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Hannover - Christian Streich und seine Freiburger sind nach dem unnötigen Abstieg am Boden zerstört. Selbst Hannovers umjubelter Retter Michael Frontzeck hat Mitleid.

Admir Mehmedi und Roman Bürki weinten hemmungslos, Nils Petersen trat wütend gegen eine Werbebande - nur der so emotionale Trainer Christian Streich nahm den vierten Abstieg des SC Freiburg zunächst mit großer Tapferkeit auf.

Doch als der 49-Jährige nach dem bitteren K.o. am letzten Bundesliga-Spieltag das Ende seines Interview-Marathons fast erreicht hatte, konnte auch er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten.

Streich ringt um Fassung

"Die Fassungslosigkeit und die Trauer kommen noch. Es werden schlimme Wochen", sagte Streich nach der 1:2 (0:1)-Niederlage bei Hannover 96.

Und ergänzte mit Blick auf die Konkurrenz bitter enttäuscht: "Andere Menschen werden jetzt für ihre Unsportlichkeiten sogar noch belohnt. Bei uns sagt keiner, wie Schalke nur in Hamburg verlieren kann."

Dann zog sich der Charakterkopf, der vorher fast trotzig betont hatte, seine Arbeit beim Sportclub fortzusetzen und die Erstliga-Rückkehr anzustreben ("wir werden wiederkommen"), mit Tränen in den Augen in die Kabine zurück.

Freiburger Umbruch

Es war nicht allein der bittere Sturz auf Rang 17 am 34. Spieltag oder die Aussicht auf mindestens ein Jahr ohne Bundesliga-Luft, die Streich am Ende einer nervenaufreibenden Saison aus der Bahn warf. Was Streich besonders schmerzt, ist der wohl zwangsläufig anstehende Abschied einiger Leistungsträger.

"Es wird einen Umbruch geben, keine Frage. Das tut mir wahnsinnig weh. Die Mannschaft war sehr talentiert", ergänzte der Trainer: "Aber bei uns schüttet keiner Millionen rein."

SCF peilt Wiederaufstieg an

Auch Sportdirektor Jochen Saier, der nach dem "unnötigen" Abstieg ebenfalls weiter mit seinem extrovertierten Trainer plant, blickte der Realität schnell ins Auge.

"Nachdem man sich einmal geschüttelt hat, werden wir alles daran setzen, eine gute Mannschaft zusammenzustellen und den Wiederaufstieg natürlich anzupeilen", meinte der 37-Jährige.

Seine Profis waren dagegen kaum in der Lage, das gerade Geschehene einzuordnen. Hiroshi Kiyotake (3.) und ein unglaubliches Eigentor von Pavel Krmas (84.) hatten das Aus des SCF besiegelt, dem ein spätes Tor von Nils Petersen (90.+2) nichts mehr nutzte.

Dementsprechend flossen nicht nur bei Streich die Tränen, sondern auch bei seinen Profis.

Mehmedi und Schmid kaum zu halten

"Spieler wie Petersen oder Roman Bürki haben in kurzer Zeit eine unglaubliche Identifiktion zum Verein aufgebaut", sagte Streich mit leerem Blick. Nun werden sie wie Admir Mehmedi und Jonathan Schmid kaum zu halten sein.

"Wenn man die Trauer ein wenig ausblendet, hat sich der Klub aber so entwickelt, dass er in die Bundesliga gehört. Die Strukturen sind erstligareif", meinte Kapitän Julian Schuster.

"Wenn du absteigst, hast du es letztendlich verdient", gab Präsident Fritz Keller immerhin zu, blickt aber ebenfalls nach vorne: "Wir trauern jetzt, dann spucken wir in die Hände, dann gehts wieder nach vorne."

Kroos und Beckenbauer leiden mit

Doch dies konnte den laut Streich "kleinen, aber großen kleinen Klub" in den bitteren Stunden von Hannover genausowenig trösten wie die große Anteilnahme in ganz Fußball-Deutschland. "Christian Streich wird der Bundesliga fehlen", schrieb sogar Weltmeister Toni Kroos auf Twitter.

Auch Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer litt mit dem SCF: "Es tut mir besonders Leid für Freiburg. Christian Streich ist ein Unikum, aber er wird sich nicht hängen lassen. Ich halte den Wiederaufstieg für realistisch und wünsche ihn dem Verein."

"Ein Witz, dass Freiburg absteigt"

"Ich bin traurig, was mit Freiburg passiert ist", meinte auch Hannover-Coach und Ex-SCF-Spieler Michael Frontzeck. "Es ist ein Witz, dass Freiburg absteigt. Sie haben es nicht verdient." 

Frontzeck selber war der strahlende Held beim Gegner. Der Retter holte aus fünf Spielen acht Punkte und darf nun auf einen langfristigen Vertrag in Niedersachsen hoffen.

Hannover 96 v SC Freiburg - Bundesliga
Hannover-Trainer Michael Frontzeck (r.) tröstet Admir Mehmedi © Getty Images

"Heute feiern wir. Wir werden in den nächsten Tagen eine Lösung für die Zukunft finden", sagte Frontzeck, der am Sonntag ab 11 Uhr zu Gast im SPORT1-Doppelpass ist.

Bleibt Frontzeck?

Auch Vereinsboss Martin Kind machte Frontzeck Hoffnung auf eine Weiterbeschäftigung. "Er ist unser erster Ansprechpartner", sagte Kind.

Einen versöhnlichen Abschied feierte auch der scheidende und abermals starke Kapitän Lars Stindl, der sich von den 96-Fans nach dem Abpfiff feiern ließ.

Er bildete den Kontrapunkt zu Krmas, der seine Bundesliga-Karriere durch sein Eigentor auf die bitterste Art und Weise mit dem Abstieg beendete. Es passte ins Freiburger Bild.

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