Das Formel-1-Reife(n)zeugnis: Baku
Bei George Russell und Kimi Antonelli ist alles anders als zuletzt, und Max Verstappen spielt irgendwie weiterhin eine wichtige Rolle in der Formel 1.
George Russell gewinnt in Baku, und plötzlich ist die Welt eine andere. Der Mercedes-Pilot wirkt wieder wie ein Fahrer, mit dem immer zu rechnen ist, und genau das ist jetzt sein erklärtes Ziel: „Jedes einzelne Rennen gewinnen.“ Ob das am Ende sogar noch für den WM-Titel reicht? Dazu bräuchte es einen gewaltigen Einbruch von Teamrivale Kimi Antonelli, der am Wochenende zumindest ungewohnt unsicher wirkte. Und auch Max Verstappen könnte noch eine wichtige Rolle spielen. Ein Blick auf die drei Hauptdarsteller in Baku.
Russell glänzt – Antonelli wankt
GEORGE RUSSELL: Der Mercedes-Pilot ist in diesen Tagen „stolz“, der Grund: Er hält sich selbst weiterhin für einen guten Rennfahrer. „Es wäre in diesem Jahr einfach gewesen, den Glauben zu verlieren, aber das ist nie passiert“, sagte er nach dem Triumph von Baku. Und diese Haltung hat nun zu einem eindrucksvollen Comeback geführt: Pole Position, jede Runde an der Spitze, schnellste Rennrunde und der Sieg – in der Formel 1 nennt man das Grand Slam, „ich glaube, das war mein erster. Ganz sicher war es das dominanteste Wochenende meiner Karriere. Das kommt natürlich zu einem sehr guten Zeitpunkt.“ 66 Punkte Rückstand sind es immer noch auf Antonelli, ganz nüchtern betrachtet ist das weiterhin zu viel für acht verbleibende Rennen. Wer Russell in Baku aber sah, bekam den Eindruck, dass er sich ziemlich wohl fühlt in dieser Rolle. „Auf jeden Fall habe ich viel weniger Druck als Kimi“, sagte er, er wolle nun nicht den Teamkollegen jagen, sondern „jeden einzelnen Sieg“. Weiter geht es am kommenden Sonntag in Malaysia, Russell fühlt sich „bereit für die Crunchtime“.
KIMI ANTONELLI: Welche Auswirkungen ein einziges Rennwochenende auf das Gemüt dieser Individualsportler im Cockpit haben kann, war in Baku nicht nur an Russell zu beobachten. Kimi Antonelli, der 20-Jährige, dem in diesem Jahr alles gelang, schien wirklich mit sich zu hadern. „Es war mein mit Abstand schwächstes Wochenende des Jahres, ich war einfach nicht präsent“, sagte der Italiener hinterher, „ich bin immer einen Schritt hinterhergelaufen.“ Und diese Frage wird die Formel 1 nun genau eine Woche begleiten: War das ein einmaliger Ausrutscher, begleitet von durchaus unglücklichen Umständen in Baku? Oder spürt Antonelli im Auto nun doch die Last der Titelchance? Selbstvertrauen macht viel aus in einem Präzisionssport, in dem laufend Entscheidungen in Sekundenbruchteilen getroffen werden. Antonelli will daher „schnell wieder auf das normale Level kommen“. Gewinnt er in Malaysia, dann sind die Diskussionen wohl schnell beendet. Muss er sich Russell aber erneut geschlagen geben, dann wird es in der Tat ein interessanter Herbst.
Weitere News
MAX VERSTAPPEN: Der Blick auf die Mercedes-Piloten macht Sinn, der Fahrer des Tages saß aus Sicht der Fans aber im Red Bull. Max Verstappen gewann das Voting, von Startplatz acht hatte er beinahe noch gewonnen. 0,196 Sekunden fehlten am Ende auf Russell, und es lohnt auch der Hinweis auf die vergangenen Wochen: In fünf der sechs Rennen seit Mitte Juli stand Verstappen auf dem Podium, er spielt nur deshalb keine Rolle in der WM, weil Red Bull das erste Saisondrittel übel misslungen war. Nun allerdings ist der einstige Weltmeister-Rennstall auf der Höhe, und zwar als Ganzes: Im jungen Isack Hadjar hat Verstappen endlich mal wieder einen Teamkollegen, der mithalten kann, in Baku wurde er Dritter. In dieser Form könnten die beiden sogar noch einmal Faktoren im WM-Kampf werden. Nämlich dann, wenn sich öfter mal ein Red Bull zwischen die Mercedes schiebt. Verstappen selbst hat indes noch ein großes Ziel – er ist in diesem Jahr noch ohne Sieg, und das gibt es eigentlich gar nicht: Nur in seiner Rookiesaison 2015 ist ihm das in der Formel 1 passiert.