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1. FSV Mainz 05 v FC Schalke 04 - Bundesliga
Sportvorstand Horst Heldt wechselte im Juli 2010 vom VfB Stuttgart zu Schalke 04 © Getty Images

München - Horst Heldt hat bei Schalke 04 Verdienste, die oft übersehen werden. Seine Transferpolitik droht trotzdem noch auf ihn zurückzufallen. Eine Bilanz.

Es gibt einen netten Witz, der derzeit über Horst Heldt und den FC Schalke 04 im Umlauf ist.

Er entstand vergangene Woche, nachdem der Sportvorstand Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam rauswarf und auch Marco Höger zwischenzeitlich suspendierte - allesamt unter dem Vorwurf der Charakterschwäche und der mangelnden Loyalität zum Klub.

Der daraus entstandene Gag ging dann ungefähr so: "Und jetzt wartet mal ab, wenn Heldt erstmal den erwischt, der diese Charaktere verpflichtet hat…"

Wie bei jedem guten Witz: Er funktioniert, weil Wahrheit drinsteckt. Aber bildet er die ganze Wahrheit ab?

Seit rund fünf Jahren arbeitet der 45-Jährige beim Revierklub, seit Frühjahr 2011 - nach der Entlassung von Felix Magath aus dem Vorstand - als derjenige, der faktisch das Sagen hat im sportlichen Bereich.

Wie lange noch, ist die Frage: Clemens Tönnies, der mächtige Aufsichtsratschef hat Heldts Zukunft jüngst in Frage gestellt. SPORT1-Experte Peter Neururer legt ihm den Rücktritt nahe.

Das schloss Heldt selbst jedoch aus. "Das kommt für mich nicht infrage. Denn Verantwortung übernehmen heißt nicht wegzulaufen, wenn es kritisch wird", sagte er der Sport Bild.

Das Verpassen des Minimalziels Europa League hätte wohl das Aus für Heldt bedeutet. Für viele Fans wäre es eine Genugtuung, schon lange steht der frühere Meister-Manager des VfB Stuttgart in der Kritik.

Zu Recht? SPORT1 analysiert Heldts Wirken auf Schalke - und was für und gegen ihn spricht.

PRO: Der Abbau der Altlasten

Als Heldt 2011 die tatsächliche Verantwortung übernahm, fand er schwierige Bedingungen vor. Trainer-Manager Magath hinterließ einen aufgeblähten Kader, auch die Finanzen waren außer Kontrolle geraten.

Bei 245,9 Millionen Euro lagen die Verbindlichkeiten, unter Heldt sind sie über 80 Millionen auf 163,9 Millionen Euro gesunken. Bis Ende 2019 soll die 100-Millionen-Marke unterschritten sein.

Nun ist Heldt fürs Finanzielle nur in zweiter Linie zuständig. Aber er hat seinen Teil dazu beigetragen, das Maß wiederzufinden.

Horst Heldt Schalke 04 Felix Magath
Zu Beginn noch Vorstandskollegen: Heldt und Felix Magath © Getty Images

Zwischen den Sommern 2011 und 2013 gab er 16 Spieler mehr ab, als er holte (35:19), generell wahrte er bei den Transferausgaben Disziplin.

Zwar verantwortet er bei Transferausgaben ein Gesamt-Minus von 13 Millionen Euro, man muss die Zahl aber ins Verhältnis setzen: Die Bayern gaben in den vergangenen Jahren 140 Millionen Euro mehr für Transfersummen aus, als sie einnahmen.

Schuldendienst und der Anspruch, trotzdem ein Top-Team zu unterhalten, sind der Spagat, den Heldt zu meistern hat: ein Punkt, der bei seiner Bewertung zu berücksichtigen ist.

KONTRA: Eine Reihe von Transfer-Flops

"Heldt verpflichtete mehr Flops als Tops", stellt der Datendienst Delaltre in einer Bewertung der Ära Heldt für SPORT1 fest.

Zu Boateng und Sam gesellen sich viele andere: Man denke an Ibrahim Afellay, Michel Bastos, Ciprian Marica oder Chinedu Obasi. Zuletzt schlugen auch Jan Kirchhoff, Felipe Santana, Christian Clemens und Adam Szalai nicht ein wie erhofft.

Erfolgreichere Transfers waren Ralf Fährmann, Roman Neustädter, Christian Fuchs und Leon Goretzka – wobei auch die öfter ihre Probleme mit Verletzungen und Formkrisen haben.

Sucht man ein Muster bei Heldts Transferpolitik, findet man vor allem eines: das Risiko. Um Qualität zum günstigen Preis zu erwerben, nutzt er einerseits oft Ausstiegsklauseln. Andererseits lässt er sich auf viele Deals ein, vor denen andere zurückschrecken. Kauft Spieler, die eine Verletzungsvorgeschichte haben und/oder als charakterlich schwierig gelten.

Sami Khedira wäre da wieder ein typischer Transfer, Boateng und Sam waren noch typischere.

Manchmal lohnte das Risiko, bei Eric-Maxim Choupo-Moting zum Beispiel. Die Fälle Boateng und Sam aber werfen drängender denn je die Frage auf, ob Heldt überreizt hat. Seiner Autorität schadet es, immer wieder schwierige Charakter zu holen - und dann immer wieder den schwierigen Charakter seines Teams anzuprangern.

PRO: Die Jugendarbeit

Kritiker werfen Heldt gern vor, dass der Schalker Kader in noch fragwürdigerem Zustand wäre, wären da nicht die Talente aus der eigenen Jugend: Julian Draxler, Max Meyer, Kaan Ayhan, Leroy Sane, Sead Kolasinac.

Sie übersehen oft, dass Heldt auch in diesem Bereich seine Verdienste hat. Unter seiner Führung wurde im Nachwuchs vieles neu strukturiert, er hat neue Verantwortliche, Trainer und Scouts installiert.

Die "Knappenschmiede" – ein Schlagwort, das unter Heldt erfunden wurde – genießt einen blendenden Ruf, dem viele Talente folgen. Und: Anders als bei vielen Konkurrenten klappt auch der Übergang ins (eigene!) Profiteam immer wieder gut.

KONTRA: Vergebliche Suche nach dem richtigen Trainer

Ein schwieriges Thema, das sich durch Heldts gesamte Amtszeit zog: Ralf Rangnick, sein erster Coach, zog sich aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Den Nachfolger Huub Stevens setzte er in der ersten Krise vor die Tür, mit Jens Keller wiederum hatte er nach Ansicht der Kritiker zu viel Geduld – wobei sich der Debattenwind oft drehte, auch noch im Nachhinein.

Schalke 04 Horst Heldt Jens Keller
Jens Keller (l.) trainierte Schalke von 2012 bis 2014 © Getty Images

Dass Keller die Mannschaft zweimal in zwei Anläufen in die Champions League geführt hat, darf sich Heldt mittlerweile wieder öfter anhören. Der weltläufigere Di Matteo ist an genau dieser Aufgabe gescheitert.

Überhaupt: Di Matteo. Auch seine Verpflichtung war ein Risiko-Deal a la Heldt. Zwar gewann der Italiener 2012 als Übergangs-Coach des FC Chelsea die Champions League, nachhaltigen Erfolg hatte er aber noch mit keiner seiner Mannschaften. Ob es auf Schalke klappt, ist auch noch zu beweisen.

FAZIT:

Es ist bei weitem nicht so, dass Heldts Amtszeit verlorene Jahre gewesen wären: Das internationale Geschäft hat Schalke nach Magaths Aus immer erreicht, die Champions League dreimal.

Dass sich der Verein trotzdem in einer gefühlten Dauerkrise befindet, hat mit den emotionalen Gegebenheiten des Klubs zu tun, die sich nicht ändern würden, wenn Heldt weg wäre.

Auch Tönnies, faktisch mehr Chef als Kontrolleur auf Schalke, steht in der Kritik. Und in der Affäre Boateng und Sam sah sein Zusammenspiel mit Heldt auch nicht glücklich aus.

Schalke 04 Clemens Tönnies Horst Heldt
Clemens Tönnies ist seit 2001 Aufsichtsratschef bei Schalke 04 © Getty Images

Tönnies plauderte am Abend der Suspendierungen bei einer Talkshow aus, dass er Heldt vorher per SMS mitgeteilt hätte, was er an seiner Stelle tun würde. Heldt wirkte wie der Vollstrecker von Tönnies' Auftrag.

Heldt selbst hat gewiss nicht die schlechtesten Ideen. Er hat verstanden, dass eine starke Nachwuchsabteilung der Schlüssel zu vielem ist. Bringt sie weiter neue Stars hervor, muss er sich auch weniger auf riskante Transfers verlassen.

Genau die wären ihm fast zum Verhängnis geworden. Und können es bei den nächsten Krise auch weiterhin werden.

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