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© SPORT1-Grafik Gabriel Fehlandt/getty/imago

München - Die Liga sehnt sich nach dem wilden Darmstadt und feiert den Aufsteiger. Dabei steht Ingolstadt viel mehr für den selbstgemachten Zustand des Fußballs. Eine schizophrene Lage.

Ein Unentschieden wie ein Sieg und ein Sieg wie eine Betriebsinventur.

Lukas Hinterseer entschied tatsächlich ein Spiel mit einem Tor im ersten Bundesligaspiel seines Vereins überhaupt, wollte von einer historischen Dimension aber nichts wissen.

Ungezähmte Freude

Marcel Heller erlebte trotz seiner Treffer in einer wilden Partie ein Unentschieden und feierte das wie die größte Errungenschaft seit der Erfindung des Fallrückziehers.

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Der Ingolstädter und der Darmstädter bilden ziemlich genau den Unterschied zwischen ihren Klubs ab.

Darmstadt erlebt Ritt

Klar ist schon jetzt: Bundesliga in Darmstadt ist der erhoffte Ritt, schreiend, hoffend, bangend, ohne jede Zügel. Rauf ging es beim 2:2 gegen Hannover mit Hellers Katapult-Solo zum 1:0 und seinem erneuten Führungstreffer nach der Pause, runter mit dem jeweiligen Ausgleich der Gäste.

Heller ging nach seinem ersten Treffer ab, an allen vorbei in Richtung Haupttribüne. "Ich bin zu meiner Freundin gelaufen, weil die sich immer ein bisschen ärgert, wenn ich sie nicht zuerst grüße", erklärte er.

Mit Image spielen

Die reiche Liga nimmt Darmstadt in die Arme, drückt den leicht schmuddeligen Klub an ihren Maßanzug. Gönnerhaft kommt das daher. Den Darmstädtern ist das aber sogar recht: Je weniger ernst die Konkurrenz sie nimmt, desto besser.

Und nicht einmal als Jerome Gondorf den Hannoveraner Mevlüt Erdinc nach dessen fürchterlich schlechtem Elfmeter verspottete, war niemand dem Aufsteiger wirklich böse. Vor allem, weil sich Gondorf danach bei Facebook öffentlich entschuldigte.

Sailer erzählt vom Bart

Darmstadt ist das geplante Chaos, der Flirt mit der Anarchie, dem Anderssein. Möglichst nicht durchgestylt wie beim Rest.

Aber natürlich erzählt Marco Sailer immer wieder gern von seinem Bart (bei Wind und beim Essen geht er ihm "auf den Sack") und von seiner Umstellung auf vegane Ernährung. Anti-Kommerz verkauft sich gut.

Jeder hat Darmstadt lieb

Speziell im Vergleich zu den Ingolstädtern. Außer den Fans von Eintracht Frankfurt hat jeder in der Bundesliga die Hessen lieb - und die Oberbayern? Na ja.

Das juckt den FC Ingolstadt freilich wenig. Der Verein sieht diese Saison nicht als womöglich einmalige Chance, sondern als weiteren Schritt nach oben. Der Plan geht auf.

Hinterseer bleibt gelassen

"Nein, überhaupt nicht", sagte Hinterseer auf die Frage, ob sein 1:0 in Mainz zum Auftakt historisch sei. Und mit Blick auf die anwesenden Medienvertreter: "Das ist vielleicht für euch jetzt eine schöne Geschichte." Nicht mehr.

Kühl war Ingolstadts Debüt in Mainz aber bei Weitem nicht, die Mannschaft überfiel den Gegner gekonnt, rannte leidenschaftlich. Nur: Die ersten drei Bundesliga-Punkte der Vereinsgeschichte lösen deutlich weniger Emotionen aus als Darmstadts Punkt gegen Hannover.

Hasenhüttl blickt sofort nach vorn

Ingolstadts Trainer Ralph Hasenhüttl hielt sich nicht lang auf mit Lobpreis für seinen Torschützen, stellte bei SPORT1 fest, es sei eine "Super-Geschichte" gewesen, auswärts zu starten, denn "da wissen wir, was wir zu tun haben und müssen nicht viel fürs Spiel tun", und schaute schon wieder weiter.

Dortmund standhalten

In Richtung Borussia Dortmund: "Wir haben alle gesehen, was da für eine Welle auf uns zurollen könnte", sagte er und meinte den Auftritt des BVB gegen Gladbach. "Die Schanz hat schon einigen Wellen standgehalten und ich hoffe, dass uns das auch jetzt gegen Dortmund gelingt."

Ein Vergleich der Vereine ist für beide ungerecht: Darmstadt wird wohl nie so viel Geld haben wie das von einem Automobilhersteller unterstützte Ingolstadt, Ingolstadt wird vielleicht nie überregional so beliebt sein wie Darmstadt jetzt. Vorwerfen lässt sich aber keinem etwas, schließlich macht jeder das Beste aus den eigenen Möglichkeiten.

Ingolstadt riecht nach Hoffenheim und Wolfsburg

Dabei stehen die Aufsteiger 2015 für die Schizophrenie des deutschen Fußballs: Ingolstadt riecht für den neutralen Fan nach Wolfsburg und Hoffenheim, so sieht geplanter Erfolg aus - der heutzutage einzig dauerhafte Weg in die Bundesliga.

Nach Darmstadt aber sehnen sich alle wie nach einer verklärten Vergangenheit mit viel Bier und ohne Komfort. Aber nur als Kuriosum, ein Fußballverein im Glaskasten. Zu bewundern aus der Sicherheit der eigenen gesponserten Loge.

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