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Dortmund - Dortmunds Matthias Ginter hat eine Talfahrt bis in die 3. Liga hinter sich. SPORT1-Experte Thomas Berthold ist von dem 21-jährigen Innenverteidiger nach wie vor überzeugt.

Es regnete in Strömen. Der Rasen war bereits nach 15 Minuten kein Rasen mehr, eher eine Mischung aus Ackerfläche und Sumpflandschaft. Ganz harter Drittliga-Alltag, und mittendrin: Weltmeister Matthias Ginter.

Der 21-Jährige wurde von BVB-Trainer Jürgen Klopp zur Zweitvertretung des BVB verbannt. Mit dieser spielte Ginter gegen den MSV Duisburg - und verlor nach zwischenzeitlicher Führung sang- und klanglos mit 1:4. Vor acht Monaten noch Teilnehmer der Weltmeister-Sause am Brandenburger Tor, nun von einem Drittligisten überrumpelt (Datencenter zur 3. Liga).

In Freiburg werden sie mit Wehmut verfolgen, was in der Ferne mit ihrem einzigen Weltmeister geschieht. Im Sommer 2014 war Ginter vom dortigen Sport-Club zu Borussia Dortmund gewechselt. Zehn Millionen Euro ließ sich der Vizemeister das Talent kosten.

Mit großen Hoffnungen und noch mehr Euphorie war der Nationalspieler in Dortmund gestartet. Ein dreiviertel Jahr später ist bei dem Weltmeister ohne Einsatz vor allem eins geblieben: Ernüchterung.

Vor 3000 statt 80.000 Zuschauern

Anstatt der sonst 80.000 Fans im Signal Iduna Park wollten Ginters Partie gerade einmal 3000 Fans im Stadion Rote Erde sehen - davon kamen weit mehr als die Hälfte aus Duisburg. Dass das Ergebnis am Ende zwei Tore zu hoch ausfiel und Ginter im defensiven Mittelfeld eine passable Leistung bot, hat auch sein Cheftrainer sehr wohl registriert.

Nach dem Abschlusstraining am vergangenen Freitag hatte Jürgen Klopp den Youngster in einem Vier-Augen-Gespräch zur Seite genommen und ihm seinen neuen Einsatzort mitgeteilt. Abstiegskampf in Liga drei statt Aufholjagd in Liga eins, lautete der Arbeitsauftrag.

Berthold: "Ginter wird seinen Weg gehen"

Der frühere Abwehrspieler Thomas Berthold, Weltmeister von 1990 und SPORT1-Experte, sieht Ginter jedoch noch lange nicht auf dem Abstellgleis. "Ginter ist für mich ein Perspektivspieler, er ist noch so jung und hat großes Potenzial", sagte Berthold im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1.

"Ich glaube schon, dass er seinen Weg gehen wird, wenn man ihm die Zeit gibt", sagt er über den zweimaligen Träger der Fritz-Walter-Medaille in Gold für den besten deutschen Jugendspieler seines Jahrgangs.

Schon gegen Köln und Turin stand Ginter nicht im Profi-Kader. Der Einsatz in der Reserve macht aus Trainer- und Expertensicht daher mehr Sinn, als den 21-Jährigen auf der Tribüne versauern zu lassen. "Er braucht Spielpraxis", weiß Berthold.

Ginter wie "im falschen Film"

Mit dem Absturz des BVB in der Hinrunde hatte auch Ginters Misere begonnen. Den Plan vom behutsamen Aufbau des "Lehrlings" mussten Klopp und Sportdirektor Michael Zorc schnell zu den Akten legen.

Die Verletzung von Kapitän Mats Hummels nach der WM hatte den Neuling nicht nur ins Zentrum der Abwehr, sondern auch in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Immerhin brachte Ginter die Erfahrung aus 70 Bundesligaspielen als Innenverteidiger und Sechser mit.

Doch schon der Start am 1. Spieltag gegen Leverkusen misslang völlig: Nach nur neun Sekunden kassierte das Team mit Ginter in der Abwehr das schnellste Tor der Bundesliga-Geschichte.

"Schlimmer hätte es nicht anfangen können", sagte der Nationalspieler Mitte Januar im SPORT1-Interview. "Das kommt einem vor, als sei man im falschen Film." Der Film entwickelte sich zum Drama, als der BVB einen rasanten Absturz hinlegte.

Steigende Verunsicherung

So musste sich Ginter in einer enormen Drucksituation an ein neues Umfeld, eine neue Spielweise und neue Mitspieler gewöhnen. Mit der steigenden Verunsicherung der Mannschaft wuchs auch Ginters Unsicherheit auf dem Platz. "Er kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt in die Mannschaft, wo die Umstände schwierig waren und es schlecht lief. Das ist sehr schwer gewesen für ihn", räumt Berthold ein. Die Lichtblicke waren selten, etwa sein Champions-League-Debüt gegen Arsenal London.

Zuvor war es für Ginter stetig bergauf gegangen: Auf den Klassenerhalt mit Freiburg folgten das Nationalelf-Debüt, die WM, der Triumph von Rio und die Jubel-Tour der WM-Helden. Im Kontrast dazu stand die katastrophale Hinrunde der Borussia. 

Insgesamt ganz schön viel für einen 21-Jährigen. "Dieses Jahr zeigt, wie schnell es im Fußball manchmal gehen kann. Ich habe auf jeden Fall wahnsinnig viel gelernt", sagte Ginter im Januar über die Berg- und Talfahrt.

Lautstarke Kritik von Weidenfeller

Im Breisgau war man unterdessen von Anfang an der Ansicht, dass dem 1,90 Meter großen Abwehrspieler ein weiteres Jahr in seiner beschaulichen Heimatstadt besser getan hätte.

"Es war von vornherein klar, dass ich Geduld mitbringen muss. Ich habe trotzdem in dem halben Jahr schon sehr viel gelernt", betonte Ginter im Winter-Trainingslager.

Geduld, die nicht jeder hat. So wie Torhüter Roman Weidenfeller, der seinen Mitspieler in dessen bisherigen 18 Pflichtspieleinsätzen wiederholt auf dem Platz lautstark kritisierte.

Nachdem seine direkten Konkurrenten alle wieder fit sind, ist für Ginter vorerst kein Platz mehr in Klopps Elf. In Hannover stand neben dem Duo Mats Hummels/Neven Subotic mit Rechtsverteidiger Sokratis ein weiterer potenzieller Innenverteidiger auf dem Feld.

Auch bei Joachim Löw spielt Ginter aktuell keine Rolle. Der Weltmeister kehrt zunächst in die U21 zurück, wo Horst Hrubesch ihn für die Tests gegen Italien und gegen England nominierte.

In Freiburg werden sie genau verfolgen, wie "ihr" Weltmeister in den Länderspielen abschneidet. Und nicht nur dort.

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