NFL: Das Watson-Dilemma der Cleveland Browns

Mega-Comeback - doch dann kommt dieses Field Goal
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Mega-Comeback - doch dann kommt dieses Field Goal

Die Cleveland Browns stehen nach sechs Spielen überraschend bei einer Bilanz von vier Siegen und nur zwei Niederlagen. Dabei spielt der umstrittene Quarterback Deshaun Watson nicht einmal konstant guten Football. Wie kann es also sein, dass die Browns plötzlich so erfolgreich sind?

Vier Siege in sechs Spielen, Tabellenführer in der AFC North und ein Trainer, der von einer besonderen Mentalität schwärmt: Auf den ersten Blick wirken die Cleveland Browns wie eine der positiven Überraschungen dieser NFL-Saison. Auf den zweiten Blick stellt sich allerdings eine Frage, die derzeit auch viele Experten in den USA beschäftigt: Wie kann dieses Team eigentlich bei einer Bilanz von 4:2 stehen?

Denn der starke Saisonstart passt nur bedingt zu den Leistungen auf dem Feld. Vor allem Quarterback Deshaun Watson bleibt ein Dauerthema. Die Browns gewinnen regelmäßig enge Spiele, doch ihr umstrittener Spielmacher liefert weiterhin kaum die konstanten Auftritte, die man sich von einem Franchise-Quarterback erhofft.

Deshaun Watson hat mit den Clevend Browns in der laufenden Saison bereits vier Spiele gewonnen
Deshaun Watson hat mit den Clevend Browns in der laufenden Saison bereits vier Spiele gewonnenDeshaun Watson hat mit den Clevend Browns in der laufenden Saison bereits vier Spiele gewonnen© IMAGO/Icon Sportswire

Das wurde am vergangenen Wochenende beim 13:10-Erfolg gegen die Baltimore Ravens erneut deutlich. Drei Viertel lang brachte die Cleveland-Offensive praktisch nichts zustande. Zu Beginn des Schlussviertels hatten die Browns gerade einmal 107 Yards Raumgewinn produziert. Watson wirkte einmal mehr unsicher, die Offensive ideenlos. Und trotzdem gewann Cleveland. Genau dieses Paradoxon zieht sich bislang durch die Saison.

Watson bleibt das größte Fragezeichen

Dabei hatte die Diskussion um Watson bereits vor dem ersten Snap begonnen. Als Head Coach Todd Monken den umstrittenen Quarterback vor der Saison zum Starter erklärte, gingen zahlreiche Beobachter davon aus, dass dies nur eine vorübergehende Lösung sein könnte.

Der Konsens vieler Experten lautete damals: Watson werde zumindest die ersten beiden Partien erhalten, da diese auswärts stattfinden. Anschließend, so die Erwartung vieler Analysten, könnte die Quarterback-Frage schnell wieder auf dem Tisch liegen. Doch dazu kam es nicht.

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Stattdessen gewann Cleveland: Erst knapp gegen Tampa Bay, dann gegen Carolina, später gegen Pittsburgh und nun gegen Baltimore. Watson war dabei mehrfach an entscheidenden Drives beteiligt und führte bereits mehrere späte Comebacks an.

Die Siege verschafften ihm Zeit, sie beantworteten allerdings nicht die Frage, ob Watson tatsächlich die langfristige Lösung ist.

Zwischen Matchwinner und Problemfall

Genau darum dreht sich aktuell die Debatte. Während lokale Medien und Teile der Fangemeinde anerkennen, dass Watson einige Spiele in den entscheidenden Momenten mitentschieden hat, verweisen viele Analysten auf die teilweise ernüchternden Leistungen über weite Strecken der Partien.

Sports Illustrated brachte das Dilemma nach dem Ravens-Spiel auf den Punkt: „Ein Sieg ist ein Sieg, das lässt sich nicht leugnen. Aber der derzeitige Trend, trotz Watson zu gewinnen, ist auf Dauer nicht tragbar.“

Auch USA Today stellte bereits Anfang Oktober die provokante Frage, ob Cleveland trotz der Siege langfristig den Kampf um die eigene Zukunft auf der Quarterback-Position verliere? Die Browns stecken in einem Dilemma, das man so nicht hatte kommen sehen. Schließlich hätte keiner erwartet, dass man nach sechs Spielen mit einer starken Bilanz von vier Siegen und nur zwei Niederlagen stehen würde. Noch dazu, dass man nicht wegen Watson gewinnt, sondern trotz seiner durchwachsenen Leistung.

Die Zahlen liefern nachvollziehbare Argumente für die Kritiker. Immer wieder stockt die Offensive über lange Phasen. Gegen Baltimore gelangen Watson lediglich 164 Passing Yards, ehe er in der Schlussphase doch noch den entscheidenden Drive initiierte. Ein Muster, das sich bereits mehrfach zeigte.

Auch die Fans sind gespalten

Noch komplizierter ist die Lage außerhalb des Spielfelds. Watson gehört seit Jahren zu den umstrittensten Persönlichkeiten der NFL. Entsprechend kritisch wurde seine Rückkehr als Starter in Cleveland von vielen Fans begleitet.

Die Ablehnung reicht dabei weit über die sportliche Ebene hinaus. Seit seinem Wechsel im Jahr 2022, für den die Browns drei Erstrunden-Picks nach Houston schickten und ihm einen vollständig garantierten Vertrag über 230 Millionen Dollar gaben, wird Watson von der Fanbasis kritisch gesehen. Die Diskussionen um die zahlreichen Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe und unangemessenen Verhaltens, die zu einer elf Spiele langen NFL-Sperre führten, begleiten ihn bis heute.

Besonders deutlich wurde die angespannte Beziehung vor Beginn dieser Saison. Bei seinem ersten Heimauftritt nach seinem Achillessehnenriss im Oktober 2024 wurde Watson im Vorbereitungsspiel gegen die Buffalo Bills lautstark ausgebuht. Der Quarterback reagierte anschließend ungewohnt offen und bezeichnete die Reaktionen als „respektlos“.

„Ich glaube, die ganze Welt weiß, dass das nichts mit der Leistung zu tun hat. Es ist ein bisschen persönlicher als das“, sagte Watson damals. Besonders verletzt zeigte er sich mit Blick auf die Szenen nach seiner schweren Verletzung im Jahr 2024. „Als ich das letzte Mal auf diesem Feld gespielt habe, habe ich mir die Achillessehne gerissen. Und genau diese Fans haben gejubelt, als ich mich verletzt habe. Was hat das also mit Leistung zu tun?“

Die Aussagen machten deutlich, wie belastet das Verhältnis zwischen Watson und großen Teilen der Browns-Anhänger inzwischen ist. Selbst der Quarterback bemerkte damals sarkastisch: „Ich habe das Gefühl, dass ich bei Auswärtsspielen mehr Zuneigung bekomme als bei Heimspielen.“

Watson bekommt vereinzelt wieder mehr Fan-Zuspruch

Die Siege zu Beginn der Saison haben die Stimmung zwar teilweise verändert, in Cleveland waren zuletzt vereinzelt sogar „Watson“-Sprechchöre zu hören, gleichzeitig bleibt die Fangemeinde gespalten. Viele Anhänger erkennen an, dass Watson mehrere späte Siege eingeleitet hat, trennen dabei aber bewusst zwischen der sportlichen Bewertung und ihrer persönlichen Haltung zum Quarterback.

Genau deshalb ist die Browns-Saison bislang so ungewöhnlich: Das Team gewinnt, Watson hält den Starterposten und führte Cleveland zu einer 4:2-Bilanz. Gleichzeitig bleiben die Zweifel an seinen Leistungen sowie seiner Person bestehen. Das Ravens-Spiel war dafür das jüngste Beispiel.

Die große Frage lautet daher weiterhin nicht, ob Watson Spiele gewinnen kann, sondern ob die Browns mit dieser Mischung aus Erfolg und anhaltenden Fragezeichen dauerhaft weiterarbeiten wollen.