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Julian Nagelsmann spricht mit seinem Team
Julian Nagelsmann ist mit 28 Jahren der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte © Getty Images

München - Julian Nagelsmann schwimmt mit Hoffenheim auf einer Welle des Erfolgs. Der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte hat den Verein nach seinen Vorstellungen umgekrempelt.

Julian Nagelsmann kann das Wort nicht mehr hören. "Ein Wunderkind bin ich nicht", sagte der Hoffenheimer Erfolgstrainer der FAZ. Dass dieser Begriff in letzter Zeit jedoch häufiger mit dem 28-Jährigen in Verbindung gebracht wurde, ist alles andere als ein Wunder.

Chaos bei Antritt

Als Nagelsmann im Februar in Sinsheim übernahm, fand er ein Chaos vor, das selbst Huub Stevens, der Feuerwehrmann in Person, zuvor nicht in Ordnung bringen konnte. "Als Julian zu Hoffenheim kam, war es eine schwierige Situation im Verein", sagt Stevens rückblickend bei SPORT1.

Die berüchtigte "Trainingsgruppe 2" noch im Kopf und der drohende Abstieg vor der Brust - ob da ein unerfahrenes Greenhorn die richtige Lösung auf dem Trainerposten sei, fragten sich nicht nur die Experten.

"Man weiß nie, wie ein junger Trainer zurechtkommt", meint auch Stevens, zumal Nagelsmann "einen Kader hatte, in dem es auch enttäuschte Spieler gab oder Spieler, die mit Verletzungen zu kämpfen hatten. Das war nicht leicht."

Doch nach dem nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt im vergangenen Jahr ist die TSG unter ihrem jungen Coach vor dem Spiel in Leverkusen (Sa., ab 15.30 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) als nur eines von vier Bundesliga-Teams in der aktuellen Saison noch ungeschlagen. Zuletzt sprangen sogar drei Siege in Folge für die Kraichgauer heraus.

Bedenkt man diese Entwicklung, mag Nagelsmann die Bezeichnung Wunderkind zwar nicht gefallen - sie trifft jedoch sprichwörtlich den Nagel auf den Kopf.

Taktische Veränderungen

Denn trotz fehlender Erfahrung im Profibereich ging er mit viel Selbstvertrauen an die Aufgabe in Sinsheim heran. "Klar bin ich jung", sagte der gebürtige Landsberger zwar, "aber ich bin kein Lehrling mehr". Und mit diesem Selbstverständnis begann er, den Verein nach seinen Vorstellungen zu formen.

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Nagelsmann wollte weg vom starren 4-2-3-1, das die Hoffenheimer jahrelang in der Bundesliga gezeigt hatten und taktisch flexibler werden. Ob Fünferkette, Dreierkette oder ein offensives 4-3-3: In dieser Saison hat seine Mannschaft schon viele Gesichter gezeigt.

Auf eine Doppelspitze vorne hat Nagelsmann jedoch nur selten verzichtet.

Neben einer verbesserten Kompaktheit im Zentrum profitieren gerade die Torjäger von diesen Umstellungen. Seit Nagelsmanns Antritt wurden 24 der 33 Bundesliga-Tore von Stürmern erzielt. Sandro Wagner, Andrej Kramaric und Co. blühen in dieser Saison geradezu auf.

Der Technik-Guru

Dabei zeigt sich Nagelsmann als Vorläufer einer jungen, technikaffinen Trainergeneration. So schwebte Ende September auf einmal eine Drohne über das Hoffenheimer Trainingsgelände. Der 28-Jährige versprach sich von den aus 60 Metern Höhe gefilmten Bildern einiges.

Es sei "eine Option, Bilder aus einer anderen Perspektive" zu erhalten, sagte Nagelsmann SPORT1. "Spieler lernen mehr und schneller, wenn ich ihnen die Inhalte visualisiere", fügte er bei der FAZ an.

Mittlerweile arbeiten sogar zwei Wissenschaftler im Verein, deren Aufgabe es ist, Daten auszuwerten und sie anschließend mit Nagelsmann und seinem Trainerteam zu analysieren. Unterstützt werden sie dabei von zwei weiteren externen Spezialisten der Universität Düsseldorf.

Beeindruckende Heimserie

Gerade die jungen Spieler scheinen diese Methoden gut anzunehmen. Mit einem Durchschnittsalter von nur 24,7 Jahren schickt Nagelsmann regelmäßig eine der jüngsten Mannschaften der Liga auf den Platz - und die Jungspunde um Kerem Demirbay und Niklas Süle zahlen sein Vertrauen bislang voll zurück.

Beeindruckend ist vor allem die Heimstärke der Kraichgauer, die unter Nagelsmanns Regie erst ein einziges Spiel zu Hause verloren haben (bei sieben Siegen und drei Remis).

In der "Nagelsmann-Tabelle" seit dem Debüt des Trainers auf der Hoffenheimer Bank belegt sein Team nach Gladbachs Remis gegen den HSV sogar Platz vier.

Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen vor dem Spiel in Leverkusen durchklingen ließen, sie würden den Vertrag mit ihrem "Wundertrainer" gerne vorzeitig verlängern. Hoffenheims ehemaliger Mäzen Dietmar Hopp rechnet mittelfristig allerdings nicht mit einem Verbleib.

Zwar würde er Nagelsmann am liebsten "auf Lebenszeit" behalten, doch gleichzeitig merkte der 76-Jährige an: "Er scheint so ein großes Trainertalent zu sein, dass Hoffenheim irgendwann zu eng für ihn sein dürfte."

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