London und München - Gary Anderson geht auf dem Weg zum WM-Titel durch ein Tal an Enttäuschungen und Rückschlägen. Die Geburt seines Sohnes Tai hilft.

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Von Adrian Geiler

Gary Anderson schlürft ein wenig am Becher mit seinem Lieblingsgetränk.

Um kurz vor Mitternacht steht er mit Kaffee in der Hand im Mini-Pressebereich von SPORT1. Er spricht über seinen Finaltriumph bei der Darts-WM über Phil Taylor. Die Siegesparty danach fällt flach.

"Ich trinke noch diesen Kaffee, dann gehe ich direkt ins Bett", sagt der 44-Jährige und schiebt nach: "Ich bin doch schon ein wenig älter."

Anderson freut sich auf Tai

Man hätte sich kaum ein passenderes Bild für den neuen Darts-Weltmeister Gary Anderson ausdenken können.

Er freue sich aktuell am meisten auf seinen "Baby-Boy", sagt der bescheidene, ruhige Schotte bei SPORT1. Den im April von seiner Partnerin Rachel Ford geborenen Sohn Tai hat er seit den Weihnachtsfeiertagen nicht mehr gesehen.

Klar, er musste ja die WM gewinnen. Und immerhin hat Tai trotz der räumlichen Distanz einen großen Anteil an Andersons Erfolg. "Seit er da ist, ist alles wieder in bester Ordnung", sagt der stolze Papa.

Talent statt harter Arbeiter

Gary Anderson ist wohl einer der talentiertesten Spieler überhaupt, die je im Darts aktiv waren.

Anders als einem Phil Taylor, der sich durch jahrelanges Trainieren seine Stärke aneignete, geht dem "Flying Scotsman" sehr früh alles sehr leicht von der Hand.

Mit 25 Jahren hat er das erste Mal Dartspfeile in der Hand. Als er das zweite Mal auf ein Dartsboard wirft, so erzählt er es, stecken alle drei Pfeile in der Triple-20. Zweite Aufnahme, die erste 180, das erste Maximum.

Fünf Jahre später wird er Profi beim zweitgrößten Dartsverband, der BDO.

Erstes Achtungszeichen gegen Taylor

Die großen Erfolge stellen sich noch nicht ein. Hin und wieder ist aber doch ein Ausreißer dabei, wie bei der WM 2003, als er erst im Halbfinale scheitert (Copyright Bilder: getty).

2007 hinterlässt er die ersten Spuren bei der PDC, ganz speziell bei Phil Taylor. Bei der World Darts Trophy, einem Turnier der BDO und der PDC, dringt er ins Finale vor und bezwingt dort "The Power" klar mit 7:3.

Zwei Jahre später wagt er den Schritt zur PDC. Der Mann, der sich in einem Jahr mal zwölf Tattoos stechen ließ, strebt nach Höherem.

Auf dem Höhepunkt...

Zu "Jump Around" von House of Pain erobert er die Hallen. Mit einem stabilen und bilderbuchmäßigen Wurfstil punktet er hoch, die Doppelfelder checkt er mit einer fast traumwandlerischen Sicherheit.

Sofort wird klar: Hier reift ein Großer heran.

Das bestätigt er bei der WM 2011. Der Schotte ist der beste Spieler des Turniers, kassiert aber im Finale gegen Adrian Lewis einen Neun-Darter und verliert anschließend auch das Match.

Nach seinem starken Auftritt darf er an der PDC Premier League teilnehmen, dem 16-wöchigen größten Hallenereignis Großbritanniens. Er revanchiert sich im Finale gegen Adrian Lewis und gewinnt das Turnier.

Anderson ist auf dem Höhepunkt seiner jungen Profi-Karriere.

...jäh gestoppt

Auf diesem Gipfel beginnen die schlimmsten Jahre des Gary Anderson. Im Herbst 2011 erleidet sein Bruder mit 35 Jahren einen Herzinfarkt.

Im März 2012 folgen die nächsten privaten Schicksalsschläge: Andersons Vater, der ihn einst zum Darts brachte, stirbt. Die Trennung von seiner Frau Rosemary, mit der er zwei Kinder hat, kommt hinzu.

Anderson hat keine Lust mehr auf Darts. Mal spielt er brillant, mal unterirdisch. "Die Leute haben über meine Würfe geredet und mir war das alles völlig egal", sagt er später dazu.

Das spiegelt sich in seinen Ergebnissen nieder. Der Schotte purzelt immer tiefer im PDC-Ranking, droht aus den Top 20 zu fallen.

Zurück in die Weltspitze

2014 erfolgt der Neustart. Seine neue Freundin Rachel ist schwanger und Anderson wieder motiviert.

"Das wird mein Jahr", sagt er SPORT1-Experte Elmar Paulke am Rande der German Darts Championship in Hildesheim - und gewinnt prompt das Turnier.

Bei der Premier League bestätigt er seine starken Auftritte. In der Nacht vor dem Halt in Sheffield kommt sein Sohn Tai zur Welt. Ein Tattoo mit seinem Namen folgt alsbald auf dem Unterarm.

Die Partie am Folgetag gegen Peter Wright entscheidet er für sich. Es geht bis ins Halbfinale für den "Flying Scotsman", der früher noch unter dem Namen "Dream Boy" startete.

Doppel verhindern Triumphe

Anderson ist wieder vorne mit dabei. Der große Durchbruch will aber nicht so recht gelingen.

Halbfinale beim World Matchplay, Halbfinale beim World Grand Prix. Anderson zeigt in den entscheidenden Momenten ungewohnte Schwächen auf die Doppel.

Zwar bringt er sich mit beständig hohen Scores tief in den Finish-Bereich, beim Checkout hapert es aber gewaltig.

Fingerzeig in Minehead

Die Players Championship Finals in Minehead, das letzte große Turnier vor der WM, bringen die Wende.

Anderson spaziert bis ins Finale, wieder mal geht es gegen Adrian Lewis. Es wird eine eindeutige Angelegenheit, 11:4 heißt es am Ende für Anderson.

Diese Form nimmt er mit zum Saisonhöhepunkt in den Ally Pally (alle Highlights im Mediencenter von SPORT1).

Anderson übersteht Krimi gegen Klaasen

In Scott Kirchner bezwingt er den kuriosen Werfer mit dem Probeschwung. Es folgt der Comeback-Sieg nach 1:3-Rückstand gegen Jelle Klaasen.

Qualifikant Cristo Reyes und Landsmann Peter Wright werden zerpflückt, das Meisterstück gegen Michael van Gerwen gelingt. Auf Tops spielt der Schotte fast fehlerlos, mit über 50 Prozent auf die Doppel besiegt er seine Schwachstelle.

"Jetzt habe ich meinen Tag"

Die Krönung folgt im epischen Finale gegen Phil Taylor.

In einer irren Partie behält Anderson die Nerven. Der Flying Scotsman führt 3:1 und 6:4, muss wieder Rückschläge hinnehmen. Eine 180 bombt er sich selbst aus dem Board, zwei Pfiffe aus dem Publikum lassen ihn sechs Breakdarts verwerfen.

Gestählt von allem, was ihm widerfahren war, kommt er zurück. 3:0 Legs im Entscheidungssatz - Weltmeister. Tränen, emotionale Ausbrüche sind Fehlanzeige.

Anderson lächelt nur wieder spitzbübisch, wie das gesamte Turnier über.

"Es gibt ein britisches Sprichwort: 'Jeder Hund hat seinen Tag'", teilt Gary Anderson nach dem Finalsieg mit. "Jetzt habe ich meinen Tag."

Auch dank seines Sohnes Tai, der seinen Papa jetzt wieder häufiger sehen wird.

Die WM ist ja vorbei. Und Gary Anderson ist Weltmeister.

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