vergrößernverkleinern
Roberto Di Matteo gewann 2012 mit dem FC Chelsea in München die Champions League
Roberto Di Matteo gewann 2012 mit dem FC Chelsea in München die Champions League © Getty Images

Gelsenkirchen - Roberto Di Matteo kehrt mit Schalke als krasser Außenseiter nach München zurück - an die Stätte seines größten Erfolgs. Ein möglicher Trumpf ist ausgerechnet ein Sorgenkind.

Manchmal hilft es, in der Vergangenheit zu schwelgen. Und sich an sie zu erinnern.

Auch wenn Roberto Di Matteo nicht der Typ für Sentimentalitäten ist, ihm die ganz große Gefühlsduselei nicht behagt. Zumindest nicht nach außen hin.

Im Vorfeld des Spiels beim FC Bayern (ab 19.30 Uhr im LIVETICKER und im Sportradio auf SPORT1.fm) wird er trotzdem sicher hin und wieder an den 19. Mai 2012 denken. In München werden sie in den vergangenen Jahren ziemlich oft an dieses Datum gedacht haben.

An das Champions-League-Finale "Dahoam". An den Fehlschuss von Bastian Schweinsteiger, an den entscheidenden Elfmeter von Didier Drogba. An den Pott in den Händen des FC Chelsea. Vor allem aber an Di Matteos Mauertaktik. Die ihm damals viel Kritik einbrachte. Aber eben auch Erfolg.

Mit seinem Bollwerk schaltete er zunächst im Halbfinale den FC Barcelona aus. Trainer damals: Pep Guardiola. Auch im Finale in München bissen sich die Bayern an dem Londoner Defensivriegel die Zähne aus. Der Zweck heiligt die Mittel, sagt man. Sagte sich damals auch Di Matteo.

Ästhetisch ein Schlag ins Gesicht

Für den FCB war es ein Albtraum, für Fußball-Ästheten ein Schlag ins Gesicht. Nüchtern betrachtet war es aber vor allem eine taktische Meisterleistung, auf die man den Italo-Schweizer allerdings nicht reduzieren sollte. Einen Reporter, der ihn nach dem Coup auf die Betonmischung ansprach, strafte er mit bösen Blicken und eisigem Schweigen.

Möglicherweise wird es nun aber genau diese Taktik sein, an die Di Matteo nun wieder denkt. Denken muss. Denn die Vorzeichen am Dienstag sind ähnlich, Parallelen zu den Blues bestehen nicht nur in den blauen Trikots seiner Mannschaft.

Schalke 04 reist als krasser Außenseiter zum Rekordmeister. Auch wenn die Münchner zum Rückrundenauftakt beim 1:4 beim VfL Wolfsburg böse patzten - an eine Krise beim Rekordmeister glaubt in Gelsenkirchen niemand ernsthaft.

"Versuchen, es so gut wie Wolfsburg zu machen"

"Ich habe selten Niederlagen vom FC Bayern gesehen. Und was ich schon gar nicht gesehen habe, sind zwei Niederlagen hintereinander", sagte Manager Horst Heldt zu SPORT1. "Wir versuchen, es genauso gut zu machen, wie Wolfsburg es gemacht hat." Optimismus hört sich anders an.

Dabei erwischte S04 beim 1:0 gegen Hannover 06 einen optimalen Start in die Rückrunde. Allerdings nur auf dem Papier, denn der Arbeitssieg offenbarte auch einmal mehr die Schwächen der Schalker, die zudem immer noch auf zahlreiche Leistungsträger verzichten müssen.

Fakt ist: Unter dem Strich dürfte für Königsblau in München in Normalform wenig zu holen sein. In den vergangenen vier Spielen setzte es dort vier Niederlagen mit 2:15 Toren.

Boateng als Hoffnungsträger

Um das zu ändern, könnte Kevin-Prince Boateng ein wichtiger Baustein, möglicherweise das Ass im Ärmel für Di Matteo sein. Ausgerechnet. Denn der exzentrische Leader schmorte gegen 96 knapp eine Stunde nur auf der Bank.

Kevin-Prince Boateng spielt seit 2013 für Schalke 04
Kevin-Prince Boateng spielt seit 2013 für Schalke 04 © Getty Images

Dabei ist Boateng endlich mal wieder fit, konnte die komplette Vorbereitung absolvieren. In der Hinrunde hatte er, auch verletzungsbedingt, oft enttäuscht und war insgesamt weit unter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben.

Enttäuscht war Boateng nun vor allem selbst.

"Glücklich war er nicht"

Auch wenn der 27-Jährige nach seinem Kurzeinsatz geschwiegen, kein Wort über seine Degradierung verloren, keinen Einblick in sein Seelenleben gewährt hatte - sein Trainer verriet zumindest etwas über Boatengs Gemütslage.

Als er gefragt wurde, wie Boateng die Entscheidung aufgenommen hatte, ob er möglicherweise gegen die Kabinentür getreten habe, zögerte Di Matteo kurz. Und sagte dann ganz diplomatisch: "Glücklich war er nicht."

Man merkte es Boateng an. Man sah in den knapp 30 Minuten auf dem Platz aber auch, dass er brannte und nicht wie vielleicht befürchtet schmollen könnte. Boateng zeigte die richtige Reaktion, sorgte mit seiner Wut im Bauch endlich mal wieder für positive Akzente. Prompt gab es für das Schalker Sorgenkind ein Sonderlob. "Er war sehr positiv und sehr hilfsbereit", sagte sein Trainer.

Helfen könnte Boateng nun auch in München. Erst recht nach der langen Sperre für Torjäger Klaas-Jan Huntelaar, auch wenn das Experiment mit Boateng als zweiter Spitze in der Vorbereitung eher enttäuschend verlief.

Flexibel einsetzbar

Der 27-Jährige ist allerdings auch im defensiven oder offensiven Mittelfeld einsetzbar, wenngleich Di Matteo gegen Hannover dort Youngster Max Meyer den Vorzug gab.

Wichtig wird es aber in erster Linie sein, dass Boateng mal wieder in seine ihm ursprünglich zugedachte Rolle als Führungsspieler schlüpft, als Antreiber, Motivator vorangeht, die Mannschaft mitreißt. Für eben solche Spiele, für solche scheinbar unlösbaren Aufgaben hat man ihn schließlich auch geholt.

Und auch sein Trainer hat sich als Spezialist für solche Aufgaben erwiesen, nicht nur damals in München: Auf Schalke führte er in der Hinrunde erfolgreich das flexible 3-5-2-System ein.

Vielleicht zaubert Di Matteo noch einmal eine überraschende Taktik aus dem Hut. Für schlaflose Nächte hat er in München ja schon mal gesorgt.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel