Hat Deutschlands Spitzensport ein Geldproblem?
Deutschlands Spitzensport kämpft um den Anschluss. Die ehemalige Ski-Weltmeisterin Miriam Vogt erklärt, warum dabei nicht nur Geld fehlt – und wo das Fördersystem dringend besser werden muss.
Spitzensport wird immer professioneller – und damit immer teurer. Wer an die Weltspitze will, braucht längst nicht mehr nur Talent, Training und einen guten Verband. Spezialtrainer, Physiotherapeuten, Athletik-Experten oder individuelle Performance-Angebote können schnell mehrere Tausend Euro kosten. Für manche Athleten wird die Frage deshalb existenziell: Wie viel Geld bleibt übrig, um die eigene Leistung weiterzuentwickeln?
Miriam Vogt kennt diese Probleme aus nächster Nähe. Seit fast zehn Jahren sitzt die ehemalige Ski-Weltmeisterin (Gold in der Kombination 1993 in Morioka) im Gutachterausschuss der Deutschen Sporthilfe und entscheidet mit darüber, welche Athleten und Projekte gefördert werden. Im Interview erklärt Vogt, warum selbst internationale Spitzenleistungen nicht automatisch finanzielle Sicherheit bedeuten, was der neue Champion Fonds verändern kann – und weshalb Deutschlands Probleme im Spitzensport nicht allein eine Frage des Geldes sind.
SPORT1: Frau Vogt, Sie sitzen seit fast zehn Jahren im Gutachterausschuss der Sporthilfe. Was genau ist dort Ihre Aufgabe?
Miriam Vogt: Der Gutachterausschuss ist letztlich das Entscheidungsgremium innerhalb des Förderkonzepts der Sporthilfe. In der Regel sind wir acht Gutachterinnen und Gutachter aus unterschiedlichen Disziplinen. Alle haben selbst eine leistungssportliche Vergangenheit und bringen deshalb ihre jeweilige Fachexpertise ein. Unsere Aufgabe ist es, die Anträge der Spitzensportverbände nicht nur formal zu betrachten, sondern auch den sportlichen Kontext zu verstehen. Bei manchen Förderbausteinen ist die Entscheidung relativ klar, bei anderen wird intensiv abgewogen und diskutiert.
SPORT1: Was muss ein Sportler mitbringen, damit Sie sagen: Dieser Athlet soll gefördert werden?
Vogt: Grundvoraussetzung ist die Zugehörigkeit zu einem Bundeskader. Zuletzt hat die Sporthilfe ihr Förderkonzept aber neu aufgestellt und ist deshalb nicht mehr eins zu eins mit der Kaderstruktur des DOSB synchronisiert. Die Sporthilfe steht insbesondere für die Werte Leistung, Fairplay und Miteinander. Dazu kommen die verschiedenen Kader- und Förderkriterien. Es gibt harte Kriterien, aber auch weichere Kriterien.
SPORT1: Spielt neben der sportlichen Leistung auch die finanzielle Situation eines Athleten eine Rolle?
Vogt: Es gibt zunächst eine klare Einkommensgrenze, die von der für die Sporthilfe als gemeinnützige Stiftung zuständigen Finanzverwaltung festgelegt wird. Wer darüber liegt, bekommt keine finanzielle Förderung, Sporthilfe-Medaillenprämien ausgenommen. Möglich sind immaterielle Leistungen der Sporthilfe zur Karriereplanung, beispielsweise das Sporthilfe Elite-Forum. Die Förderung orientiert sich also am leistungsorientierten Förderkonzept der Sporthilfe. Darüber hinaus gibt es Handlungsspielraum für individuelle Härtefälle.
Weiterentwicklung? Im schlimmsten Fall drohen Schulden
SPORT1: Gibt es tatsächlich noch Athleten, die trotz internationaler Spitzenleistungen finanziell kämpfen müssen?
Vogt: Ja, die gibt es. Der Aufwand und die Kosten, die Athletinnen und Athleten heute haben, sind durch die Professionalisierung des Sports deutlich gestiegen. Es hat sich ein Markt für spezialisierte Physiotherapeuten, Osteopathen, Athletiktrainer und andere Experten entwickelt. Wenn ein Athlet eine bestimmte Leistung einkaufen möchte, die der Verband oder das System, wie Olympiastützpunkte, nicht anbieten können, muss er sie selbst finanzieren.
SPORT1: Können Sie ein Beispiel nennen?
Vogt: Nehmen wir eine Hockeyspielerin, die für einige Wochen mit einem Top-Eckentrainer arbeiten möchte. Dafür können schnell mehrere Tausend Euro anfallen. Dann braucht sie entweder einen Mäzen, oder sie bezahlt es selbst, oder sie muss im schlimmsten Fall Schulden aufnehmen. Wenn sie sich weiterentwickeln möchte und der Verband bestimmte Expertenleistungen nicht vorhält, muss sie sich diese Leistungen selbst organisieren.
SPORT1: Was bedeutet das für einen Spitzensportler, der finanziell gerade so über die Runden kommt?
Vogt: „Über die Runden kommen“ bedeutet im Leistungssport eben nicht nur, dass man satt ist und vielleicht eine kleine Studentenwohnung hat. Es bedeutet auch, dass man sich voll auf seinen Sport konzentrieren und das notwendige Kapital aufbringen kann, um die eigene Leistung weiterzuentwickeln. Der Durchschnitt der Athletinnen und Athleten hat heute eine solide Grundversorgung, aber große Sprünge können sie damit sicher nicht machen. Sie müssen sehr genau haushalten.
SPORT1: Kann die finanzielle Situation auch dazu führen, dass Athleten über einen Ausstieg nachdenken?
Vogt: Ja, das zeigen Befragungen der Athletinnen und Athleten immer wieder. Sportkarrieren verlaufen zudem nicht linear. Sie sind eher wie eine Sinuskurve. Wenn die Leistung einmal nicht stimmt und ein Athlet seinen Kaderstatus verliert, kann die Förderung deutlich zurückgehen. Bei einer Verletzung gibt es zwar beispielsweise die sogenannte #comebackstronger-Förderung der Sporthilfe. Aber wenn die Leistung einfach eine Zeit lang nicht vorankommt, kann es finanziell eng werden. Dann müssen sich junge Menschen fragen: Mache ich weiter? Glaube ich noch daran? Diese Zwischenjahre können sowohl mental als auch finanziell sehr schwierig sein.
SPORT1: Wo sehen Sie aktuell die größten Lücken im Fördersystem?
Vogt: Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, dass die Förderung auskömmlicher wird. Aber durch die Professionalisierung haben sich eben auch neue Märkte entwickelt – bei Trainern, im medizinischen Bereich, bei Gesundheit und Athletiktraining. Wenn ein Athlet sich entscheidet, zusätzlich zu den Leistungen des Verbandes Dienstleistungen am Markt einzukaufen, braucht er dafür Investitionskapital.
Tipico Champion Fonds fördert Athleten
SPORT1: Genau hier setzt der Tipico Champion Fonds an. Was verändert sich dadurch?
Vogt: Das Besondere ist, dass Athletinnen und Athleten eigene Förderanträge einbringen können. Diese laufen zunächst über den Verband und werden dort befürwortet. Wenn sie dann bei uns auf dem Tisch liegen, beginnt die Diskussion: Was braucht der Athlet konkret? Geht es um Material, um ein Projekt im Bereich mentale Gesundheit und Performance oder um spezielles Know-how? Das kann zum Beispiel der Wunsch sein, mit einem bestimmten Top-Eckentrainer im Hockey zu arbeiten.
SPORT1: Ist der Champion Fonds aus Ihrer Sicht ein Modell, das Schule machen sollte – also mehr private Unternehmen, die gezielt in Spitzensportler investieren?
Vogt: Ja, das ist eine wichtige Säule. Ich finde, Tipico hat sich mit der Sporthilfe einen sehr kompetenten Partner gesucht. Die Sporthilfe ist eine etablierte und aus meiner Sicht sehr integre Organisation und eine zentrale Anlaufstelle für die Nachwuchs- und Spitzensportlerinnen und -sportler in Deutschland. Mit der Infrastruktur und dem Know-how der Sporthilfe kann hier viel bewirkt werden.
SPORT1: Braucht es also mehr Unternehmen, die sich engagieren?
Vogt: Ich würde das begrüßen. Wobei die Sporthilfe bereits großartige Partner aus der Wirtschaft hat, die sich sehr engagieren. Aber es geht dabei nicht nur um Geld. Technologie- und Know-how-Ressourcen werden immer wichtiger. Ein Beispiel ist der Bobsport: Wenn ein ehemaliger Athlet heute bei einem Automobilhersteller arbeitet und seiner Community Wissen aus dem Windkanal oder Messdaten zur Verfügung stellt, ist das genauso wertvoll. Im besten Fall ist das keine Einbahnstraße, sondern ein gegenseitiges Lernen und Wachsen – für den Sport und für die Unternehmen.
Entscheidung gefallen! München bewirbt sich um Olympia
Hat Deutschlands Spitzensport ein Geldproblem?
SPORT1: Deutschland diskutiert seit Jahren darüber, dass es im internationalen Spitzensport an Boden verloren hat. Liegt das vor allem am Geld?
Vogt: Nein. Finanzielle Förderung ist nur ein Teil. Wenn man beispielsweise nach Skandinavien schaut, geht es auch um die Art und Weise, wie Sport in einer Gesellschaft als Lebensmittelpunkt verankert ist oder wie datengetrieben Sport gesteuert wird. Deutschland ist zudem ein föderales Land, hier wird Bildung auf Landesebene verantwortet und Sportentwicklung von den einzelnen Fachverbänden organisiert. Dadurch ergeben sich viele Wege, die zu einer Goldmedaille führen können – aber eben auch viele Möglichkeiten, dass etwas nicht funktioniert oder ein Athlet nicht die passgenaue Unterstützung bekommt.
SPORT1: Was kann Deutschland von erfolgreichen Ländern wie den Niederlanden oder skandinavischen Staaten lernen?
Vogt: Man muss sich anschauen, was andere Länder anders machen, und prüfen, was davon auf das eigene System übertragbar ist. Deutschland hat andere Strukturen als beispielsweise die Niederlande. Aber daraus darf keine Ausrede werden. Wir können von anderen lernen. Eine Olympiabewerbung ist dabei ebenfalls eine Chance, weil dadurch mehr Kapital und mehr Fokus in das System kommen könnten.
Geiger verrät: Das ist ihm wichtiger als Olympia-Gold
SPORT1: Was müsste sich denn grundsätzlich ändern, damit Deutschland wieder mehr Athleten hervorbringt, die dauerhaft zur Weltspitze gehören?
Vogt: Beginnen wir am Anfang: Sport und Bewegung brauchen in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert. Der Drang, sich zu bewegen und in einen Sportverein zu gehen, müsste größer sein. In den Niederlanden oder in skandinavischen Ländern ist Bewegung gesellschaftlich anders verortet. Die Menschen bewegen sich einfach mehr, das ist Familienzeit.
„Bildung im Sport genauso wichtig wie andere Bildungsangebote“
SPORT1: Was könnte die Politik konkret tun?
Vogt: Politik und Kommunen könnten Rahmenbedingungen schaffen, die Bewegung attraktiver machen. Ganz provokant gesagt: Die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder der Besuch einer Musikschule sollte jedem Kind offenstehen. Bildung im Sport ist genauso wichtig wie andere Bildungsangebote. Und ich glaube, Prävention sollte stärker gefördert werden als Intervention. Wenn wir eine Bevölkerung gesünder machen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass sich die Menschen mehr bewegen. Das hilft uns allen, jung wie alt.
SPORT1: Spitzensport beginnt also viel früher als im Bundeskader?
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Vogt: Ja, Spitzensport beginnt nicht erst im Kader. Er beginnt viel früher – damit, dass Kinder überhaupt Freude an Bewegung entwickeln und Zugang zum Sport bekommen. Wenn wir wollen, dass Deutschland wieder mehr Weltklasseathleten hervorbringt, müssen wir auch an der Basis beginnen. Meine Einschätzung: Mehr Mut zum Machen! Olympia hilft uns dabei. Menschen brauchen doch Widerstandsfähigkeit, um die Anforderungen im Leben zu meistern, das ist doch nicht nur ein Privileg der Athletinnen und Athleten. Lasst uns starten und mit Ronald Rauhe haben wir jetzt einen Staatsminister für Sport & Ehrenamt mit der Kompetenz, zu wissen, was Athletinnen und Athleten brauchen.