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Tim Wiese spielte in der Bundesliga für den 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen und 1899 Hoffenheim © SPORT1-Grafik/Getty Images

München - Im zweiten Teil des großen SPORT1-Interviews spricht der Ex-Torwart und heutige Wrestler Tim Wiese über RB Leipzig, den DFB und Jungstars in der Fußballszene.

Tim Wiese polarisiert wie kaum ein Anderer.

Und der 34-Jährige hat es seinen Kritikern gezeigt, die nicht glauben wollten, dass er als Wrestler in den Ring steigen würde. Das erste Match des Ex-Nationaltorwarts war ein voller Erfolg.

Doch Wiese hat auch nach seiner Fußball-Karriere die Bundesliga weiter fest im Blick.

Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews spricht Wiese über RB Leipzig, Bundestrainer Joachim Löw und die heutigen Jungstars im Fußball.

SPORT1: Herr Wiese, Sie haben aus Ihrer Suspendierung in Hoffenheim das Beste gemacht. Ganz ehrlich, wären Sie ohne die "Trainingsgruppe 2" heute im Wrestling-Geschäft?

Tim Wiese: Nein, ich würde heute noch im Tor stehen. Bei meinen Künsten auf jeden Fall (lacht). Hoffenheim war eine geile Zeit, das war der beste Deal in meinem Leben. Bis jetzt. Aber natürlich ist es sportlich schlecht gelaufen für mich. Wenn es danach gegangen wäre, wäre ich besser zu Real Madrid gegangen. Die Chance war da, aber ich bin nach Hoffenheim gewechselt. Nicht immer sind solche Entscheidungen im Fußball rundum super.

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SPORT1: Sie sagten mal, dass Sie extrem sind. Warum?

Wiese: Was heißt extrem? Egal, was ich in meinem Leben anpacke, ziehe ich durch. Ist das extrem? Per Mertesacker hat auf seiner Facebook-Seite einen Post gemacht "Tim Wiese liebt immer das Extreme". Ich bin halt ein Draufgänger, aber ich bin total diszipliniert, fokussiert und ehrgeizig. Viele Leute sehen den Begriff extrem negativ behaftet. Ich habe Bock auf gewisse Dinge und ziehe die dann auch durch. Ein Beispiel: Ich habe einen Camaro. Den gibt es als Standard mit 400 PS, aber den will ich nicht, sondern den mit 1000 PS. Also habe ich mir einen zusammenbauen lassen in Texas. Das liebe ich.

SPORT1: Wie war Ihre Kritik an den Verantwortlichen beim DFB gemeint?

Wiese: Ich habe in einem Interview erklärt, wie es 2010 mit mir in der Nationalmannschaft lief. 2010 hätte ich spielen müssen. Rene Adler war verletzt. Trotz Muskelbündelriss trainierte ich wie ein Bekloppter. Mir wurde gesagt, dass offen sei, wer spielt und ich gute Chancen hätte. Doch zu dem Zeitpunkt stand schon längst fest, dass Manuel Neuer spielen würde. Und jetzt lese ich vor ein paar Tagen: "Tim Wiese rechnet mit dem DFB ab." (lacht laut) Schwachsinn! Es war eine tolle Zeit und ich habe bis heute nichts gegen die Jungs. Das war damals Business. Joachim Löw und Oliver Bierhoff machen super Arbeit, sie haben uns zum Weltmeistertitel geführt. Ich durfte für Deutschland als Torhüter auflaufen. Heute habe ich noch guten Kontakt zu Lukas Podolski, Mesut Özil, Torsten Frings und Per Mertesacker.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf Tim Wiese zum Exklusiv-Interview in München

SPORT1: Haben Sie mit der Fußballbranche abgeschlossen? Sie klangen in dem besagten Interview verbittert...

Wiese: Auf gar keinen Fall. Ich habe meine Karriere als Fußballspieler abgeschlossen, doch das heißt doch nicht, mit der Fußballbranche abzuschließen. Ich bin jetzt 35 und da bist du heutzutage steinalt. In zehn Jahren gibt es keinen 35 Jahre alten Fußballer mehr, da bist du mit 29 Jahren weg. Heute werden 17-Jährige Stammspieler, die haben früher noch in der B-Jugend gespielt. Natürlich verfolge ich den Fußball noch ganz genau. Und ich sage weiter meine Meinung dazu, weil der Fußball mein Leben war. Ich werde nie vom Fußball wegkommen.

SPORT1: Die heutigen Profis würden Sie anöden, meinten Sie, weil keiner mehr seine Meinung sagt.

Wiese: Leider. Wenn du heute Spieler bist, steckst du in einem echt beschissenen System fest. Alle im Fußball haben Angst davor, dass Spieler ihre Meinung sagen. Wenn sie es doch einmal tun, haut es ihnen die Presse am nächsten Tag um die Ohren. Passiert dir das ein- oder zweimal, sagst du doch nichts mehr, die Spieler sind doch nicht bescheuert. Oder du sagst nur das, was du sagen darfst. So einfach ist das. Und dann wundern sich alle, dass es keine Typen mehr gibt. Ich hatte nie Angst, etwas zu sagen, weil ich meine Leistung gebracht habe. Und dann kannst du auch mal das Maul aufreißen. Wenn du scheiße spielst, hältst du jedoch besser den Mund.

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SPORT1: Gibt es den Typen Tim Wiese heute noch in der Bundesliga?

Wiese: Nein, der ist ausgestorben und beerdigt, wie sie ja in Beckmanns Sportschule sehen konnten. (lacht) Es waren schon ein paar gute Jungs damals da, wie Basler, Effenberg oder Frings, aber heute gibt es alles nur noch im Weichspülgang, sowohl auf dem Rasen als auch an den Expertenmikros.

SPORT1: Bekommen die Berater zu viel Macht und wird der Fußball immer unehrlicher?

Wiese: Ja und Nein. Fußball ist Business. Es geht für Spieler, Manager, Vereine, Berater, Sponsoren und Medien vor allem um Geld. Alle versuchen, möglichst viel Macht und Einfluss zu bekommen. Das ist doch völlig normal. Das macht doch auch jeder in seinem Job. Deshalb kann ich auch dieses Gejammer um Gehälter oder Traditionen im Fußball nicht verstehen.

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SPORT1: Deshalb sind Sie auch Fan von RB Leipzig?

Wiese: Ich finde RB Leipzig richtig cool. Da schließt sich der Kreis zu dem, was ich am Anfang gesagt habe. Wir leben in einer Neidgesellschaft. Jeder, der über Hoffenheim oder Leipzig schimpft, ist nur neidisch auf diese Klubs. Die Fans des Hamburger SV haben über RB gelästert, dabei pumpt der Kühne auch seine Kohle in ihren Verein. Man wünscht sich doch so einen Investor wie den Mateschitz. Vor ihm ziehe ich den Hut. Er ist ein Vorbild für mich. Er und Dietmar Hopp (Mäzen von 1899 Hoffenheim, d. Red.) lachen über diese Neider. Die zwei sind korrekte Menschen. Mit Hopp hatte ich nie ein Problem, auch wenn es in Hoffenheim schief ging. Die anderen Klubs reden von Tradition - wenn ich so eine Scheiße höre! Auch Manchester United, Real Madrid und der FC Liverpool erzählen dir etwas von Tradition und dennoch stecken dort Investoren ihre Millionen rein. RB macht es einfach clever und gut - und jeder Verein, außer Bayern, würde gerne eine ähnliche Situation haben wie RB.

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