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Stuttgart - Nach dem Weltmeistertitel ging es für den Dauerläufer immer weiter bergab. Nach der Verbalattacke von Joachim Löw will er Taten für sich sprechen lassen.

Es war einmal ein Mensch, der sich Fisch nannte, aber ansonsten ganz in Ordnung war. Aufgewachsen und sozialisiert inmitten der größten Stehplatztribüne der Welt, der Südtribüne in Dortmund, konnte er besser Fußball spielen und mehr rennen und Gras fressen als seine Freunde von der Süd.

Weswegen der Mensch, der sich Fisch nannte, erst zum allseits beliebten kickenden Fan von Borussia Dortmund und dann sogar zum Meister, Nationalspieler und Champions-League-Finalisten wurde und irgendwann sogar eine eigene Modelinie besaß. Kevin Großkreutz gab der Kollektion den Namen Fischkreutz.

2014 wurde der Mann, der sich Fisch nannte, zusammen mit seinen Kameraden, die von anderen Fipsi, Schweini, Poldi oder Jogi genannt werden, sogar Weltmeister. Er stand in Brasilien zwar keine Minute auf dem Platz, ließ sich aber dennoch ein Bild des WM-Pokals auf seinen Körper stechen. Das Weltmeister-Tattoo schmückt nun zusammen mit der Skyline von Dortmund und den anderen Pokalen, die er gewonnen hat, seinen Leib.

Halt verloren

Irgendwo zwischen der Süd, Dönerbuden, Hotellobbys, dem Maracana und Tattoo-Studio muss Großkreutz aber das Glück verlassen haben. Vielleicht auch der richtige Halt. Oder, wie Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag ungewohnt schonungslos anmerkte: "Ich habe nur begrenzt Verständnis dafür, wie er mit seiner Karriere umgegangen ist." Von einem Tattoo des EM-Pokals braucht Großkreutz jetzt endgültig nicht mehr zu träumen.

Löw wird ihn, der seit ein paar Wochen beim VfB Stuttgart unter Vertrag ist, nicht mehr nominieren.

"Großkreutz' große Karriere ist vorbei", urteilte ein Welt-Kolumnist, bezeichnete den vielseitig einsetzbaren Spieler als "ersten Absteiger". Großkreutz sei abgestürzt. Weil er jetzt in Stuttgart spiele. Und nicht mehr in Dortmund oder bei Galatasaray.

Großkreutz schaffte schon mal die Rückkehr

Das klang dann doch ein bisschen zu hart. Zweifellos war das von Löw angeprangerte Verhalten Großkreutz' bei Galatasaray fragwürdig. Die ständigen Flüge zur Familie halfen bei der Integration in die Mannschaft nicht. Andererseits war die sechsmonatige Spielsperre infolge nicht eingehaltener Fristen nicht Großkreutz' Versagen.

Der VfB Stuttgart ist Großkreutz' letzte Chance, seine Karriere noch zu retten. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass er nach einem vermeintlichen Rückschritt wieder die Kurve kriegt. Großkreutz wurde einst, genauso wie übrigens auch Marco Reus, zu Jugendzeiten beim BVB aussortiert. Er wechselte zum damaligen Zweitligisten Ahlen, kämpfte, überzeugte und erfüllte sich dann doch noch den Traum vom BVB.

Angst vor Fehlern

Nun also der VfB Stuttgart, wo sie in den letzten Jahren ja durchaus Erfahrung gesammelt haben mit Abstürzen und dem Hinterherrennen hinter den eigenen Ansprüchen. In den Testspielen waren Großkreutz' Leistungen eher unauffällig. Er wirke, als wolle er bloß keine Fehler machen, urteilten die Stuttgarter Nachrichten. Großkotzig ist anders.

Wer Großkreutz kennt, weiß, dass er zwar ein Kämpfer auf dem Platz ist, aber Streicheleinheiten und Bestätigung von Trainer und Umfeld braucht. In Istanbul konnte er das auch wegen der Spielsperre nicht bekommen. Beim VfB scheinen sie ihm das geben zu wollen und zu können, was er braucht. Die Mannschaft, verunsichert ob der Tabellensituation, aber nicht zerstritten, empfing ihn mit offenen Armen.

Nestwärme beim VfB

Trainer Jürgen Kramny lobte ihn bei SPORT1 "als fleißigen, hart arbeitenden Typen". Er habe ihn "nicht als schwierigen Typ" kennengelernt, "er hat mit uns in der Rückrunde ein klares Ziel."

Ein Einsatz gleich beim Rückrundenauftakt beim 1. FC Köln am Samstag ist nicht unwahrscheinlich. "Kevin hat lange nicht mehr gespielt, braucht den Spielrhythmus, den wird er sicherlich bei uns kriegen", sagte Kramny.

Sportchef Robin Dutt forderte nach Löws Attacken eine faire Chance für den Neuzugang. "Wir haben mit Kevin über die Aussagen gesprochen, er will nach vorne schauen und sich auf seinen Neuanfang konzentrieren", sagte der 50-Jährige der Sport Bild und schob nach: "Wir unterstützen ihn dabei und hoffen, dass er von jedem eine faire Chance bekommt."

Großkreutz weiß, dass er kämpfen muss, wenn er es seinen Kritikern zeigen möchte. Das sollte Ansporn genug sein.

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