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Trainer Thomas Schaaf beharrt auf seiner offensiven Ausrichtung © Getty Images

Wie einst bei Werder Bremen will Thomas Schaaf auch mit Eintracht Frankfurt die Balance nicht gelingen. Doch von seinem Offensivstil mag der Fußballlehrer nicht abweichen. Auch beim FC Bayern soll das Risiko beibehalten werden.

Aus Frankfurt berichtet Frank Hellmann

Frankfurt - Thomas Schaaf hat sich ein Domizil unweit des Frankfurter Stadtwaldes gesucht. Beinahe in Blickweite zum Goetheturm, wohin die Spaziergänger und Fahrradfahrer strömen, um die Vorboten des Frühlings zu kosten.

Die Vögel zwitschern, die Knospen sprießen – ein Hauch von Leichtigkeit liegt in der Luft. Doch das passt trotzdem nicht zur schwermütigen Stimmung, die sich gerade rund um die Eintracht ausgebreitet hat.

Vor dem Gastspiel beim FC Bayern am Samstag (ab 15 Uhr im Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) geht die Furcht um, dass der Klub in der Liga nach unten abrutscht, denn das Programm ist happig. Danach kommt ein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (17. April), es folgen Auswärtsspiele bei Borussia Dortmund (25. April) und – bei Schaafs Ex-Verein – Werder Bremen (2. Mai).

Keine Rede mehr von Europa

Von Europa redet niemand mehr, obwohl Vorstandschef Heribert Bruchhagen das Thema als Gast im SPORT1-Doppelpass vor knapp einem Monat selbst befeuert hatte. "Wenn alles gut läuft, haben wir immer die Chance, Sechster oder Siebter zu werden. Es wäre lachhaft, wenn wir es ausschließen würden, auch den internationalen Fußball zu erreichen."  

Inzwischen hört sich das beim 66-Jährigen anders an. "Wir haben diese unerwartete Möglichkeit aufs Spiel gesetzt." Nach dem unbefriedigenden 2:2 gegen Hannover 96 konstatierte Bruchhagen zerknirscht: "Wir waren mit dem Remis gut bedient." Trotz einer 2:0-Führung.

Denn niemand taugt besser als Aufbauhelfer als die "launische Diva" vom Main. 23 Punkten hat Frankfurt nach einem Vorsprung hergeschenkt. 18 Mal ging man in Führung, brachte aber nur neunmal den Dreier ins Ziel. Vor allem gegen Kellerkinder beschleicht eine Art Schockschlaf das Team.

"Wir laufen zu wenig, wir wehren uns nicht. Und fußballerisch ist das brutal wenig", klagte Kevin Trapp zuletzt. Klare Worte des Keepers und Kapitäns, der ansonsten jeden Satz sorgsam abwägt. Die Stoßrichtung des 24-Jährigen ist klar: Er hat seinen Vertrag auch deshalb bis 2019 verlängert, weil er an die Weiterentwicklung in der Bankenstadt geglaubt hat.

Zerrissenheit bei der Trainersuche

Es sollen bald noch mehr Gelder als die bislang 34 Millionen Euro in den Lizenzspieleretat fließen, um die Sehnsüchte nach internationalem Fußball zu erfüllen. Aber mehr denn je machen sich Zweifel breit, ob wirklich Schaaf dafür der richtige Trainer ist.

Niemand mag diese Bedenken bislang öffentlich äußern. Bruchhagen hat den 53 Jahre alten Fußballlehrer im Vorjahr im zweiten Anlauf verpflichtet und mit einem Zwei-Jahres-Vertrag ausgestattet, nachdem Sportdirektor Bruno Hübner letztlich vergeblich um den Defensivfanatiker Roberto di Matteo gebuhlt hatte.

Allein dieser Umstand offenbart eine gewisse Zerrissenheit. Wenn Bruchhagen jetzt die Nörgler im Umfeld kritisiert ("Hier wird Unzufriedenheit gesät"), dann um indirekt Schaafs Arbeit zu stützen.

FC Schalke 04 v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga
Schalkes Trainer Roberto Di Matteo soll im Sommer auch ein Kandidat gewesen sein © Getty Images

Dessen Spielweise spaltet extern wie intern die Meinungen. Mit dem Ball kann die Eintracht viel anfangen, aber gegen den Ball gelingt es fast nie, in einem Block wirkungsvoll zu verschieben.

Weder stimmen Abstände noch Laufwege; die Folgen sind riesige Lücken in der 4-4-2-Formation, die wirklich jeden Gegner zum Toreschießen einladen. Selbst ein Wintertestspiel gegen den Schweizer Zweitligisten Servette Genf endete 3:4.

Ein typisches Schaaf-Ergebnis. Wie das 4:4 gegen Hertha BSC. Oder die 4:5-Heimpleite gegen den VfB Stuttgart. Oder das 5:2 gegen Werder. Schlussendlich steht Trapp mit 54 Gegentoren in der Schießbude der Liga. Genauso viele Gegentore haben nur die Bremer kassiert, wo Schaaf-Zögling Viktor Skripnik das Sagen hat.

"Langweilig wird es bei uns nie"

An der Weser quittierte Schaaf in seinen letzten drei Bundesliga-Jahren 61, 58 und 64 Gegentore. Bei Werder wirkte die Abwehr am Ende brüchiger als ein durchweichter Deich.

Vorne ein Tor mehr schießen als der Gegner – diese Losung geht bei der Eintracht nur auf, wenn Alexander Meier (19 Tore) trifft. Ist ihm und seinem Sturmpartner Haris Seferovic die Versorgung aus dem Mittelfeld abgeschnitten, fällt das Gebilde in sich zusammen. Auch das erklärt, warum mit Frankfurter Beteiligung im Schnitt 3,9 Treffer pro Partie fallen.

"Langweilig wird es bei uns nie", sagte Schaaf, der in Sachen Spielausrichtung ohne Netz und doppelten Boden agieren lässt, um das Publikum zu unterhalten. Das Erstaunliche: Auch bei den schier übermächtigen Bayern wird der Coach an seiner Linie wohl festhalten. In Carlos Zambrano (Muskelfaserriss) fehlt ihm sein wichtigster, weil härtester Verteidiger.

Trotzdem bleibt alles auf Angriff gepolt. "Es wird nicht nur darum gehen, irgendetwas zu begrenzen, sondern sich selbst zu zeigen", kündigte der Coach an. Egal, gegen welchen Gegner mal spiele, "wir kümmern um unsere eigenen Fähigkeiten."

Immerhin: In der Hinrunde hat die Eintracht tapfer gegen den Meister dagegengehalten und sich bei der 0:4-Heimniederlage besser verkauft als das Ergebnis vermuten lassen würde.

Schaafs Hoffnung ist die gute Bilanz gegen die Spitzenteams auf fremden Plätzen: In Mönchengladbach wurde gewonnen, in Wolfsburg, auf Schalke, in Leverkusen und in Augsburg jeweils unentschieden gespielt. Gegen starke Gegner habe die Eintracht gezeigt, "dass wir es auf die Reihe kriegen können".

Auch bei den Bayern?

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