20-Jährige aus Deutschland lässt die Weltelite aufhorchen
Ein Siebenkampf bestraft, verzeiht und belohnt. Er ist ein Spiel aus Hoch- und Tiefpunkten und dem Kompromiss zwischen ihnen. Es sei denn, man macht es wie Anna-Elisabeth Ehlers und stürmt in gleich sechs von sieben Disziplinen zu einer neuen Bestleistung.
Wenn man als Siebenkämpferin einen Bilderbuch-Wettkampf malen müsste, dann sähe er wahrscheinlich so ähnlich aus wie der von Anna-Elisabeth Ehlers. Beim renommierten Décastar-Meeting im französischen Talence schraubte die 20-Jährige am 19. September ihre Bestpunktzahl auf 6374 Punkte. Innerhalb eines Jahres steigerte sie sich damit um 684 Punkte – im Juni letzten Jahres lag ihre persönliche Bestleistung noch bei 5690 Punkten.
Im Siebenkampf sind das Welten. Das weiß auch Ehlers. „Ich muss sagen, dass ich die Punktzahl noch gar nicht so ganz realisiert habe“, sagte sie im Interview mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband.
Im Süden von Bordeaux sprang, warf und sprintete die Leverkusenerin sich in einen regelrechten Rausch und schaffte das, wovon wohl jede Siebenkämpferin träumt. In gleich sechs von sieben Disziplinen steigerte sie ihren persönlichen Rekord. „Dann hat irgendwie alles funktioniert und ich habe einen nahezu perfekten Siebenkampf hingelegt“, sagte sie.
Ehlers musste sich nur der dreimaligen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam geschlagen geben. Die Bronzemedaillen-Gewinnerin von Paris, Noor Vidts aus Belgien, verwies sie dabei auf Platz drei.
Für die 20-Jährige, die parallel Jura studiert, endete mit diesem Siebenkampf die erste Freiluftsaison bei den Aktiven. Und die kannte nur eine Richtung: immer weiter nach oben. Dabei half ihr vor allem eine Spezialwaffe.
Der Startschuss für einen außergewöhnlichen Wettkampf
Ehlers schlug ungläubig die Hände vors Gesicht. Auf der Anzeigetafel im Stade Pierre-Paul-Bernard blinkten 13,78 Sekunden auf. Das erste Mal in ihrer Karriere war die 20-Jährige über die 100 Meter Hürden unter 14 Sekunden geblieben. Dabei hatte Ehlers erst im letzten Jahr die 15-Sekunden-Mauer durchbrochen.
Ihre Leistungssteigerung konnte Ehlers selbst kaum fassen: „Dass ich dabei direkt 13,78 Sekunden laufe, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet“, sagte sie. Einen besseren Start in einen zweitägigen Siebenkampf hätte man wohl kaum erwischen können.
Dabei ist gerade die erste Disziplin des Siebenkampfs extrem fehleranfällig. Ein Strauchler an der ersten Hürde bestraft die Athletinnen gnadenlos. In den technischen Disziplinen bleiben den Siebenkämpferinnen immerhin zwei weitere Versuche, um Fehler auszubügeln. So generös ist der Hürdenlauf nicht.
Ehlers spielt ihre Spezialwaffe aus
Die erfolgreiche Jagd über die Hindernisse sollte Aufwind bringen. Dabei benötigte Ehlers den für die zweite Disziplin des Tages eigentlich gar nicht. Der Hochsprung ist ihre Spezialwaffe – ihn beherrscht die 1,75 Meter große Athletin wie eine Spezialistin. Und das sogar so gut, dass sie Gold bei den deutschen Meisterschaften der U23 gewann und auch bei den Europameisterschaften in Birmingham an den Start ging.
Die Beziehung zum Hochsprung war jedoch keine Liebe auf den ersten Blick. Ehlers musste sich in die Sprungdisziplin zunächst „eingrooven“ und Abläufe trainieren: „Da habe ich mir dann nicht mehr so viele Gedanken darüber gemacht und dann ist mir das auch leichter gefallen. Umso leichter es einem fällt, desto lieber macht man es dann natürlich auch.“
Wie leicht ihr der Hochsprung inzwischen fällt, zeigte ihr furioser Auftritt in Talence. Bis zu den 1,88 Metern blieb die Leverkusenerin fehlerfrei. Dann lagen 1,91 Meter auf – die zu überspringen, würde Bestleistung bedeuten. Beim diesjährigen Mehrkampf-Meeting in Ratingen war sie das erste Mal über die 1,90-Meter-Marke gesprungen.
Den ersten Versuch riss Ehlers hauchdünn. Vor dem zweiten Anlauf atmete Ehlers noch einmal tief durch, animierte die Zuschauer zum Anfeuern, fokussierte die Latte – und dieses Mal sollte die Kombination aus Anlauf, Absprung und Flugphase perfekt gelingen. Ehlers strahlte, verbeugte sich kurz und schlug dann wie ein paar Stunden zuvor aus Ungläubigkeit die Hände vor das Gesicht. Keine Siebenkämpferin sollte an diesem Tag höher springen.
Für die 1,94 Meter reichte es an diesem Tag nicht mehr, doch die Sprünge deuteten an, dass ihr Potential hier noch lange nicht ausgeschöpft ist.
Das sagt Ehlers über einen Wechsel zum Hochsprung
Mit diesen Höhen springt Ehlers mittlerweile bis zu 15 Zentimeter höher als einige ihrer Siebenkampf-Konkurrentinnen. Im August trat sie in Birmingham gegen die besten Hochspringerinnen Europas rund um Weltrekordhalterin Yaroslava Mahuchikh an. Für das Finale reichten die übersprungenen 1,84 Meter damals nicht – dennoch konnte Ehlers in England wertvolle Erfahrungen auf der internationalen Leichtathletik-Bühne sammeln.
Ein Wechsel zum Hochsprung? Das käme für die 20-Jährige jedoch nicht infrage: „Dafür liebe ich die Vielschichtigkeit des Siebenkampfes viel zu sehr. Ich glaube, dass wenn ich mein Leben lang immer das Gleiche trainieren würde, dann wäre mir das auf jeden Fall zu langweilig.“
Die Hochsprung-Spezialistinnen dürften aufatmen, ihre Siebenkampf-Konkurrenz sollte gewarnt sein: „Ich würde sagen, dass mein Potential im Siebenkampf viel höher ist als im Hochsprung. Zudem macht es mir unglaublich viel Spaß, über diese zwei Tage hinweg siebenmal mein Bestes zu geben.“
Ein erster Dämpfer
Siebenmal das Beste zu geben bedeutet meist nicht, dass daraus siebenmal eine Bestleistung wird. Das macht den Mehrkampf aus – er findet irgendwo den Kompromiss.
Ehlers‘ Siebenkampf musste kaum Kompromisse finden. Einen kleinen Dämpfer gab es trotzdem: Im Kugelstoßen ließ sie das vier Kilogramm schwere Metall auf 12,16 Meter fliegen – im Juni hatte sie bei ihrem Sieg im spanischen Arona bereits über die 13-Meter-Marke gestoßen. Hier ließ die 20-Jährige Punkte liegen. Doch das wusste sie zu kompensieren.
Ziemlich unbeeindruckt vom Kugelstoß-Dämpfer brannte Ehlers am Abend die nächste Bestleistung auf die Bahn. Über die 200 Meter sprintete sie in 23,40 Sekunden ins Ziel. Im Vergleich zu ihrer Saisonbestleistung aus 2025 bedeutete das eine Steigerung von über eineinhalb Sekunden – auf einer Sprintdistanz sind das Welten.
Ehlers übernachtete mit 3.753 Punkten auf Rang drei. Eine höhere Punktzahl erzielten zur Halbzeit nur Thiam und Vidts. Doch auch die beiden Olympia-Größen befanden sich in Schlagdistanz.
Ehlers ist nicht auszubremsen
Am zweiten Wettkampftag setzte Ehlers ihre persönliche Rekord-Jagd fort. Und das mit einer Unbefangenheit, die beeindruckte. Keine sichtbaren Anzeichen von Leistungsdruck oder Anspannung, die der furiose erste Wettkampftag hätte auslösen können.
Im Weitsprung flog sie auf 6,48 Meter – Bestleistung. Keine ihrer Konkurrentinnen sollte weiter springen: Wie bereits im Hochsprung holte sie sich auch hier den Disziplinsieg. Diese Leistung addierte eine Punktzahl auf ihr Konto, mit der sie die Gesamtführung vor Thiam übernahm.
Doch im Speerwurf holte sich die dreimalige Olympiasiegerin Thiam ihre Führung zurück. Die zweite Disziplin des Tages gehört nicht zu den Stärken von Ehlers, dennoch hatte sie erneut Grund zum Strahlen: Mit einem Wurf auf 40,78 Metern knackte Ehlers erstmals die 40-Meter-Marke. Ein erneuter Meilenstein auf einer Entwicklungskurve, die nicht erst seit diesem Wettkampf stark nach oben zeigt.
Schulter an Schulter mit der Olympiasiegerin
Als Zweite des Gesamtklassements ging Ehlers in den abschließenden 800-Meter-Lauf. Und auch hier sollte sie beweisen, dass sie bereits in ihrer ersten Saison bei den Aktiven nicht nur mitläuft, sondern gestaltet. Ehlers lief mutig an, das gewonnene Selbstbewusstsein der vergangenen Tage steckte sichtbar in den Schuhen. Mit Thiam bog sie Schulter an Schulter auf die Schlussgerade ein, ehe sie auf der Außenbahn vorbeizog und in 2:11,82 Minuten zum Laufsieg stürmte.
Im Ziel richtete sich ihr Blick erwartungsvoll auf die Anzeigetafel. Nach zwei Tagen und sieben Disziplinen blinkte hinter dem Namen von Anna-Elisabeth Ehlers eine Gesamtpunktzahl von 6374 Punkten auf. Damit hatte sie ihre bisherige Bestleistung aus Ratingen um 181 Punkte gesteigert – die logische Konsequenz eines Mehrkampfes, der zu 86 Prozent aus Superlativen und Rekorden bestand.
Was hinter der Leistungsexplosion steckt
Woher die Leistungsexplosion kommt? Ehlers sieht die Gründe vor allem in dem Wechsel zur Leverkusener Trainingsgruppe rund um Bundestrainer Jörg Roos: „Da waren dann die Trainingsinhalte schon um einiges intensiver und haben bei mir wirklich unglaublich gut angeschlagen. Die waren top auf mich abgestimmt, das hatte sich auch in der Hallensaison schon gezeigt, als eine Bestleistung nach der anderen gefallen ist“, erklärte sie.
Im Training hätten Ehlers und ihr Trainer Roos den Fokus vor allem auf Dynamik und Geschwindigkeit gesetzt: „Das macht dann natürlich bei allen Disziplinen etwas gut. Auch haben wir viel an der Hürden- und Speertechnik gearbeitet. Bei dem Rest haben wir einfach darauf vertraut, dass es läuft“, erklärte sie. Und das hat eindrucksvoll funktioniert.
Trotz des Höhenflugs blickt die Athletin reflektiert und realistisch auf die nächste Saison. Und das, ohne an Ehrgeiz zu verlieren: „Ich habe vor, weiter zu wachsen und gerade das auszubauen, was jetzt dieses Jahr so gut funktioniert hat. Und die Defizite, die noch da sind, ein bisschen zu lösen. Welch eine Punktzahl dabei am Ende rauskommt, das wird sich zeigen, da mache ich mir keinen Druck.“
Eine konkrete Zielmarke will Ehlers ihrer Entwicklung also nicht setzen. Vielleicht auch deshalb, weil ihre bisherigen Grenzen zuletzt erstaunlich schnell zu Zwischenstationen wurden. Talence lieferte dafür den eindrucksvollsten Beweis. Der nahezu perfekte Siebenkampf könnte damit vor allem eines gewesen sein: ein Vorgeschmack.