Historischer Gladbach-Fehlstart weckt Erinnerungen
Gladbach-Coach fassungslos: "Muss mir einer erklären"
Borussia Mönchengladbach erlebt den schlechtesten Saisonstart seiner Bundesliga-Geschichte. Nur 2015 waren die Fohlen ähnlich desaströs gestartet – damals folgte nach dem Rücktritt von Lucien Favre jedoch eine spektakuläre Aufholjagd.
Ausschreitungen auf den Rängen, Ratlosigkeit auf dem Platz und eine Derbyniederlage, die tiefe Spuren hinterlässt: Bei Borussia Mönchengladbach werden die Sorgen immer größer.
Das 1:2 beim 1. FC Köln am Sonntag, das erste Pflichtspiel des neuen Trainers Alexander Blessin, war bereits die fünfte Niederlage im fünften Bundesliga-Spiel. Damit haben die Fohlen den schlechtesten Saisonstart ihrer Vereinsgeschichte hingelegt.
Nur einmal zuvor war Gladbach ähnlich miserabel gestartet: in der Saison 2015/16. Damals fiel die Tordifferenz nach fünf Spieltagen mit 2:12 immerhin etwas besser aus als jetzt (7:18).
Nach Derbypleite zog Favre die Reißleine
Vor elf Jahren, ebenfalls nach einer Niederlage im rheinischen Derby, folgte damals ein tiefer Einschnitt. Nach dem 0:1 beim damaligen Aufsteiger Köln verkündete Lucien Favre völlig überraschend seinen Rücktritt. Der Schweizer überrumpelte damit sogar die Klubführung, die seinen Entschluss zunächst nicht akzeptieren wollte.
Favre habe „nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein. Es ist jetzt an der Zeit und die beste Entscheidung für den Verein und die Mannschaft, eine Veränderung herbeizuführen“, erklärte er damals in einer persönlichen Mitteilung.
Doch alle Überzeugungsversuche der Verantwortlichen um Manager Max Eberl blieben erfolglos. Favre blieb bei seiner Entscheidung und verließ den Verein schließlich abseits eines großen medialen Rummels.
Aus der Notlösung wurde ein Erfolgsmodell
Die Borussia stand plötzlich ohne Trainer da und musste auf die Schnelle handeln. Die Wahl fiel auf U23-Coach André Schubert, zunächst lediglich als Übergangslösung. Was anschließend folgte, zählt wohl zu den bemerkenswertesten Wendungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte.
Schon im ersten Spiel unter Schubert feierte Gladbach einen furiosen 4:2-Erfolg gegen den FC Augsburg. Bereits nach 21 Minuten führten die Fohlen mit 4:0 – außergewöhnlich, weil sie zuvor in fünf Ligaspielen insgesamt nur zwei Tore erzielt hatten.
Der Höhenflug setzte sich fort. Schubert gewann seine ersten sechs Bundesliga-Partien als Cheftrainer und wurde im November schließlich dauerhaft befördert. Insgesamt blieb Gladbach unter seiner Regie sogar die ersten zehn Ligaspiele ungeschlagen, darunter ein viel beachteter 3:1-Erfolg gegen den FC Bayern.
Vom Tabellenende in die Champions League
Als Schubert übernahm, war die Borussia Tabellenletzter, dennoch stand am Saisonende Platz vier zu Buche. Aus dem völligen Fehlstart wurde eine spektakuläre Aufholjagd, die den Klub noch bis in die Qualifikation zur Champions League führte.
„Wir hatten damals mit Lars Stindl, Granit Xhaka, Raffael oder Oskar Wendt viele erfahrene Spieler. Dazu kam mit Mo Dahoud ein junger Spieler mit enormem Potenzial. Die Grundqualität war sicherlich höher. Der Druck war damals auch ein anderer“, blickte Schubert im SPORT1-Interview zurück.
Die aktuelle Situation ist allerdings etwas anders. Der desaströse Saisonbeginn kostete Eugen Polanski bereits nach dem dritten Spieltag seinen Job. Der Trainerwechsel ist also bereits früher vollzogen worden.
Der damit verbundene Impuls, den sich die Bosse erhofften, verpuffte zudem: Das Debüt des neuen Cheftrainers Alexander Blessin beim Erzrivalen in Köln ging wie bereits erwähnt verloren.
Gladbach: Der Weg aus der Krise ist lang
Dennoch waren immerhin erste positive Ansätze erkennbar. Die Dreierkette sorgte für mehr defensive Stabilität: Gladbach ließ gegen den Effzeh nur 1,31 erwartete Gegentore zu. Zudem reagierte die Mannschaft nach dem Rückstand und kam zurück ins Spiel.
„Ich habe eine Mannschaft gesehen, die gelebt hat, die bis 90+7 alles reingeworfen hat“, betonte Blessin nach dem Spiel.
Von einer Wende wie unter Schubert ist die Borussia derzeit zwar noch weit entfernt. Die Erinnerung an 2015 zeigt jedoch: Selbst nach einem historischen Fehlstart kann sich das Blatt noch wenden. Der Weg aus der aktuellen Krise ist allerdings sehr lang.
Vor allem brauche es jetzt eine „klare Identität“, forderte Schubert: „Alexander Blessin muss möglichst schnell vermitteln, für welchen Fußball Borussia Mönchengladbach stehen soll und sich auf die eigenen Stärken konzentrieren.“