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Neue Herausforderung: Ex-1860-Stürmer Rubin Okotie und der frühere Bremer Angreifer Anthony Ujah (r.) © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images

München - Die irrwitzigen Angebote aus China verdrehen immer mehr Fußball-Profis den Kopf. Transfer-Insider Christian Stecher erklärt bei SPORT1 das Konzept dahinter.

Nicht England, nicht Spanien, nicht Italien. China ist das neue Schlaraffenland für Fußballer. Die irrwitzigen Angebote aus Fernost verdrehen immer mehr Stars den Kopf.  

Aktuellstes Beispiel ist Graziano Pelle, der fünftteuerste Spieler auf der Welt, was das Gehalt angeht, und bestbezahlte Italiener aller Zeiten. Den 30-Jährigen zog es vom FC Southampton zu Shandong Luneng in die chinesische Metropole Jinan.

Pelle machte bei der EM ganz Europa auf sich aufmerksam - und ging jetzt auch nach China. Sein Trainer: Felix Magath.

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Auch gestandene Bundesligakicker lockt das Reich der Mitte. Im Januar 2016 wechselte Assani Lukimya von Werder Bremen zum chinesischen Erstligisten Liaoning Hongyun, sein früherer Mannschaftskollege Anthony Ujah folgte in diesem Sommer.

Österreichs EM-Teilnehmer Rubin Okotie, früherer Stürmer von 1860 München, schloss sich dem Zweitligisten Beijing Enterprises Group FC an und unterschrieb einen Vertrag für zweieinhalb Jahre.

Gehalt lässt sich vervielfachen

Was lockt Spieler nach China? Transfer-Insider Christian Stecher, schon in mehrere Deals involviert, kennt die Antwort.

"Die Spieler wechseln fast ausnahmslos nur wegen des Geldes nach China. Wer über eine Million netto verdient hat, kann dort das Zwei- bis Dreifache des Nettogehalts erwarten", sagt Stecher im Gespräch mit SPORT1: "Für Spieler, die in Europa unter 500.000 Euro netto verdienen, ist in China sogar das Vierfache möglich."

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Klare Vorstellungen der Bosse

Und die Klub-Bosse haben klare Vorstellungen von den Spielern, die sie haben wollen.

"China sucht die T-Achse, also Innenverteidiger, Sechser, Spielmacher, hängende Spitze, Mittelstürmer, zweiter Stürmer und ab und zu Außenstürmer", erklärt Stecher.

Ganz oben auf der Wunschliste stehen "überwiegend große, afrikanische Spieler. Bevorzugt aus den großen vier Ligen: England, Deutschland, Spanien und Italien."

Online-Lebenslauf statt Scouting

Die Vorliebe der Klub-Bosse habe nicht wirklich einen fußballerischen Hintergrund, meint Stecher. Das Transferprozedere verwundert vielmehr ob seiner simplen Natur.

"Es gibt keine Scouting-Abteilung, es gibt nur einen Lebenslauf des Spielers über verschiedene Online-Portale wie Soccer-Association", erläutert Stecher.

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Dort werde dann "nur geprüft, ob der Spieler ständig gespielt hat, ob er in der Nationalmannschaft ist und wie das gesamte Bild des Spielers aussieht - also die Reputation, die ein Spieler hat, plus dem Wert auf dem Transfermarkt".

Sicherheit das Zauberwort

Und weiter: "Nationalelf, EM- oder WM-Teilnahme, wie oft getroffen für einen Top-Verein in einer Top-Liga: Das bedeutet für die sportlichen Leiter der chinesischen Vereine, die keine Fehler machen wollen, Sicherheit."

Sicherheit bedeutet in diesem Transfer-Irrsinn, "dass sie nicht ihr Gesicht verlieren, wenn der Spieler nicht funktioniert", erklärt Stecher.

Das Risiko für die Sportchefs der jeweiligen Vereine sei relativ klein, verrät Stecher. "Wenn ein Graziano Pelle nicht funktioniert, kann der Sportchef, der den Spieler verpflichtet hat, zu seinem Vorgesetzten sagen: 'Hier ist der Spieler mit dem Lebenslauf - der ist gut. Der Fehler liegt nicht bei mir. Der Spieler oder der Trainer haben Mist gebaut.'"

Fußballerisches Fachwissen ist da gar nicht gefragt. "Meist haben weder der Sportchef noch die anderen Funktionäre jemals professionell Fußball gespielt", sagt Stecher. "Es geht mittlerweile überwiegend darum, wer an Gesicht gegenüber dem chinesischen Präsidenten gewinnt."

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