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München - Der FC Bayern sucht nach zwei Jahren unter Guardiola nach seiner Rolle und seiner Identität. Für die Fans des Rekordmeisters ist Gewinnen nicht alles. Eine Spurensuche.

Es ist grau an diesem Samstag in München, locker zehn Grad zu kalt für die Jahreszeit.

Der Marienplatz inmitten der Innenstadt wie üblich überfüllt, das ist hier ein wetterunabhängiger Dauerzustand an einem Samstag. Es ist Wochenende, Pfingsten noch dazu, die Stadt voll von Touristen und Wochenendausflüglern, die sich das berühmte Glockenspiel des Neuen Rathauses anhören.

Einige wenige tragen Schals oder Trikots des FC Bayern, auch einige Anhänger des FSV Mainz 05 sind zu erkennen. Wenige Stunden später treten die Münchner im letzten Heimspiel der Saison an, es wird die Meisterschale geben. Blumen, Konfetti, am nächsten Tag ebendieser Marienplatz, Feier mit den Fans. Business as usual nach dem 25. Titel.

Jan Placht trinkt an seinem Kaffee. Er ist 25, Bayern-Fan, einer der Betreiber des Blogs "Miasanrot". „Generation Scholl“, wie er selbst sagt. Die Öffentlichkeit diskutiert seit Tagen, wie das Fazit dieser Saison ausfallen sollte. Meister sind sie, sicherlich. Aber ob das nicht zu wenig sei für diese Mannschaft mit den ganzen Weltmeistern und dem Welttrainer aus Spanien. "Wir haben uns in der Weltspitze etabliert“, sagt Placht trocken und drückt seine Zigarette aus.

Geht es um mehr?

"Wir erleben gerade eine Ära, und das ist ein Segen", sagt auch Oliver Schmidt, 43 Jahre alt, Blogger und in den sozialen Netzwerken als "Breitnigge" bekannt, was sogleich die Frage nach seiner Generation beantwortet.

Was auf den ersten Blick wie eine fangetrübte Sicht der Dinge anmutet und sicherlich auch ist, offenbart dennoch eine Gemengelage, in der sich Deutschlands größter Fußballverein in diesem Frühjahr 2015 befindet. Es geht um die Deutungshoheit in der Analyse, um die Definition von Fallhöhen.

Wie viel Erfolg ist genug Erfolg - und wer definiert dies in einem Spiel, das aufgrund seiner Komplexität so sehr von Kleinigkeiten abhängt? Ist ohne Erfolg alles nichts oder geht es um mehr?

"Beamtenfußball von früher"

"Nach so großen Erfolgen wie 2013 geht es oft bergab. Wir haben uns aber da oben stabilisiert", sagt Jan Placht von "Miasanrot". "Der FC Bayern war zu erfolgreich in den vergangenen Jahren. Es fällt vielen schwer, von dieser Höhe mal ein Stück zurückzutreten und einfach zu genießen, was wir gerade an der Mannschaft haben", führt Oliver Schmidt aus: "Ich kenne noch den Beamtenfußball von früher."

Auch für Martí Perarnau, spanischer Journalist und Guardiola-Biograf, stellt sich die Frage nach dem Maß des Erfolges nicht: "Der Klub gehört zu den besten drei in Europa: wirtschaftlich, sportlich wie sozial. Und das seit 2010", sagt Perarnau zu SPORT1.

Also alles in Butter?

Sicher ist: Der Verein ist an einem Wendepunkt angekommen, will den letzten Schritt zur Weltmarke gehen: Ein festes Büro inklusive TV-Deal in den USA, Testspielreisen und Fanshops in Fernost, viele Weltmeister im Kader, ein Trainer mit Strahlkraft. Endlich und nicht nur sportlich auf Augenhöhe mit Real Madrid, dem FC Barcelona, Manchester United, das ist das Ziel.

Aber eben bloß nicht die DNA des Klubs aufgeben, eine Identität Hoeneß’scher Prägung: familiär, nahbar. Erfolgreich zwar, aber irgendwie kuschelig.

Umbruch kann teuer werden

Letzteres geriet in dieser Saison hier und da ins Wanken. Vom Sponsor getriebene Testspiele in Saudi-Arabien, Schlammschlacht mit langjährig verdienten Vereinsärzten, zweifelhafte Stilmittel in der Kommunikation ("Säbener Sigi") und ein Trainer, der in seiner Art zu führen nicht die Vaterfigur symbolisiert, die ein Jupp Heynckes war. Gerüchte um erhebliche Dissonanzen zwischen Guardiola und einzelnen Spielern halten sich in München hartnäckig.

Aus Sicht von Karl-Heinz Rummenigge gehört ein Mann wie Guardiola zum neuen Selbstbild des Klubs. In Rummenigges steten Liebeserklärungen an den Katalanen wohnt auch die Hoffnung inne, dass Guardiola in und mit München eine ähnliche Ära prägen wird, wie er es in Barcelona tat.

Doch steht der Mannschaft ein Umbruch bevor: In naher Zukunft wird sie Leistungsträger verlieren, die ihren Zenit mit Champions-League-Sieg und WM-Triumph womöglich hinter sich haben. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Franck Ribéry zu ersetzen, wird schwer und teuer. Sportlich, aber vor allem als Identifikationsfiguren für die Fans.

Nicht umsonst kündigen die Bosse seit Wochen Großes an. 100 Millionen Euro Ablöse, wie es Finanzvorstand Dreesen formulierte, könnten bald keine ausschließlich englische oder spanische Errungenschaft bleiben.

Jugend für die Akzeptanz

"Ich könnte mit einem gewissen Nicht-Erfolg leben, wenn ich eine Perspektive sehe", sagt hingegen Oliver Schmidt. Die Perspektive heißt Nachwuchskräfte; neue Lahms, Badstubers oder Schweinsteigers, die "wichtig für die Akzeptanz in der Kurve" (Schmidt) wären. Der Kader gibt sie her. Thomas Müller, David Alaba oder Holger Badstuber taugen durchaus als Nachfolger der Generation Schweinsteiger. Danach wird es dünner.

Es bleibt eine Abwägung zwischen dem unbedingten Erfolg und dem, was Fans jedes Klubs wichtig ist: der Nachwuchs, Jungs aus der eigenen Schmiede. Fußballfans versuchen sich trotz aller Internationalisierung immer noch etwas Romantisches beizubehalten, da unterscheidet sich der FC Bayern eben auch nicht von einem beliebigen Bezirksligisten.

Doch die Jugendarbeit des FC Bayern wirft seit einigen Jahren wenig ab, die zweite Mannschaft dümpelt in der Regionalliga herum. "Da fehlte in den vergangenen Jahren Kontinuität, hier braucht es eine Strategie", stellt Placht fest, der sich in seinem Blog viel und gerne um den Nachwuchs und die Amateure des Klubs kümmert. Der Verein hat die Probleme offenbar erkannt und stellt den Nachwuchsbereich neu auf.

"Weiß nicht, was er vorhat"

"Es gibt eine Sehnsucht nach einer Philosophie; in der Spielweise, in der Vorgehensweise bei Transfers", sagt Schmidt. "Man darf sich nicht immer nur über den Erfolg definieren, zum Verein gehört mehr", sagt Placht.

Die Frage, ob der Trainer Guardiola zu dieser Philosophie, zu dem "mehr" gehört, wird eine entscheidende der kommenden Monate sein. "Ich weiß nicht, was er vorhat", sagt sein Biograf Perarnau: "Ich weiß nur, dass er sich aktuell zu einhundert Prozent auf den Verein einlässt und die Mannschaft besser machen will." Perarnau verweist in Gesprächen oft auf die vielen Verletzten dieser Saison. "Eine Beurteilung seiner Leistung sollte erst erfolgen, wenn seine Zeit in München herum ist."

Das Glockenspiel im Neuen Rathaus am Münchner Marienplatz zeigt übrigens eins von zwei Ereignissen aus der Münchner Stadtgeschichte: Die Hochzeit von Herzog Wilhelm V. mit Renate von Lothringen aus dem Jahr 1568. Zu Ehren des Brautpaares fand damals ein Ritterturnier auf dem Marienplatz statt. Es gewann, natürlich, ein bayerischer Ritter.

Wahrscheinlich geht es im Fußball tatsächlich nicht nur ums Gewinnen, um den reinen Erfolg. Auf dem Münchener Marienplatz schon. Und zwar unabhängig vom Wetter.

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