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Berlin - Der neue Hertha-Trainer spricht im SPORT1-Interview über seine Aufgabe in der Hauptstadt, sein besonderes Verhältnis zu Berlin, seine dreifache Belastung und ungarische Salami.

Von Philipp Rother

Der Job ist neu, aber bei Hertha BSC Berlin ist Pal Dardai schon ewig.

Als Spieler kam er 1996 in die Hauptstadt und spielte bis 2011 ununterbrochen für die Hertha.

Nun hat der 38 Jahre alte Ungar eine neue Augabe. Letzte Woche folgte er auf den entlassenen Jos Luhukay und übernahm den Posten des Cheftrainers.

Im SPORT1-Interview spricht Dardai über seinen neuen Job, die enge Beziehung zur Hertha und die Dreichfachbelastung als Coach der Berliner, ungarischer Nationaltrainer und Teilnehmer des Trainerlehrgangs.

SPORT1: Herr Dardai, Sie sind seit einer Woche Trainer von Hertha BSC. Wie geht's Ihnen?

Pal Dardai: Ich fühle mich sehr gut und sehr wohl. Das erste Spiel haben wir gewonnen, die Mannschaft hat mentale Stärke gezeigt. Das wollen sie auch, das zeigen sie jeden Tag. Ich weiß nicht, wie das dann im sogenannten Abstiegskampf ist. Mal oben, mal unten – wir müssen uns ein noch stabilisieren, was aber ein wenig dauert. Trotzdem: Mit dem Trainerstab haben wir unsere Ziele und Visionen, das werden wir durchziehen.

SPORT1: Wie lange hat es eigentlich gedauert, Ihre Frau vom Engagement bei Hertha BSC zu überzeugen – oder mussten Sie da keine Überzeugungsarbeit leisten?

Dardai: Also, meine Frau hat nicht viele Möglichkeiten bekommen, etwas dagegen zu sagen. Das ist über Nacht passiert, nach dem Leverkusen-Spiel, so von zwölf Uhr bis drei, halb vier. Aber, wir, die ganze Familie, sind Herthaner. Von diesem Vereine habe ich viel bekommen, sogar meine schöne Spielerkarriere. Bei der Akademie habe ich die Möglichkeit bekommen, mich weiterzubilden, viele Sachen auszuprobieren beim Jugendfußball. Dann kam die Chance mit der ungarischen Nationalmannschaft im Männerbereich. Ich habe dann gespürt, dass die mich prüfen. Dann kam diese Entscheidung. Angst habe ich überhaupt nicht gehabt. Ich weiß, was meine Stärken sind, was meine Schwächen sind. Um mich herum habe ich meinen guten Trainerstab. Ich glaube, wenn die Mannschaft so gut mitmacht – Hertha ist ja ein guter Verein, gut organisiert – dann kann man hier sehr gut arbeiten. Du hast hier einfach gute Fans und gute Spieler.

SPORT1: Sie wurden 2011 nach 14 Jahren im Verein im Olympiastadion verabschiedet. Gab es damals schon den Plan, Hertha-Trainer zu werden? Ist es vielleicht sogar ihr Traumberuf?

Dardai: Ich habe natürlich meine Ziele und Träume. Dazu gehört auch, Trainer bei Hertha und Ungarn zu werden – natürlich nicht in dieser Reihenfolge und auch ein wenig später. Jetzt bin ich ja noch beim Trainerlehrgang, das muss ich auch noch hinkriegen. Von der Terminierung und der Belastung her ist das nicht wenig. Gott sei Dank habe ich eine tolle Frau zu Hause und vom Verein bekomme ich auch die ganze Unterstützung. So wird das viel einfacher.

SPORT1: Wie wollen Sie Nationalcoach, Vereinstrainer und Trainerlehrgang unter einen Hut bringen?

Dardai: Die Nationalmannschaft ist nur eine kleine Belastung, weil wir nur ein Spiel haben und das zweite nach der Bundesliga-Saison stattfindet. Außerdem arbeiten da 14 Personen für mich, das ist überhaupt kein Problem. Mit dem Internet  lassen sich auch einige Sachen organisieren. Vor kurzem habe ich eine Pressekonferenz über Skype gegeben. Das akzeptieren in Ungarn alle. Auch hier ist alles vorbereitet, sodass ich Zeit für die Familie habe. Diese erste Woche ist natürlich sehr, sehr anstrengend. Ich habe null komma null Zeit. Aber ich versuche das alles so hinzubekommen, dass ich nach dem Abschlusstraining ein wenig Pause habe, um mich auf das Spiel zu konzentrieren.

1. FSV Mainz 05 v Hertha BSC - Bundesliga
Pal Dardai kam 1996 als Spieler zu Hertha BSC Berlin © Getty Images

SPORT1: Als Spieler waren Sie ein Kämpfer, ein Arbeiter. Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?

Dardai: Ähnlich. Natürlich werden wir – wenn die Zeit kommt – richtig tollen Fußball spielen. Aber erst einmal, wenn man da steht, wo wir aktuell stehen, musst du Zweikämpfe, Laufwege und taktische Disziplin zeigen. So kommst du zu Punkten. Wie am Wochenende brauchst du auch ein wenig Glück. Wenn das und das Selbstvertrauen wieder da ist, dann kann man andere Sachen anpacken. Die ersten zwei, drei Wochen müssen wir uns stabilisieren. Das geht nur über Kampf und Laufbereitschaft. Dabei kann ich Vorbild sein. Trainer zu sein geht nicht einfach so. Ich bin immer noch ein junger Mann, ich brauche noch meine Erfahrung. Deswegen habe ich noch Rainer Widmayer an meiner Seite, einen erfahrenen Coach. Um mich herum habe ich noch weitere erfahrene Männer, denen ich Fragen stelle. Am Schluss treffe ich die Entscheidungen. Aber damit es sich in meinem Kopf bewegt und gute Ideen entstehen, stelle ich immer Fragen. Ich brauche die Menschen mit ihren Persönlichkeiten. Ich brauche diese Meinungen. Ohne Dialog entwickelst du dich nicht weiter.

SPORT1: Bei ihrer Vorstellung haben Sie gesagt, dass Sie "blau-weißes Blut" haben. Ist das für Sie eine Herzensangelegenheit?

Dardai: Ja klar, das hat sich alles so entwickelt, wenn du so viele Jahre in Berlin lebst. Dann hast du so eine Spielerkarriere, die Fans, die Menschen… ich war immer bodenständig, auch als Jugendkoordinator und U-15-Trainer. Ich habe immer die Anerkennung bekommen und alle waren nett zu mir. Jetzt kommt so eine Möglichkeit. Ich spüre Kraft in mir und natürlich versuche ich zu helfen. Das ist eine Herausforderung für mich. Ich habe auch schon zu meiner Frau gesagt: Eigentlich bin ich ein Rennpferd. Ich war ein bisschen in der Wiese und habe meinen Akku aufgeladen. Jetzt gibt's wieder Fußball. Es macht Spaß.

SPORT1: Angeblich dürfen die Spieler wieder ungarische Salami essen. Man sieht auch, dass die Stimmung immer besser wird. Das liegt doch sicher nicht nur an der Salami. Was haben Sie denn verändert?

Dardai: Naja, das mit der ungarischen Salami war Spaß. Da isst jetzt keiner wegen mir diese Wurst. (lacht) Es gibt viele Dinge. Wenn du mit den Jungs oder den Kindern arbeitest, dann ist das eine andere Mentalität, das sind andere Persönlichkeiten. Es gibt Methoden, die nicht funktionieren. Es ist ein Geben und Nehmen. Ich habe zu den Spielern gesagt: Viele Sachen passieren, aber das ist egal – für mich seid ihr alle Profis. Ich will nur eins: Wenn wir draußen arbeiten, da soll jeder für die 90 Minuten konzentriert sein. Da will ich sehen, was ich möchte. Du kannst aus der Kabine keine Kaserne machen und alles ansagen, wie zum Beispiel die Frisur. Ich glaube sogar, dass das für Frust sorgt. Ich brauche Spieler ohne Hemmungen, Spieler, die frei sind. Sie können mit mir sprechen, sogar diskutieren. Am Ende entscheide ich. Ich habe ja auch die Verantwortung. Aber wir haben alle ein Ziel: Hertha soll wieder oben mitspielen und nicht mehr unten.

SPORT1: Michael Preetz hat gesagt, Pal Dardai sei vorübergehend Chefcoach mit dem Ziel, längerfristig zu arbeiten. Was sind ihre Ziele? Wie lange wollen Sie bleiben?

Dardai: Also erstmal habe ich einen unbefristeten Vertrag als Jugendtrainer und –koordinator. Zweitens ist für mich immer das nächste Spiel wichtig. Auch als Spieler war ich so. Natürlich hat man Visionen. In diesem Jahr wollen wir nicht absteigen. Dann ist alles wunderbar. Was dann die Zukunft bringt, interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert nur eins: Drei Punkte gegen Freiburg oder ein gutes Spiel. Sogar ein gutes Spiel verbunden mit einer Niederlage ist auch nicht schlimm. So ist Fußball. Wichtig ist, dass ich bei den Spielern den gleichen Elan und die gleiche Leidenschaft sehe wie gegen Mainz. Wenn das jede Woche klappt, dann wird es einfach sein.

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