Eine realitätsferne Überlegung
Doppelpass verkündet Trainer-Entlassung live
Borussia Mönchengladbach ist auf der Suche nach einem neuen Cheftrainer. Dass am Niederrhein Ole Werner als Nachfolger von Eugen Polanski ins Spiel gebracht wird, ist realitätsfern, findet SPORT1-Kolumnist Tobias Holtkamp.
Dass in Mönchengladbach viele an Ole Werner als neuen Trainer dachten, zeigt einerseits gut, welchen Anspruch die „einzige wahre Borussia“ nach wie vor hat. Doch, und darüber wurde in der Bundesliga zuletzt oft gesprochen, es belegt eben auch, wie realitätsfern die Wahrnehmung rund um die Borussia mittlerweile ist.
Die letzten fünf Saisons beendete der Traditionsriese auf zweistelligen Tabellenplätzen. Wirtschaftlich ging es bergab, sportlich standen deutlich mehr Fehl- als gewinnbringende Entscheidungen. Auf Marco Rose, der vor fünf Jahren zum BVB wechselte, folgten mittlerweile fünf Trainer. Nach dem Aus von Ur-Borusse Eugen Polanski ist jetzt Jan-Moritz Lichte verantwortlich und soll Samstag gegen Mainz die Wende schaffen. Lichte war im Sommer von Manchester City gekommen, wo er als Cheftrainer im Nachwuchsbereich gearbeitet hatte. In der langen Länderspielpause, 21 Tage ohne Bundesligaspiel, soll dann der nächste Cheftrainer übernehmen.
Schröders nächster Schuss muss sitzen
Zurück zu Ole Werner. Dass der Ex-Leipzig-Coach Mönchengladbach ausrichten ließ, nicht zur Verfügung zu stehen, verdeutlicht, wie weit der Cheftrainer-Posten am Niederrhein mittlerweile von den Top-Adressen der Bundesliga entfernt ist. „Nach Mönchengladbach geht jetzt nur jemand, der karrieremäßig gerade ein paar Kratzer hat. Der nichts zu verlieren hat“, sagt ein Spieler- und Trainerberater, der mehrere Top-Namen der Branche unter Vertrag hat: „Oder eben jemand, für den die Bundesliga ein Sprungbrett sein kann, ein Schaufenster.“
Dass Gladbachs Manager Rouven Schröder, ein Vollprofi mit riesigem Netzwerk, verschiedene Möglichkeiten durchdenkt und prüft, ist klar. Sein Schuss muss sitzen. Werner wäre für den VfL eine 1A-Option gewesen. Doch, so ist zu hören, waren ihm sowohl die sportliche Ausgangslage als auch die mittelfristige Perspektive in Mönchengladbach zu wenig attraktiv. Seinen Vertrag in Bremen hatte er schließlich ebenfalls nicht verlängert, weil ihm dort die Möglichkeiten fehlten, eine Mannschaft aufzubauen, die um Titel oder im Europapokal mitspielen kann. Genau das ist ja auch Gladbachs Problem.
Blessin und Steffen in Gladbach gehandelt
So kompliziert die Saison nun schon wieder wird, so anspruchsvoll dürfte auch die Trainerwahl werden. Mit Alexander Blessin, ehemals St. Pauli, und Horst Steffen, zuletzt bei Werder Bremen, stehen zwei Kandidaten bereit, die als Trainertypen kaum unterschiedlicher sein könnten – in der Branche aber beide einen exzellenten Ruf genießen. Für einen Friedhelm Funkel ist es noch zu früh. In Dänemark wird auch der Name Brian Priske ins Spiel gebracht, der zurzeit Sparta Prag coacht. Wie Tipsbladet berichtet, erwägt Gladbach eine Millionenzahlungen für den 49-Jährigen zu tätigen.
Dass Rouven Schröder, der Polanski erst vor zehn Monaten mit einem Cheftrainervertrag bis 2028 ausstattete, noch vor der Länderspielpause handelte, zeigt, wie gering sein Glaube an einen Turnaround inzwischen war. Drei Spiele genügten, um sämtliche Zuversicht aus dem Sommer zu pulverisieren.
Also beginnt sich das Trainerkarussell schon zu drehen, im Spätsommer. Gefühlt jedes Jahr ein bisschen früher. Und vielleicht schauen nach dem nächsten Spieltag, wenn sich die Bundesliga dann in ihre neue Pause verabschiedet, ja auch noch andere Vereine genauer hin, wer da gerade alles Platz genommen hat. Hamburg gegen Köln hat in diesem Zusammenhang ganz sicher auch einiges zu bieten.