Die HSV Fußball AG hat einen neuen Miteigentümer. Milliardär Klaus-Michael Kühne beteiligt sich. Die Fans jubeln. Der Mann ist jedoch kein Wohltäter, er will Einfluss.

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Vom Hamburger SV berichtet Clemens Gerlach

Das schnelle Umschaltspiel gehört nicht zu den Stärken des Hamburger SV. Einer jedoch beherrscht es beim wieder einmal abstiegsbedrohten Fußball-Bundesligisten in Perfektion: Klaus-Michael Kühne.

Vor wenigen Wochen noch nahm der Logistik-Milliardär scheinbar Abstand von der Idee, Anteile an der HSV Fußball AG zu erwerben. Nun schlug er zu. Kühne wandelt einen Teil seines Kredits um: 7,5 Prozent gehören ihm künftig.

Für den finanziell angeschlagenen Klub ist es ein gutes Geschäft, für Kühne ein sehr gutes. Statt der ursprünglich vom HSV geforderten 25 Millionen Euro muss der 78-Jährige für die Beteiligung nur noch 18,75 Millionen Euro aufwenden.

"Das ist ein sehr großer Tag für den HSV", freute sich der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer. Der AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt sekundierte: "Jetzt können wir die neue Geschichte des HSV schreiben."

Eher Kalkül denn Emotionen

Kühne selbst sprach von einer "Herzensangelegenheit". Das waren warme Worte eines Mannes, der bislang eher durch Kalkül denn Emotionen aufgefallen ist. Damit das HSV-Publikum die "Großzügigkeit" (Gernandt) auch erkennt und zu schätzen weiß, hatte Kühne ein Zuckerl parat.

Der Wahl-Schweizer erwarb für vier Jahre und insgesamt 16 Millionen Euro die Namensrechte an der HSV-Heimspielstätte. Ab 1. Juli heißt diese wieder so wie schon von 1953 bis 2001: Volksparkstadion.

Klub-Ikone Uwe Seeler erkannte sofort den "nostalgischen Wert" der Aktion. Gernandt, hauptberuflich für Kühnes Konzern tätig, preiste seinen Chef überschwänglich: "Wir sind back to roots und raus aus der Kommerzialisierung."
Das sieht auch das Gros der Fans so. Die darbenden Rothosen feiern Kühnes Einstieg, wähnen den Klub auf dem Weg der Besserung. "Hamburg, meine Perle", heißt das HSV-Lied. Die glänzt wieder, zumindest fühlen das die meisten Anhänger so.

Kritik nach der Umwandlung

Hört man sich in der Anhängerschaft intensiver um, finden sich auch mahnende Stimmen. Es sind die derjenigen, die bereits bei der Umwandlung in die AG Ende Mai vergangenen Jahres Kritik am Kurs des HSV-Oberen äußerten. Sie wähnen den HSV in grundsätzlich zu großer Abhängigkeit von rendite-hungrigen Investoren.

Einer, der seit Jahrzehnten beim HSV in verschiedenen Funktionen aktiv ist, drückt gegenüber SPORT1 sein Unbehagen im speziellen Fall Kühne so aus: "Er ist keiner der angekündigten strategischen Partner. Wo ist der langfristige Plan? Ich sehe hier lediglich eine Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital. Das ist eine kosmetische Maßnahme."

Solche Einschätzungen gehen angesichts des "wirklichen Durchbruchs" (Gernandt) und einer von "Vertrauen und Vision" (Beiersdorfer) erfüllten Stimmung unter. Vielleicht glauben die euphorisierten HSV-Fans wirklich, das alles gut wird, weil Kühne jetzt mit an Bord ist.

100 Millionen Euro Verbindlichkeiten

Vergessen wird derzeit, dass das Problem des Hamburger SV nicht die Finanzen alleine sind. Ein Klub kann gerne viel Geld ausgeben und – wie die Norddeutschen - 100 Millionen Verbindlichkeiten anhäufen, es muss nur dabei etwas herumkommen. Das ist beim HSV seit Jahren nicht der Fall. Flop an Flop reihte sich - bei Spielern, Trainern und Funktionären.

Auch die neue Führungscrew hat Probleme, Ergebnisse zu liefern. Gernandt räumt immerhin ein, dass die versprochenen Umstrukturierungen "nicht so schnell gegangen sind, wie wir uns das vorgestellt haben".

Der 54-Jährige selbst wird besonders kritisch gesehen. Anders als etwa Beiersdorfer hat er keinen Stallgeruch, der Kühne-Vertraute gilt vielen als Diener zweier Herren. Umso schöner für Gernandt, dass er nun etwas vorweisen kann, das auf breite Zustimmung in Hamburg trifft.

Kein Zufall ist es, dass der "Rundum-Deal", so Gernandt, gerade jetzt verkündet wurde. Am Sonntag ist Mitgliederversammlung des HSV e.V. Dieser kann Gernandt nun gelassener entgegensehen.

Gernandt soll an der Spitze bleiben

Die Wahrscheinlichkeit ist nun noch größer, dass der Antrag, der Präsident des Vereins solle automatisch Aufsichtsratsvorsitzender der AG werden, abgelehnt wird. Gernandt steht also wohl auch künftig dem Kontrollgremium vor.

Das wird Kühne freuen. Der neue AG-Miteigentümer hat weiterhin in Gernandt einen treuen Gefährten in führender Position beim HSV. Er selbst kann zusätzlich direkt Einfluss nehmen, schließlich gehört ihm nun ein Anteil.

Dass Kühne sich in Zukunft öffentlich Zurückhaltung auferlegen wird, ist nicht anzunehmen. Der "Zeit" sagte der Patriarch unlängst: "Mir gefällt die Abwechslung. Vielleicht bin ich ein unsteter Geist." Es bleibt weiter spannend im Hamburger Volkspark.

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