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München - Mit seinem Auftritt nach der Pleite in Leverkusen erinnert BVB-Coach Thomas Tuchel an Mainzer Zeiten. Auch in Dortmund herrscht nicht mehr nur eitel Sonnenschein.

An der Fußball-Kompetenz von Thomas Tuchel gibt es keine Zweifel.

"Ich glaube, er ist ein sehr guter Trainer, der sehr akribisch arbeitet, die Mannschaft gut einstellt und taktisch einiges auf dem Kasten hat", lobte Bayern-Kapitän Philipp Lahm den Trainer von Haupt-Konkurrent Borussia Dortmund bei SPORT1.

Doch sein Gemecker über die vermeintlich zu harte Gangart des Gegners bei der 0:2-Pleite in Leverkusen macht klar: Tuchel wandelt emotional auf einem schmalen Grat.

Rückfall in Mainzer Muster?

Im Auftreten des 43-Jährigen nach der Niederlage bei Bayer könnte man einen Rückfall in alte Verhaltensmuster sehen.

In der Zeit bei Mainz 05, seiner erster Trainerstation im Profi-Fußball, hatte sich Tuchel mit seiner Art nicht nur Freunde gemacht.

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Schon damals entstand der Eindruck, dass Tuchel mit Niederlagen nicht gut umgehen konnte. Nach Misserfolgen waren oft die anderen schuld: Meist der Gegner oder die Schiedsrichter. "Taschentuchel" wurde der Coach hinter vorgehaltener Hand genannt.

"Abgang war grenzwertig"

Tuchels Abschied aus Mainz verlief auch nicht ohne Misstöne.

Hinter dem Rücken der Verantwortlichen soll er wochenlang mit anderen Vereinen verhandelt haben, verabschiedete sich letztlich überraschend in ein Sabbatjahr.

Mainz-Präsident Harald Strutz trat unverhohlen und öffentlich nach. "Sein Abgang war schon grenzwertig", schimpfte er: "Wir haben unterschiedliche Auffassungen von Respekt."

Tuchel bei Amtsantritt locker

Nach seiner Auszeit ersetzte Tuchel dann in Dortmund den lockeren und allseits beliebten Volkstribunen Jürgen Klopp. Tuchel galt vielen dagegen als Pedant, der Probleme mit der Mentalität im Ruhrpott haben könnte.

Den Verantwortlichen beim BVB und Tuchel selbst war klar: Es braucht einen Image-Wechsel.

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Vor und kurz nach seiner Unterschrift in Dortmund war Tuchel auffällig locker: Bilder wurden öffentlich, auf denen er lässig mit Hipster-Mütze auf dem Fahrrad unterwegs war.

Bei seiner Antrittspressekonferenz war er offen, gelöst und lachte viel.

Nicht mehr eitel Sonnenschein

In seinem ersten BVB-Jahr gab es dann auch keine großen Probleme: Nach oben waren die Bayern enteilt, von unten machte die Konkurrenz keinen Druck. Zudem zehrte der Trainer ja auch noch von einem ganzen Jahr Urlaub.

Doch diese Saison ist die (eigene) Erwartungshaltung gestiegen. Und in Dortmund herrscht nicht mehr eitel Sonnenschein.

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Denn Tuchel eckt an: Mit Chefscout Sven Mislintat herrscht Funkstille. Und das obwohl der Fußball-Experte beim BVB und auch bei anderen Klubs höchstes Ansehen genießt.

Auch Tuchels Umgang mit Neven Subotic hat im Verein nicht jedem geschmeckt. Der verdiente Meister-Verteidiger bekam vom Coach nach langer Verletzungspause nie eine Chance. Ein Abgang wurde dem Serben nahegelegt.

Tuchel wie Mourinho und Klopp

Und jetzt bietet Tuchel auch nach außen hin Angriffsfläche. Nach der Niederlage in Leverkusen zückte er bei der Pressekonferenz einen Zettel und trug vor, wie viele Fouls seine Spieler in den letzten Spielen exakt erleiden mussten. Mit Bayer-Coach Roger Schmidt lieferte er sich einen verbalen Schlagabtausch.

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Nach dem schwachen Auftritt seiner Mannschaft sprach jeder nur über Tuchel.

Vielleicht hat er damit auch nur den nächsten Schritt zum Top-Coach gemacht. Denn den besten Trainern der Welt ist dieser Schachzug nicht fremd: Jose Mourinho entwickelt nach Pleiten meist die nächste Verschwörungstheorie, Jürgen Klopp wütet an der Seitenlinie auch mal Richtung Schiedsrichter. Das Versagen der Spieler ist dann kein Thema mehr.

Veh: "Ein kluger Schachzug"

Tuchels Aussagen könnten zusätzlich in die Zukunft gerichtet sein.

SPORT1-Experte Armin Veh analysierte im Volkswagen Doppelpass: "Es ist im Prinzip ein kluger Zug. Er hat schon daran gedacht, dass es vielleicht in den nächsten Spielen auch sein könnte, dass der ein oder andere dann sensibilisiert ist."

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Vorbild Hoeneß?

Ein entsprechendes Lehrstück lieferte einst Uli Hoeneß. Nachdem Franck Ribery ein paar Mal gefoult wurde, schimpfte der Bayern-Übervater: "Die Schiedsrichter müssen reagieren und zur Not auch mal sieben, acht Mann einer Mannschaft vom Platz stellen."

Heute wirkt es, als könnte sich Ribery auf dem Platz mehr erlauben als andere Bundesliga-Profis.

Ob die Dortmunder Spieler nach Tuchels Aussagen künftig weniger gefoult werden, bleibt abzuwarten.

Doch wie Hoeneß früher bei den Bayern, könnte Tuchel jetzt bei Borussia Dortmund zumindest ein zusätzliches Aufgabengebiet anvertraut werden: Die Abteilung Attacke.

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