vergrößernverkleinern
Julian Draxler hat sich mit seinem Vorstoß in Wolfsburg keine Freunde gemacht © SPORT1-Grafik: Paul Hänel / Getty Images / Imago

München - Julian Draxler forciert seinen Abschied aus Wolfsburg - und erntet von vielen Seiten Kritik. Neu ist die Masche aber nicht, wie van der Vaart, Heiko Herrlich und Co. zeigen.

10. Mai 2013: Julian Draxler verlängert seinen Vertrag bei Schalke 04 vorzeitig um zwei Jahre bis 2018. Lastwagen mit Draxlers Konterfei und der Aufschrift "Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018" rollen durchs Ruhrgebiet.

Zwei Jahre später wechselt Draxler drei Jahre vor Vertragsende nach großem Hin und Her zum VfL Wolfsburg.

4. Juli 2016: Der VfL Wolfsburg präsentiert seine neuen Trikots für die Saison 2016/17 mit dem Leitspruch: "Wolfsburger. Mit jeder Faser." Als einer von zwei Spielern daneben im Bild: Julian Draxler.

Keinen Monat später verkündet Draxler öffentlich via Bild, dass er Wolfsburg verlassen möchte - und bezichtigt Manager Klaus Allofs des Wortbruchs. Der VfL? Weist das zurück, verdonnert Draxler zum Bleiben - und ruft ihn zum Rapport. Am Donnerstag muss Draxler beim VfL-Vorstand aufkreuzen. Ob ihm da noch einmal klargemacht wird, dass er wirklich bleiben muss? Ob Draxler dann auch wirklich bleibt? Die Erfahrung legt einen anderen Schluss nahe.

"Unglaublich", "lächerlich", "erbärmlich"

Wie auch immer der Zwist ausgeht: Der öffentliche Aufschrei ist einmal mehr groß. Die harmloseren Kommentare in Richtung Draxler reichen von "unglaublich" über "lächerlich" bis hin zu "erbärmlich". Manch einer schimpft auf "die neue Generation" der Fußballprofis.

Video

Das Phänomen ist aber kein Neues. Spieler, die trotz laufenden Vertrags einen Verein mit Nachdruck verlassen wollten, hat es schon immer gegeben - und wird es wohl auch immer geben.

Schon 1995 wollte Heiko Herrlich unbedingt von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund wechseln - Gladbach aber verweigerte die Freigabe. Die Situation eskalierte, Herrlich blieb dem Training fern, am Ende trafen sich beide Parteien vor Gericht. Über 20 Jahre ist das inzwischen her.

Heiko Herrlich
Heiko Herrlich (l.) feierte 1995 den Pokalsieg mit Gladbach - und ging dann zum BVB © Imago

Damals wie heute gilt und galt der Grundsatz, dass Verträge einzuhalten sind. Aber im Fußball ist es damit dennoch so eine Sache: Oft will der eine oder andere Vertragspartner ihn dann doch nicht einhalten. Der Spieler, der Klub, der Trainer, der Manager: Gab's alles schon.

Magath beklagte "babylonische Gefangenschaft"

Nun ist es also Draxler, der die alte Frage aufwirft: Was kann ein Klub tun, wenn ein Spieler öffentlich auf einen Wechsel drängt? Gar mit einem Trainingsboykott droht oder absichtlich schlecht spielt?

Wenig, befand Felix Magath 2011 in einem Beitrag für das Hamburger Abendblatt. Die Vereine befänden sich in Sachen Vertragsverhältnisse mit Spielern "in einer Art babylonischer Gefangenschaft". Aber sitzen die Spieler wirklich am längeren Hebel?

Lewandowski antwortet mit Leistung

"Ein Profi", sagt Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft VdV zu einem möglichen Trainingsboykott oder absichtlich schlechten Leistungen, "wird grundsätzlich auch nach Einsatzzeiten und gewonnenen Punkten bezahlt. Allein schon deshalb kann davon ausgegangen werden, dass er sich mit guten Leistungen empfehlen will."

Würde er nicht aufgestellt, "hätte dies negative Auswirkungen auf seinen Verdienst und seinen Marktwert".

Zum Trainingsboykott rät etwa Berater-Pate Mino Raiola seinen wechselwilligen Klienten gerne - zuletzt angeblich auch Henrikh Mkhitaryan, der schließlich (vor Vollzug des Boykotts) vom BVB zu Manchester United wechseln durfte. Und trotzdem versuchen vereinzelt Spieler, oftmals aber in erster Linie Berater, eine öffentliche Drohkulisse aufzubauen.

Posse um Rafael van der Vaart beim HSV

Demba Ba weigerte sich in der Winterpause der Saison 2010/11, bei 1899 Hoffenheim mit ins Trainingslager zu fahren. Kurz nach Beginn der Rückrunde bekam er seinen Willen und durfte nach England zu West Ham United wechseln.

Unvergessen ist auch die Posse um Rafael van der Vaart beim Hamburger SV, als dieser sich im Sommer 2007 schon mit dem Trikot des FC Valencia ablichten ließ. Kurz vor dem Hinspiel des HSV in der UEFA-Cup-Qualifikation erklärte er zudem, er habe sich an seinem kleinen Sohn verhoben - offensichtlich mit dem Ziel, seine Einsatzberechtigung in internationalen Wettbewerben nicht zu verspielen.

Rafael van der Vaart mit Trikot des FC Valencia
Rafael van der Vaart posiert mit dem Trikot des FC Valencia - dort spielen sollte er letztlich nie © Imago

In seinem Fall half alles nichts, der Niederländer musste ein weiteres Jahr an der Alster bleiben, durfte dann aber sogar zu Real Madrid wechseln - zwei Jahre vor dem Ende seiner Vertragslaufzeit.

Draxler in Wolfsburg mit Vertrag bis 2020

Draxlers Vertrag in Wolfsburg läuft derzeit sogar noch vier weitere Jahre bis 2020. Bleibt die Frage, warum der 22-Jährige überhaupt ein derart langfristiges Arbeitspapier unterschrieben hat, wenn er den VfL nach eigener Aussage zwar "als gute Perspektive", aber eben auch als "Sprungbrett" ansah.

VdV-Geschäftsführer Baranowsky plädiert für "eine gute und flexible Strategie" für "eine nachhaltig erfolgreiche Karriereplanung".

Wer auf der einen Seite Planungssicherheit, auf der anderen Seite aber auch einen Verein bei einem guten Angebot schnell verlassen möchte, "kann beispielsweise eine Optionsklausel aushandeln. Das schafft Klarheit für alle Beteiligten und reduziert das Konfliktpotenzial."

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel