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Gelsenkirchen - Horst Heldt will den FC Schalke nach dem Aus von Trainer Roberto Di Matteo neu ausrichten. Wie es gehen könnte, machen ausgerechnet die eigenen U-19-Junioren vor.

Horst Heldt sah angeschlagen aus. Müde. Die letzten Monate haben deutliche Spuren hinterlassen.

Zunächst die sportliche Talfahrt, die im Verpassen des Saisonziels Champions League und der geballten Fan-Wut gipfelte, die auf den Manager von Schalke 04 einprasselte. Schließlich dann die Trennung von Trainer Roberto Di Matteo, die der Klub am Dienstag nach tagelangen intensiven Gesprächen dann auch offiziell verkündete.

Für den Fehlgriff mit Di Matteo übernahm der Manager die Verantwortung. "Ich möchte nicht davon sprechen, dass es ein Fehler war. Aber es ist nicht aufgegangen und das ist meine Verantwortung", erklärte er: "Dazu gibt es natürlich auch andere Themen, die ich zu verantworten habe. Da nehme ich mich nicht aus."

Wegen besagter Trennung hätte Heldt dann auch beinahe noch den Titelgewinn der Schalker U 19-Junioren verpasst. Zumindest die zweite Halbzeit konnte Heldt noch vor dem TV verfolgen. Was er sah, passt dabei genau in das Profil, das er für die Profis im Hinblick auf die neue Saison ausgegeben hat.

Leidenschaft. Charakter. Absoluter Willen. Und Identifikation. Alles Attribute, die den Profis des FC Schalke zuletzt abgesprochen wurden.

Seitenhiebe gegen die Profis

Dass sich die 12.500 Fans der Königsblauen Seitenhiebe in Richtung der Profis nicht verkneifen konnten, überrascht nicht. "Seht Ihr Profis so wird das gemacht", sangen die Fans. Ein Zeile, die so ziemlich alles sagt.

Denn die Schalker Jungspunde hatten beim 3:1-Finalsieg gegen die TSG Hoffenheim so ziemlich all das gezeigt, was die Profis in den vergangenen Monaten vermissen ließen.

Und holte als i-Tüpfelchen auch noch einen Titel. "Es war ein tolles Spiel mit einer tollen Atmosphäre. Es waren viele Spieler dabei, die eine gute Zukunft auf Schalke haben", sagte dann auch Heldt.

Es ist lange her, dass Spieler des FC Schalke so gefeiert wurden. Und es ist noch länger her, dass ein Schalker Trainer mit Sprechchören bedacht wurde.

Absage von Elgert

Es gibt deshalb nicht wenige rund um den Klub, die Norbert Elgert gerne als Cheftrainer der Profis gesehen hätten. Doch für den 58-Jährigen kommt das derzeit noch nicht in Frage.

"Aktuell ist das kein Thema für mich. Vielleicht in ein, zwei Jahren." Der Grund? "Wenn ich 18 Jahre in dieser Position arbeite, bin ich nicht nur Angestellter, sondern auch Fan. Das ist hochemotional und nach dieser Saison brauche ich erst einmal einen langen Urlaub", sagte Elgert SPORT1.

Elgert wäre die interne und in gewissem Maße auch eine folgerichtige Lösung auf Schalke gewesen. Denn der charismatische Coach hätte bei den Fans von Anfang an eine Menge Kredit gehabt, ist er doch Schalker durch und durch.

Für Heldt wird die Aufgabe durch die Absage nicht einfacher. Eintracht Frankfurt sucht nach dem Rücktritt von Thomas Schaaf aktuell einen Coach, Hannover 96 sondiert ebenfalls den Markt. Was beim Hamburger SV nach der Relegation passiert, weiß auch niemand.

Viele Kandidaten

Heldt gab zu, noch keine Gespräche geführt zu haben. Kandidaten gibt es viele, zahlreiche haben sich auch schon von selbst gemeldet. Doch Heldt will sich die notwendige Zeit lassen, wohl wissend, dass sein nächster Schuss sitzen muss.

"Das muss eine perfekte Lösung sein. Es wäre der erste Fehler, einen Schnellschuss zu machen, der nicht sinnvoll ist", so Heldt. Dabei wandelt Heldt auf dem schmalen Grat, dass essentielle Planungen wie die Verpflichtung von Weltmeister Sami Khedira nicht ohne den neuen Cheftrainer fortgeführt werden sollen.

Die Aufgabe des neuen Coaches steht hingegen bereits fest: Schalke soll wieder den Fußball verkörpern, den die Leute sehen wollen. Dazu soll der Nachwuchs im Mittelpunkt stehen, die zuletzt mangelnde Disziplin ebenfalls. "Wir werden eine Vielzahl von jungen Spielern haben, die müssen sich weiterentwickeln. Wir müssen schauen, dass die Mannschaft und der Verein ein anderes Bild abgeben", so Heldt.

Wie das geht, machte am Montagabend die U 19 erfolgreich vor. Und wenn Heldt Nachwuchsguru Elgert schon nicht für die Arbeit bei den Profis kurzfristig begeistern kann, kann er sich darauf verlassen, dass die Quelle der Talente nicht versiegt.

Talente ohne Ende

Denn Elgert formte und entwickelte in den vergangenen Jahren zahlreiche Juwele, die den Sprung zu den Profis geschafft haben. Ob nun die Weltmeister Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Julian Draxler oder Max Meyer – sie alle profitierten von der Arbeit Elgerts ebenso wie der FC Schalke selbst. Von den frisch gebackenen Meistern stehen ebenfalls einige vor dem dauerhaften Sprung in die erste Mannschaft, wie Leroy Sané, Felix Platte oder Kapitän Thilo Kehrer. Es sind bei weitem nicht die ersten.

Denn die Knappenschmiede hat bislang rund 50 Profis hervorgebracht. Eine kostengünstige Alternative zu teuer eingekauften Stars, dazu ausgestattet mit der zuletzt bei den Profis so dringend vermissten Identifikation. Schalke kann so direkten Einfluss sowohl auf die Ausbildung als auch auf den Charakter nehmen. Mit dem Resultat, dass die Nachwuchsarbeit sowohl Lebensversicherung als auch Zukunftsversprechen ist.

"Wir müssen wieder mehr darauf zurückkommen, dass wir Spielern das Vertrauen geben, die schon lange im Verein sind. Wir sind nicht umsonst deutscher U-19-Meister geworden. Das ist die Zukunft von Schalke 04, und das müssen wir wieder herausarbeiten", betonte dann auch Heldt.

Das Erfolgsgeheimnis? "Es gibt keines"

Wie das in der Jugend funktioniert, weiß Elgert. "Man sollte mit der nötigen Ruhe, der notwendigen Zeit an die Sache rangehen. Vieles projiziert sich auf meine Person. Es sind aber ganz, ganz viele, da steckt ein 'Wir' dahinter. Der Fußball ist eine Sportart, in der das 'Wir' größer sein muss als das 'Ich'", sagt Elgert.

Auf Schalke war das bei den Profis zuletzt zu lange keine Selbstverständlichkeit.

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