Ein Märchen in der Süper Lig: Weit mehr als nur Fußball
Amedspor stürmt als Aufsteiger an die Spitze der Süper Lig. Cem Üstündağ spricht bei SPORT1 über den sensationellen Start, die besondere Wucht der Fans und die Duelle mit Salah, Sané und Nübel.
Amedspor mischt aktuell die Süper Lig auf. Der Aufsteiger aus Diyarbakir steht nach sechs Spieltagen sensationell an der Tabellenspitze und hat mit Trabzonspor, Başakşehir und Besiktas bereits drei etablierte Klubs geschlagen. Mittendrin: Cem Üstündağ. Der 25 Jahre alte Österreicher erlebt gerade ein Fußball-Abenteuer, das selbst er vor Saisonbeginn kaum für möglich gehalten hätte.
Üstündağ spricht bei SPORT1 über die unglaubliche Unterstützung der Fans, die besondere Bedeutung des Vereins und den Umgang mit der kurdischen Identität von Amedspor. Außerdem erzählt er, was Mohamed Salah, Leroy Sané und Alexander Nübel in der Türkei auszeichnet – und warum der Aufsteiger trotz des Traumstarts lieber noch nicht von Europa träumt.
SPORT1: Herr Üstündağ, Amedspor ist nach sechs Spieltagen sensationell Tabellenführer der Süper Lig. Wie surreal fühlt sich die aktuelle Situation für Sie an?
Cem Üstündağ: Wenn mir am Anfang der Saison jemand gesagt hätte, dass wir nach sechs Wochen Erster sind, hätte das niemand geglaubt. Ich selbst auch nicht.
Amed SFK wird direkt zum Gigantenschreck
SPORT1: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Mit dieser Mannschaft könnte tatsächlich etwas gehen?
ÜstündaÄŸ: Wir sind gut in die Saison gestartet, haben das erste Spiel gegen Erzurumspor zu Hause 3:0 gewonnen. Dann kam eine Niederlage und anschließend das schwere Spiel gegen Trabzonspor, bei denen die ganzen Superstars wie Mohamed Salah und Fabinho spielen. Nach dem 2:1-Sieg und unserer Leistung in diesem Spiel habe ich gedacht: ‚Okay, wir haben es wirklich drauf.‘
SPORT1: Was macht diese Mannschaft momentan so stark?
Üstündağ: Vor allem unsere Fans. Zu Hause spielen wir nicht mit einem Mann mehr, sondern mit zehn Mann mehr auf dem Platz. Die Fans machen einen riesigen Unterschied.
SPORT1: Was passiert nach solchen Siegen wie gegen Besiktas in der Kabine?
Üstündağ: Natürlich ist die Stimmung gut, wenn man gegen Beşiktaş, Trabzonspor oder Başakşehir gewinnt. Aber man muss auf dem Boden bleiben. Wir haben gegen große Vereine gespielt und gewonnen, aber es kann auch schnell andersherum gehen. Wir sind erst am Anfang der Saison. Niemand hätte zum Beispiel gedacht, dass wir Başakşehir mit 5:0 schlagen. Başakşehir spielt schließlich seit Jahren international, zum Beispiel in der Conference League.
Amedspor steht für viel mehr als nur Fußball
SPORT1: Wussten Sie schon vor Ihrem Wechsel um die besondere Geschichte von Amedspor?
Üstündağ: Ich wusste schon länger, dass es diesen Verein gibt. Ich komme aus Österreich und bin selbst kein Kurde, habe aber viele kurdische Freunde. Schon als ich mit meinen Jungs auf dem Bolzplatz gespielt habe, hatten sie Amedspor-Trikots an. Als ich im vergangenen Sommer in die Türkei gewechselt bin und bei Kasımpaşa gespielt habe, hat man natürlich mitbekommen, dass Amedspor in der zweiten Liga guten Fußball spielt. Als dann im Winter das Angebot kam, habe ich mich noch einmal genauer über den Verein informiert. Man kann Amedspor von der Tradition her durchaus mit großen Klubs in der Türkei wie Galatasaray, Fenerbahçe, Beşiktaş oder Trabzonspor vergleichen. Wenn man in der Türkei spielt, bekommt man davon natürlich viel mehr mit als in Europa.
SPORT1: Amedspor steht für viele Menschen auch für kurdische Identität. Wie stark spüren Sie diese besondere Bedeutung im Alltag rund um die Spiele?
Üstündağ: Der Verein hat für diese Menschen eine sehr große Bedeutung. In dieser Stadt und generell in dieser Region im Osten der Türkei leben viele Menschen für den Fußball und für diesen Verein. Ich persönlich habe aber keinen großen Unterschied erlebt. Ich spiele hier einfach als Türke Fußball, bin ganz normal willkommen und habe bisher nichts Politisches erlebt.
SPORT1: Es gibt allerdings Berichte über rassistische Anfeindungen gegen Amedspor. Haben Sie so etwas selbst erlebt?
Üstündağ: Provokationen gibt es überall. Ich habe das auch schon selbst erlebt, wenn man für den Verein auf dem Platz steht. Aber das gibt es nicht nur bei Amedspor, sondern auch bei Vereinen wie Real Madrid. Bisher habe ich jedenfalls nichts Schlimmes erlebt, das darüber hinausgeht.
Geheimrezept: Ohne Stars zum Erfolg
SPORT1: Kommen wir wieder zum Sportlichen: Der frühere Hoffenheimer Gift Orban trifft momentan fast nach Belieben. Was macht ihn als Mitspieler so besonders?
Üstündağ: Gift ist ein sehr wichtiger Spieler für uns. Er hat, glaube ich, in den vergangenen fünf Spielen sieben Tore und einen Assist gemacht. Er ist physisch sehr stark, und so einen Stürmer braucht man. Er ist nicht nur ein Spieler, der in der Box agiert, sondern auch außerhalb. Außerdem ist er ein super Mensch und hat einen super Charakter. Ich bin sehr froh, dass er bei uns in der Mannschaft ist.
SPORT1: Amedspor hat mehrere Spieler mit internationaler Erfahrung. Warum funktioniert diese Mischung gerade so gut?
Üstündağ: Wir haben keine Superstars in der Mannschaft. Wir haben nicht die großen Namen wie Trabzonspor mit Mohamed Salah oder Galatasaray mit Leroy Sané. Aber wir haben eine Mannschaft, die gierig ist, viel rennt, viel arbeitet und füreinander da ist. Ich glaube, genau deswegen funktionieren wir so gut.
SPORT1: Wie hat sich Ihre persönliche Rolle seit Ihrem Wechsel verändert?
Üstündağ: In der vergangenen Saison habe ich fast jedes Spiel von Anfang an gespielt. Diese Saison hatte ich eigentlich einen guten Start, habe die ersten beiden Spiele von Anfang an gemacht, war dann auf der Bank und bin wieder eingewechselt worden. Das ist im Fußball normal. Hauptsache, die Mannschaft funktioniert. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass ich meine Chancen bekommen werde. Es ist nicht das erste Mal, dass ich spiele, dann nicht spiele und anschließend wieder zum Einsatz komme. Damit komme ich klar, ich bin mental stark. Natürlich freut man sich, wenn man jedes Spiel spielt und der Mannschaft helfen kann. Aber momentan macht die Mannschaft es sehr gut, und darüber bin ich sehr froh.
ÜstündaÄŸ: „Sané und Salah kochen auch nur mit Wasser“
SPORT1: Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Ihnen in der Süper Lig plötzlich Spieler gegenüberstehen, die man sonst vielleicht nur aus dem Fernseher kennt?
Üstündağ: Das ist schon etwas Besonderes. Ich bin 25 und erst in meinem zweiten Jahr in der Türkei. Davor habe ich in Österreich gespielt. Dort hatte ich nicht diese großen Namen als Gegner. Jetzt spielt man gegen Mohamed Salah, Fabinho, Leroy Sané, Mason Greenwood oder Romelu Lukaku – und natürlich auch gegen Alexander Nübel. Wenn solche Spieler auf der anderen Seite stehen, ist das eine zusätzliche Motivation. Man teilt schließlich den Platz mit ihnen. Aber am Ende des Tages kochen sie auch nur mit Wasser.
SPORT1: Wie erleben Sie Leroy Sané in der Türkei?
Üstündağ: Ich habe bereits gegen ihn gespielt, damals noch mit Kasımpaşa. Leroy Sané ist ein sehr wichtiger Spieler für Galatasaray, sonst würde er nicht fast jedes Spiel spielen. Sein Antritt ist unglaublich. Auf den ersten drei, vier Metern kannst du ihn kaum aufhalten. Das ist nicht normal. Es ist wie bei Arjen Robben früher. Du weißt ganz genau, dass er nach innen zieht, aber du kannst es trotzdem nicht verhindern.
SPORT1: Und wie wird Mohamed Salah in der Türkei wahrgenommen?
Üstündağ: Salah hat am Anfang ein bisschen gebraucht. Er hat ungefähr zwei Spiele gebraucht, bis er seine ersten Treffer erzielt hat, und danach ist er richtig aufgegangen. Die Fans von Trabzonspor lieben ihn, so wie ich es mitbekommen habe.
Ganz Diyarbakır steht hinter Amedspor
SPORT1: Wie weit kann Amedspor am Ende dieser Saison kommen? Ist sogar Europa ein realistisches Ziel?
Üstündağ: Nein, ich muss auf dem Boden bleiben. Wir hatten einen sehr, sehr guten Start, aber im Fußball kann sich alles von heute auf morgen ändern. Deshalb müssen wir mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben und nicht fliegen. Wenn wir zum Beispiel die Conference League schaffen würden, wäre das natürlich eine Sensation. Aber wir haben erst sechs Spiele gespielt und noch sehr viele vor uns.
SPORT1: Was wäre für Sie persönlich am Ende der Saison die perfekte Geschichte?
Üstündağ: Wir wollen dieses Jahr so gut wie möglich abschneiden und zunächst einmal nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Dann kann man im nächsten Jahr schauen, wo wir uns noch verbessern können. Das ist meine Denkweise: Dieses Jahr so gut wie möglich abschneiden, anschließend die Defizite aufarbeiten und dann weiter nach oben schauen.
SPORT1: Sie sind in Tirol aufgewachsen. Was sagen Ihre Familie und Freunde dort inzwischen zu Ihrem Abenteuer in Diyarbakır?
Üstündağ: Als ich das Angebot von Amedspor bekommen habe, habe ich direkt meinen Vater angerufen und ihn gefragt, was er von der Stadt hält. Er war schon öfter dort, auch vor etwa 20 Jahren. Er hat mir gesagt, dass die Menschen dort sehr nett und warmherzig sind und er mir empfehlen würde, dorthin zu gehen. Genau das habe ich dann auch erlebt. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich.
SPORT1: Macht es Sie stolz, den Menschen mit den Siegen diese Freude zu schenken?
Üstündağ: Auf jeden Fall. Ich bin zum Beispiel letztens vom Flughafen mit einem Taxi nach Hause gefahren. Der Taxifahrer hat mich direkt erkannt. Als ich bezahlen wollte, sagte er zu mir: ‚Gewinn einfach so weiter. Deine Rechnung ist schon bezahlt.‘ Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht annehmen kann, weil das sein Recht und das Geld ist, das er sich erarbeitet hat. Auch in Restaurants passiert es, dass die Rechnung schon bezahlt wurde. So etwas erlebt man in Europa nicht so oft.