, Babcock habe ihn zu Beginn der 2000er wiederholt als zu klein und schmächtig verspottet.
Verbale Entgleisungen sollen kein Einzelfall geblieben sein. „Ich bekomme einen Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke“, zitiert The Athletic den früheren Rookie der Detroit Red Wings, Johan Franzen. Babcock sei zwar ein gut vorbereiteter Trainer, der eine Mannschaft zusammenstellen könne, „aber er ist ein schrecklicher Mensch, der schlimmste, den ich je getroffen habe. Er ist ein Tyrann, der Menschen angegriffen hat“, berichtete der Schwede.
Babcock habe Franzen damals regelmäßig als „fettes Schwein“ bezeichnet, erhob sein damaliger Mitspieler Chris Chelios im Podcast „Spittin‘ Chiclets“ schwere Vorwürfe. Franzen bekannte später, wegen Babcocks Verhaltens lange unter Angstzuständen gelitten zu haben.
Seine letzte Amtszeit dauerte gerade einmal zwei Monate
Der Trainer zeigte sich von den Anschuldigungen bestürzt: „Ich wünschte wirklich, ich hätte das damals gewusst. Und ich hätte etwas dagegen tun können“, erklärte Babcock einst. „Abgesehen davon, mich zu entschuldigen, kann ich jetzt nicht viel dagegen tun. Aber tut es weh? Tut es weh? Absolut.“
Die bisher letzte Trainerstation des Sohns eines Bergbauingenieurs liegt mittlerweile drei Jahre zurück und dauerte nicht einmal zwei Monate. Die Columbus Blue Jackets verpflichteten Babcock vor der Saison 2023/24 als Coach und setzten ihn noch während der Preseason wieder vor die Tür.
Als Teambuildingmaßnahme habe er seine Mannschaft aufgefordert, private Fotos aus ihrer Handy-Galerie zu teilen. Franchise und Trainer bestritten zunächst einen Grenzübertritt, eine Untersuchung durch die Spielergewerkschaft NHLPA sorgte schließlich doch noch für das schnelle Babcock-Aus.
Ebenfalls bekannt ist, dass Babcock in Diensten als Trainer der Toronto Maple Leafs einen Spieler dazu aufforderte, ihm eine Liste zu erstellen, in der dieser seine Teamkollegen nach Arbeitsmoral sortierte. Babcock stellte diese Liste anschließend der gesamten Mannschaft zur Verfügung.
Draisaitl freut sich auf Babcock: „Wir brauchen das“
Doch trotz aller Kritik an seinen Methoden feiert der ehemalige Coach der kanadischen Nationalmannschaft nun sein Comeback in der größten Eishockey-Liga der Welt. Seine unnachgiebige Art soll die Edmonton Oilers um die Starspieler Leon Draisaitl und Connor McDavid nach 27 Jahren des Wartens endlich wieder den Stanley Cup in die Höhe stemmen lassen.
„Ich denke, er hat einen sehr klaren Plan und ich denke, dass er Leute zur Verantwortung ziehen wird und es für ihn keinen Unterschied macht, wer es ist, den er zur Verantwortung zieht“, begrüßte Draisaitl die Verpflichtung Babcocks nach der Trennung von Kris Knoblauch.
„Wir sind alle gestandene Männer und können schon damit umgehen, wenn es mal lauter wird. Und das muss auch passieren – auch wenn es nicht funktionieren wird, wenn es in jedem Spiel passiert. Ich glaube, dass ‚Babs‘ eine gute Linie hat und es ihm im Endeffekt egal ist, ob da der Herr McDavid, der Herr Draisaitl oder jemand aus der vierten Reihe sitzt“, fuhr der gebürtige Kölner fort. „Diese Autorität und das Gleichbehandeln hat er sehr gut im Griff. Wir brauchen das, wir wollen das, und wir werden das auch annehmen!“
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Draisaitl startet mit den Oilers in der Nacht zu Mittwoch (4 Uhr deutscher Zeit) gegen die Vancouver Canucks in die neue Saison – dann wird Babcock, der Mann mit dem zweifelhaften Ruf, sein erstes NHL-Match seit 2019 verantworten.