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Dietmar Beiersdorfer, Hamburger SV
Dietmar Beiersdorfer ist seit diesem Sommer Vorstandsvorsitzender und Sportdirektor beim HSV © Getty Images

Hamburg - Der nächste Flop bei der Sportdirektoren-Suche bringt Dietmar Beiersdorfer in Bedrängnis. Der starke Mann beim HSV ist angezählt, verschiedene Modelle sind möglich.

Nun also Jens Todt. Die Nummer vier oder die Nummer sieben im Sportdirektoren-Casting, je nach Lesart. Die Absage von Bochums Christian Hochstätter am Wochenende wirft den Hamburger SV wieder zurück auf Start.

Nachdem sich bereits Nico-Jan Hoogma öffentlich und Horst Heldt stillschweigend verabschiedet hatten, sprang auch Hochstätter dem HSV ab.

Dazu gab und gibt es im Hintergrund fortlaufend Gespräche mit anderen Kandidaten, deren Namen nicht gleich in den Medien auftauchen. So etwas soll es sogar beim Hamburger SV noch geben, der momentan im 24-Stunden-Rhythmus für mehr negative Schlagzeilen sorgt als andere Klubs im ganzen Jahr.

Und immer mittendrin: Dietmar Beiersdorfer. Der Vorstandsvorsitzende und Sportdirektor in Personalunion sucht die Alternative zur Alternative zur Alternative für einen seiner beiden Jobs und steht dabei mittlerweile isoliert und alleine gelassen da. Beiersdorfer, seit 2014 wieder beim HSV, steht vor den Scherben seiner zweiten Amtszeit und es ist völlig unklar, wie der havarierte Klub in naher Zukunft wieder auf die Beine kommen will.

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Der Aufsichtsrat tagt

Am Montag tagte der Aufsichtsrat. Eigentlich, so hieß es vorher, sollte der neue Sportdirektor endlich feststehen. Nun hat Beiersdorfer nichts in der Hand, im Gegenteil: Die geplatzten Verhandlungen lassen ihn noch schwächer erscheinen.

Er selbst stellt das naturgemäß anders dar: "Bei mir sind in den vergangenen Tagen und Wochen jede Menge Bewerbungen eingegangen. Wir könnten morgen problemlos einen Sportdirektor präsentieren", erklärte er am Montag auf der Website des Hamburger SV.

Zweitliga-Manager Todt vom Karlsruher SC soll jetzt erster Kandidat sein, der mindestens vierte erste Kandidat. Allerdings dementierte der inzwischen, dass es mit dem HSV Vertragsgespräche gebe.

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Die Episoden der bisher erfolglosen Suche bringen Beiersdorfer immer noch weiter in die Bredouille. Bei Hoogma habe es ein Kommunikationsproblem gegeben, Heldt sagte von sich aus schnell ab, Bochum habe für Hochstätter drei Millionen Euro Abfindung aufgerufen.

"Die Bochumer Forderungen waren aus unserer Sicht nicht annehmbar", sagte Beiersdorfer. Der HSV habe zuletzt kolportierte 800.000 Euro geboten - eine geradezu lächerliche Summe für den zweitwichtigsten Posten innerhalb eines Vereins.

Aber wie genau hätte Beiersdorfer Hochstätter bei Geldgeber Klaus-Michael Kühne durchboxen wollen? Kühne hatte dereinst schon Oliver Kreuzer, der ebenfalls vom KSC nach Hamburg gewechselt war, als "Drittliga-Manager" tituliert. Kurze Zeit später war Kreuzer beim HSV Geschichte.

Zögerlich und wankelmütig

Dass jetzt in der Geschichte um Hochstätter von der anderen Seite ähnliche Vorwürfe formuliert werden, wie von Hoogma, passt ins Bild: Beiersdorfer habe nie direkt mit dem Klub geredet, sagt Bochums Aufsichtsratschef Hans-Peter-Villis SPORT1.

Beiersdorfer kommt auch jetzt, da ihm selbst das Wasser bis zum Hals steht, zögerlich und wankelmütig in seiner Entscheidungsfindung herüber.

Hochstätter wollte dafür nicht die nötige Geduld aufbringen und zeigte sich am Ende im Gegensatz zu Beiersdorfer entscheidungsfreudig: "Ich habe die Entscheidung getroffen, dass ich dem ganzen Spuk ein Ende bereite. Weil ich das Gefühl hatte, dass sich beide Vereine nicht einigen konnten. Dazu kommt, dass ich denke, dass eine Woche ausreicht, um eventuell zusammenzukommen", sagte Hochstätter am Montag im SPORT1-Interview.

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Bedenklicher Umgang mit Labbadia

So verstreicht nun weiter kostbare Zeit, der Klub geht die Probleme weiterhin nicht aktiv an, sondern verschleppt sie so lange, bis eine schmerzhafte Entscheidung her muss.

Das erinnert frappierend an Beiersdorfers Umgang mit Bruno Labbadia. Vom Trainer soll er schon im Sommer nicht mehr überzeugt gewesen sein, ging aber trotzdem mit Labbadia in die Saison, um dann im Herbst die Reißleine zu ziehen und Markus Gisdol zu holen.

Vor wenigen Tagen gab Mediendirektor Jörn Wolf nach zwölf Jahren beim HSV seinen Abschied bekannt. Die Trennung erfolge einvernehmlich. Aber warum mitten in der Saison? Wolf ist das Gesicht des Vereins, die einzige Konstante in wüsten Zeiten.

Im Umfeld halten sich die Gerüchte, dass auch Beiersdorfer längst stark angezählt ist. Angeblich bringen sich deshalb einige in Stellung oder bereiten das Feld, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Indiskretionen lassen einzelne Aufsichtsratsmitglieder dumm aussehen, einiges erinnert schon wieder an die turbulente Zeit unmittelbar vor der Ausgliederung.

Gernandt zählt Beiersdorfer an

Eine Demission Beiersdorfers galt lange Zeit als undenkbar. Er wurde 2014 geholt, um die Ausgliederung zu bewerkstelligen, er war das Gesicht des neuen HSV und sein Schicksal unmittelbar verknüpft mit dem von Aufsichtsratschef Karl Gernandt, der rechten Hand Kühnes.

Gernandt ist aber abgerückt von Beiersdorfer, unterstrich vor einigen Tagen nochmals vielsagend seine Linie: "So eine sportliche Krise gab es in der Bundesliga-Geschichte des HSV noch nie. Ich werde da nicht tatenlos zusehen. Es geht sportlich und in der Führung nicht mehr so weiter."

Beiersdorfer habe bei der Sitzung des Aufsichtsrats nichts zu befürchten, heißt es. Aber nicht deshalb, weil die Herren mit seiner Arbeit so überaus zufrieden wären. Sondern weil Beiersdorfer schlicht die einzige sportliche Kompetenz im gesamten Verein ist, abgesehen von Trainer Gisdol. Es gibt kaum eine Alternative zu Beiersdofer, sie schützt den mächtigen Mann. Noch.

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Der Name Heribert Bruchhagen ist zwar schon ein paar Mal gefallen. Aber Bruchhagen wäre ein Schnellschuss für den Posten des Vorstandsvorsitzenden, demnach müsste Beiersdorfer komplett und ausschließlich als Sportdirektor fungieren. Die Ergebnisse seiner Arbeit aus den letzten sechs Monaten lassen aber den Schluss zu, dass er mit dieser Aufgabe überfordert wäre. Die vom ihm zusammengestellte Mannschaft erfüllt derzeit jedenfalls nicht die Anforderungen der Bundesliga.

Beiersdorfer muss einen neuen Sportdirektor für den Hamburger SV finden. Andernfalls wird der Klub schon bald einen Sportdirektor und einen Vorstandsvorsitzenden suchen müssen.

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