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Carlo Ancelotti unterwegs beim "Elite Football Club Coaches Forum" der UEFA © Getty Images

München - Zwei Monate nach Carlo Ancelottis Amtsantritt beim FC Bayern wird deutlich: Der neue Coach hat doch eine Revolution angezettelt - allerdings nicht auf dem Platz

Seit Carlo Ancelotti seinen Job als Cheftrainer beim FC Bayern München antrat, ist er ein gefragter Mann an der Säbener Straße.

Das war Pep Guardiola auch. Doch anders als der asketische Katalane, der seinen Fokus streng auf den maximalen Erfolg legte und sich nur ungern ablenken ließ, ist der Italiener ein Lebemann, wie er im Buche steht.

Was man in München zunächst nur vermutete, wird immer deutlicher: Ancelotti ist der Gegenentwurf zu Guardiola - der leibhaftige Anti-Pep.

Trip nach Tirana

Nebengeräusche? Waren bei Guardiola verpönt, beim Italiener sind sie nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht. Ancelotti erachtet seine Umgebung als befruchtend, ein Pläuschchen mit den Klub-Angestellten ist da immer drin.

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Der Druck, den sich Guardiola vor allem selbst auferlegte, prallt bei Ancelotti weitestgehend ab. "Man hat mich hier nicht aufgefordert, alles gewinnen zu müssen. Ich muss dafür sorgen, dass wir konkurrenzfähig sind und bleiben, dass wir in Europa mit zur Spitze gehören", sagte er in der Welt.

Und weil ein bisschen Ablenkung nicht schaden kann und die Trainingsgruppe in der Länderspielpause arg ausgedünnt war, ließ er das Trainingsgelände für einige Tage hinter sich und machte sich auf den Weg.

So stand zunächst das Elitetrainer-Forum der europäischen Spitzenklubs in Nyon auf Ancelottis Agenda, bevor er - nach einem Zwischenstopp in München - den Flieger nach Tirana nahm.

Auf Einladung von Albaniens Regierungschef Edi Rama referierte der umtriebige Coach über sein eigenes Buch, dessen Titel ihn am besten charakterisiert: "Quiet Leadership - Wie man Menschen und Spiele gewinnt".

Leben und leben lassen

Dieses Motto des charismatischen Menschenfängers machte sich auf all seinen Trainerstationen bezahlt: Mit ruhiger Hand durch stürmische Zeiten. Ob bei Milan, Chelsea, PSG oder Real: Ancelotti hinterließ überall Erfolge, aber nie verbrannte Erde.

Dazu zählt auch, sich mit seinen Ex-Vereinen zu identifizieren - mit allen Konsequenzen. "Ich werde nie Atletico oder Barca trainieren", sagte Ancelotti der spanischen Sportzeitung Marca: "Ich würde in Italien auch nicht Inter oder Lazio trainieren, denn ich bin Milan verbunden."

Dass jemand beim FC Bayern angesichts Ancelottis Promotion in eigener Sache mit der Nase rümpft, ist ausgeschlossen. Die Freiheit, die sich der Maestro für sich selbst nimmt, gönnt er auch seiner Umgebung.

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Video-Analyse vom kommenden Gegner? Die konnte warten, außerdem hat Ancelotti genügend Personal, das sich im Vorfeld mit dem FC Schalke 04 befasst.

Es menschelt beim FC Bayern

Während Guardiola Pressegespräche als lästige Pflicht begriff, sind Interviews für Ancelotti eine gute Möglichkeit zur Interaktion mit gleichberechtigten Partnern.

Ebenso pflegt er einen offeneren Umgang zur Öffentlichkeit, was die Zuschauer schon bei der Präsentation zu Gesicht bekamen. Dort drückte der "Mister" einem leicht verdutzten Mädchen, das sich zu seinen Ehren mit Dirndl und Blume im Haar schick gemacht hatte, einen dicken Schmatzer auf die Stirn.

Was denn das Beste an seinem Trainerberuf sei, wurde er kürzlich in einem Video auf der Vereinsseite gefragt. "Dass ich so nahe am Spielfeld sitze und keinen Eintritt dafür bezahlen muss", sagte er schmunzelnd. Man möchte es ihm fast abnehmen.

"Ich bin nicht hier, um eine Revolution zu starten", waren seine ersten Worte beim FC Bayern. In Wahrheit ist beim Rekordmeister nach drei Jahren Guardiola nicht weniger als besagte Revolution bereits im Gang. Zumindest neben dem Platz.

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