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Pep Guardiola wird kritisiert dafür, dass er seine Coaching Zone verlässt und vierte Offizielle umarmt. Dabei sollten wir uns ein Beispiel an ihm nehmen.

Mata Amritanandamayi könnte nur müde lächeln über einen wie Pep Guardiola.

Die spirituelle Meisterin aus Indien gilt als die mit Abstand umtriebigste Umarmerin der Welt. Fast täglich umschlingt sie mehrere Stunden lang jeden, der mit dem Wunsch auf sie zukommt - eine positive Ungeheuerlichkeit in der sonst streng auf Abgrenzung bedachten Kastengesellschaft.

34 Millionen Menschen sollen es bislang gewesen sein, "Hugging Saint" wird Amritanandamayi dafür genannt, zu Deutsch "Umarmungsheilige", auf Holländisch "Knuffelgoeroe" - was nichts zur Sache tut, hier aber nicht unerwähnt bleiben soll.

34 Millionen Umarmungen. Das ist vielleicht nicht die Größenordnung, an der Otto-Normal-Umarmer sich messen lassen muss. Und dennoch ist sie ein schönes Beispiel für eine Welt, der mehr positiver Körperkontakt nachweislich guttun würde.

Mascot for the 2006 World Cup, 'Goleo',
Umarmungen regen die Ausschüttung von Oxytocin und Prolaktin an und hemmen die Produktion von Cortisol © Getty Images

Eine Umarmung, weiß die Wissenschaft, regt die Ausschüttung von Oxytocin und Prolaktin an (was gut ist) und hemmt im Gegenzug die Produktion von Cortisol (die schlecht ist).

Zuverlässiger als jeder noch so wohlformulierte Wortbeitrag zur körpereigenen Oxytocin-Cortisol-Balance fördert die nonverbale Kommunikation durch taktvolles Berühren das menschliche Miteinander auf allen Ebenen. In der kindlichen Entwicklung wie im gehobenen Alter: Umarmungen bieten elementaren Halt im besten, weil buchstäblichen Sinne.

Das alles sind Fakten, die uns jährlich in Erinnerung gerufen werden zum Weltumarmungstag am 21. Januar (der zugleich der internationale Tag der Jogginghose ist - was auch nichts zur Sache tut, hier aber ebenfalls nicht unerwähnt bleiben soll).

Und es ist erfreulich, dass Pep Guardiola diese Fakten auch Wochen danach noch verinnerlicht hat.

Zumal der Mann, an dem der Trainer des FC Bayern München seine Kenntnisse in dieser Woche angewandt hat, zu der Berufsgruppe gehört, für die eine gelegentliche Umarmung eine besondere Wohltat ist.

Seien wir ehrlich: Wer sonst von uns käme auf die Idee, einen vierten Offiziellen, der uns zufällig auf der Straße oder am Spielfeldrand begegnet, einfach mal an uns zu drücken?

Viel zu oft nehmen wir ihn rein funktional wahr, als inhumanes Objekt, das im Zweifel nichts richtig und alles falsch macht.

FSV Mainz 05 v Hamburger SV  - Bundesliga
Im Zweifel nichts richtig und alles falsch © Getty Images

Das man beliebig anmeckern, anschreien, anfuchteln kann - weil es sowieso nur ein Ärgernis ist, dass da jemand steht, der uns mit strengem Gestus in den Grenzen einer Coaching Zone einzwängen will, deren Gültigkeit wir insgeheim ohnehin nie anerkannt haben.

Guardiola hat uns beim Spiel gegen den FC Schalke 04 nun den Spiegel vorgehalten und uns darin gezeigt, wie sich die Situation in Wahrheit darstellt.

Nicht die vierten Offiziellen sind es, die uns in einem Kreiderechteck gefangen halten. Wir selber sind diejenigen, die uns einsperren und andere dafür verantwortlich machen.

Die Wahrheit aber ist: Wir sind freie Menschen. Nichts kann uns abhalten, aus unserer Coaching Zone herauszutreten und uns schrankenlos auf dem Spielfeld unseres Lebens zu bewegen.

Und das ohne Zorn auf unsere vermeintlichen Linienwärter, sondern mit der Gabe, auf sie zuzugehen, sie zu umarmen und damit nonverbal zu vermitteln: Meine Freiheit ist mir wichtig, deine Oxytocin-Cortisol-Balance aber auch.

Pep Guardiola hat uns das vorgeführt. Und wenn man mal genau darüber nachdenkt, wird einem klar, dass er mit dieser kleinen Umarmung doch ein ähnlich großes Werk wie Mata Amritanandamayi vollbracht hat.

Wir sollten uns beide zum Vorbild nehmen. Und etwas mehr Knuffelgoeroe sein.

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