Ehemaliger Gladbach-Trainer deutlich: „Bange wirklich“
Kann er das Ruder in Gladbach herumreißen?
Die Krise bei Borussia Mönchengladbach wird immer schlimmer. Im SPORT1-Interview spricht mit André Schubert jemand, der sich mit Krisen bei den Fohlen auskennt. Der Ex-Trainer glaubt an seinen Verein, macht sich aber trotzdem Sorgen.
Borussia Mönchengladbach steckt in der Bundesliga weiter mächtig in der Krise. Zum Debüt von Neu-Trainer Alexander Blessin kassierten die Fohlen direkt eine bittere 1:2-Niederlage im Derby beim 1. FC Köln. In der Tabelle steht Gladbach dadurch weiter auf dem letzten Tabellenplatz. Am kommenden Wochenende geht es im Heimspiel ausgerechnet gegen den Vorletzten aus Hoffenheim. Die Wende soll her!
Einer, der weiß, wie man den Traditionsverein erfolgreich aus einer Krise führt, ist der ehemalige Trainer André Schubert. 2015 übernahm er Gladbach in einer ähnlichen Situation und führte den Verein damals sogar noch in die Champions League.
Im Interview mit SPORT1 macht Schubert aber deutlich, dass man die Lage von damals schwer mit der aktuellen vergleichen kann. Der ehemalige Trainer hat aber trotzdem eine klare Meinung, was sich verändern muss. Er traut dem neuen Trainer Blessin allerdings zu, seinen Ex-Verein aus dem Keller zu führen. Trotzdem macht Schubert auch deutlich, dass er sich durchaus um die Fohlen sorgt.
SPORT1: Herr Schubert, Borussia Mönchengladbach steht nach fünf Spieltagen punktlos da. Wie sehr erinnert Sie das an den Herbst 2015, als Sie nach dem Rücktritt von Lucien Favre übernommen haben?
André Schubert: Das ist natürlich nicht ganz vergleichbar, weil wir damals andere Voraussetzungen hatten. Im Vorjahr war die Mannschaft mit Lucien Favre in die Champions League vorgestoßen. Wir hatten mehr erfahrene Spieler und insgesamt eine andere Teamqualität. Die Tabellenkonstellation mit null Punkten nach fünf Spielen ist natürlich gleich, aber die Ausgangslage war eine andere.
SPORT1: Wo sehen Sie die größten Unterschiede zu damals?
Schubert: Wir hatten damals mit Lars Stindl, Granit Xhaka, Raffael oder Oskar Wendt viele erfahrene Spieler. Dazu kam mit Mo Dahoud ein junger Spieler mit enormem Potenzial. Die Grundqualität war sicherlich höher. Der Druck war damals auch ein anderer. Nach der Champions-League-Qualifikation konnte sich eigentlich niemand die fünf Niederlagen zum Auftakt erklären. Heute ist die Situation anders. Gladbach sucht seit geraumer Zeit nach dem richtigen Weg und hat im Sommer erneut einen kleinen Umbruch durchlaufen.
Schubert fordert: Gladbach muss „klare Identität“ finden
SPORT1: Ist der aktuelle Kader besser, als es die Tabellensituation vermuten lässt?
Schubert: Für Borussia Mönchengladbach ist es jetzt sehr wichtig, herauszuarbeiten, wofür der Verein stehen will und welcher Spielstil die Mannschaft auszeichnet. Alexander Blessin muss möglichst schnell vermitteln, für welchen Fußball Borussia Mönchengladbach stehen soll und sich auf die eigenen Stärken konzentrieren. Natürlich gehört Gladbach derzeit nicht zu den Mannschaften, die sagen können: Außer drei, vier Vereinen schlagen wir jeden Gegner. Deshalb braucht es eine klare Identität. Die Mannschaft muss wissen, wofür sie steht und welchen Weg sie gehen will.
SPORT1: Nach dem Schlusspfiff in Köln war der Unmut der Fans deutlich zu spüren. Können Sie die Reaktion nachvollziehen?
Schubert: Borussia Mönchengladbach ist ein unglaublich großer Verein mit einer wahnsinnigen, sehr leidenschaftlichen Anhängerschaft. Die Fans sind grundsätzlich bereit, jeden Weg mitzugehen. Aber die Art und Weise ist dabei sehr wichtig. Die Mannschaft muss die Fans wieder mitreißen. Wenn du sie mit deiner Leidenschaft und deiner Spielweise überzeugst, dann gehen sie auch wieder auf dich zu. Und wenn du die Fans hinter dir hast, dann ist das gerade im Borussia-Park ein enorm wichtiger Faktor.
SPORT1: Das Derby beim 1. FC Köln war für Alexander Blessin kein dankbares Debüt. Wie schwer ist so ein Einstieg?
Schubert: Da kam viel zusammen. Ein Derby und dann auch noch auswärts als erstes Spiel ist alles andere als einfach. Aber solche Dinge kann man nicht beeinflussen. Man muss sie annehmen und das Beste daraus machen. Deshalb ist es jetzt wichtig, Ruhe zu bewahren. Nach einem Trainerwechsel braucht es Zeit, bis Trainer und Mannschaft zueinanderfinden. Jetzt folgt mit Hoffenheim das nächste wichtige Spiel. Zuhause musst du die Zuschauer hinter dich bringen. Das gelingt nur mit einer leidenschaftlichen Art, Fußball zu spielen, aktiv nach vorne zu agieren und mutig zu bleiben. Dann kann der Borussia-Park eine enorme Wucht entwickeln.
SPORT1: Halten Sie Blessin grundsätzlich für den richtigen Trainer in dieser Situation?
Schubert: Er steht für einen aktiven Fußball, lässt seine Mannschaften offensiv spielen und setzt auf viel Druck nach vorne. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass er den Fußball entwickeln kann, für den Borussia Mönchengladbach eigentlich steht. Aber er braucht natürlich ein paar Tage, um die Mannschaft zu stabilisieren. Der Druck ist da, die Tabellensituation ist schwierig. Trotzdem darf man sich davon nicht lähmen lassen. Der permanente Blick auf die Tabelle hilft nicht weiter. Entscheidend ist, sich auf die eigene Leistung zu konzentrieren.
„Ich bange wirklich um Borussia Mönchengladbach“
SPORT1: Nach dem Derby sagte Blessin, seine Mannschaft habe alles reingeworfen. Wie bewerten Sie solche Aussagen nach einer Niederlage gegen den größten Rivalen?
Schubert: Wenn du dich als Trainer oder Verantwortlicher nur auf die Tabelle reduzierst, kommst du nicht weiter. Es geht darum, ob du mit der Art und Weise deines Spiels einverstanden bist. Dass die Spieler kämpfen, laufen und alles geben, ist die Basis. Wenn das fehlt, wird es problematisch. Darüber hinaus brauchst du den Mut, nach vorne zu spielen, hoch zu pressen, Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte zu erzielen und nach Ballverlust sofort ins Gegenpressing zu gehen. Diese Ansätze habe ich gegen Köln gesehen. Daran muss jetzt weitergearbeitet werden. Wenn die Performance stimmt, kommen die Ergebnisse automatisch. Andersherum funktioniert es nicht.
SPORT1: Said El Mala hat für Köln das Siegtor erzielt und gilt als Unterschiedsspieler. Welchem Gladbacher trauen Sie eine ähnliche Rolle zu?
Schubert: Das ist schwer zu sagen, weil einige neue Spieler hinzugekommen sind. Aber natürlich gibt es auch bei Gladbach großes Potenzial. Wir haben damals erlebt, wie sich Spieler wie Nico Elvedi oder Mo Dahoud entwickelt haben. Heute sehe ich beispielsweise bei Hugo Bolin oder Wael Mohya viel Potenzial. Auch Tim Kleindienst kann als Führungsspieler eine wichtige Rolle übernehmen. Letztlich hängt aber alles davon ab, dass Mannschaft und Trainer gemeinsam eine klare Idee entwickeln. Die entscheidende Frage lautet: Welchen Fußball will Borussia Mönchengladbach spielen? Man muss die Borussia wieder erkennen können. Wenn die Spieler ohne Wappen auf dem Trikot auflaufen würden, müsste man trotzdem sofort sehen: Das ist Borussia Mönchengladbach. Das ist für mich der Hauptpunkt.
SPORT1: 2015 haben Sie nach Amtsantritt sechs Bundesliga-Spiele in Folge mit den Fohlen gewonnen und sich am Ende der Saison sogar noch für die Champions League qualifiziert. Wird Gladbach auch dieses Mal relativ schnell die Kurve bekommen oder droht eine komplette Saison im Abstiegskampf?
Schubert: Das kann niemand seriös vorhersagen. Wir haben 2015 auch nicht damit gerechnet, so schlecht zu starten. Genauso wenig kann man positive Entwicklungen exakt prognostizieren. Für Gladbach geht es in dieser Saison zunächst darum, Stabilität zu gewinnen und in einen Rhythmus zu kommen. Gleichzeitig muss der Verein wieder den Fußball etablieren, für den Borussia Mönchengladbach stehen soll. Das ist aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren etwas verloren gegangen. Allerdings waren die Rahmenbedingungen auch schwierig. Es gab große Umbrüche und wichtige Spieler mussten ersetzt werden. Jetzt geht es darum, den Anschluss ans Tabellenmittelfeld herzustellen und sich zu stabilisieren. Eine ähnliche Erfolgsserie wie 2015 sollte man angesichts der völlig anderen Voraussetzungen nicht erwarten.
SPORT1: Sie sprechen noch immer mit großer Verbundenheit über den Verein.
Schubert: Ja, absolut. Ich bange wirklich um Borussia Mönchengladbach, weil ich dem Verein viel zu verdanken habe. Außerdem habe ich noch einen engen Draht zu den Verantwortlichen. Ich kenne Rouven Schröder, Jan-Moritz Lichte und Markus Gellhaus. Das sind Menschen, die ich unter anderem aus der Zeit bei Paderborn kenne und mit denen ich lange gearbeitet habe. Da steckt viel Herzblut drin. Es geht jetzt darum, dass sie gemeinsam wieder aus dieser Situation herauskommen. Borussia Mönchengladbach ist einfach ein unfassbar großer Verein mit besonderen Emotionen. Ich hoffe sehr, dass es wieder in die richtige Richtung geht.