Video

Berlin und München - Der FC Bayern enttäuscht auch gegen Hertha BSC auf ganzer Linie. Nur eine sofortige Lösung wie Tuchel hilft. Zu allem Überfluss verletzt sich Franck Ribery.

Der Frust saß tief beim FC Bayern München. Mit zusammengepressten Lippen liefen die Spieler in die Kabine. Kein Profi wollte nach dem 2:2 bei Hertha BSC sprechen, bei dem sich der FCB erneut führungs-, konzept- und ideenlos präsentierte.

Einzig Thomas Müller stellte sich - allerdings erst, nachdem er nach 30 Minuten von der Medienabteilung aus der Kabine geholt werden musste. Der Weltmeister deutete an, dass der Haussegen in München schief hängt.

Es sei vielleicht geschickt, erst einmal durchzuatmen. "Weil direkt vom Spielfeld mit geladener Stimmung kommen manchmal Dinge raus, die für das Gesamtkonzept und für den Verein nicht unbedingt 100 Prozent förderlich sind", sagte Müller.

Dass sich Franck Ribery womöglich schwer verletzte, machte den verkorksten Abend komplett. Der FC Bayern wird im Herbst 2017 immer mehr zur Großbaustelle.

Video

Schlechtester Saisonstart seit sieben Jahren

Auch nach der Trennung von Carlo Ancelotti bewiesen die taumelnden Münchner eindrucksvoll, dass sie sofortige Hilfe benötigen.

Nach dem schlechtesten Saisonstart seit sieben Jahren können die Bayern-Bosse nicht bis Sommer warten, um eine neue Lösung zu präsentieren. Denn in der derzeitigen Verfassung droht der Rekordmeister seine Ziele aus den Augen zu verlieren.

Im DFB-Pokal wartet die Hürde RB Leipzig, in der Champions League könnte es selbst gegen Celtic Glasgow Probleme geben. Und Borussia Dortmund ist in der Liga bereits fünf Punkte entfernt. Nicht nur Europas Elite ist enteilt.

"Ohne Konzentration sind wir nicht mehr die stärkste Mannschaft Deutschlands", gab Interimstrainer Willy Sagnol zu, der bei Sky auch mit einer Aussage zu Ancelotti überraschte: "Dass Carlo nicht mehr da ist, hat ein Loch gerissen. Er ist eine große Persönlichkeit. Viele Leute sind ein bisschen traurig." Uli Hoeneß hatte zuletzt noch erklärt, der Trainer habe fünf Spieler gegen sich aufgebracht.

Mats Hummels und Müller wehrten sich nun allerdings dagegen, die Spieler hätten das Aus provoziert. "Es ist nicht okay, dass von mir als Königsmörder geschrieben wird", sagte Hummels. Müller erklärte, der Verein habe die Hosen an - nicht die Spieler.

Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte verspielte Bayern in der Bundesliga zwei Mal hintereinander eine 2:0-Führung. Nach dem 2:2 gegen Wolfsburg schenkten sie auch gegen Hertha die Punkte leichtfertig her - unwürdig für den FC Bayern.

"Wir haben das Spiel nicht nach Hause gebracht, das darf einer Mannschaft wie uns nicht passieren", schimpfte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Es passte ins Bild, dass auch Bayerns eindrucksvolle Fan-Serie riss.

Defensive überfordert

Die Defensive präsentierte sich wie schon gegen Paris Saint-Germain alles andere als sattelfest. Der Sololauf von Genki Haraguchi vor dem 1:2 weckte Erinnerungen an Neymar - was, bei allem Respekt, auch an den als Slalomstangen agierenden Bayern-Spielern lag. Beim Ausgleich von Salomon Kalou waren Jerome Boateng und Kollegen ebenfalls nicht auf der Höhe.

"Ich kann mir nicht erklären, warum wir so viele Konzentrationsfehler haben", gab Salihamidzic zu. Müller ergänzte: "Wir machen bei den Gegentoren Fehler. Als gesamte Mannschaft, als Einzelspieler. Das bringt uns nicht weiter."

An Boateng, David Alaba oder auch Arjen Robben lässt sich die Bayern-Krise ebenfalls festmachen. Reihenweise Top-Spieler laufen ihrer Form hinterher. Dietmar Hamann fand bei Sky klare Worte. Boateng sei eines Nationalspielers unwürdig, Alaba sinnbildlich für Bayerns Auftreten. Der kleine Interview-Boykott sei "führungslos und verantwortungslos. So spielen sie auch. Da ist keine Mannschaft auf dem Platz."

Tuchel als (einzige) Lösung?

Auf einen Jürgen Klopp oder Julian Nagelsmann zu warten, kann für die Verantwortlichen kein Thema mehr sein. Sollte Klopp nicht schon in naher Zukunft an der Krise in Liverpool scheitern, rückt umso mehr Thomas Tuchel in den Vordergrund. Salihamidzic sprach von Gesprächen mit mehreren Kandidaten, wollte sich zu Namen aber nicht äußern.

Tuchel würde dafür sorgen, dass die Begriffe ideen- oder einfallslos nicht mehr mit den Bayern in Verbindung gebracht werden. Der 44-Jährige könnte neue Reize setzen, sein taktischer Stil würde den Bayern gut tun - auch wenn es nach seinem unrühmlichen Abschied aus Dortmund dafür andere Zweifel gibt.

Marcell Jansen zählte Tuchel im CHECK24 Doppelpass zur Generation von jungen Trainern, "die so ehrgeizig sind, dass sie manchmal nicht wissen, wie eine Mannschaft funktioniert. Das ist die große Herausforderung für Tuchel, den nächsten Schritt zu gehen."

Doch dieses Risiko müssen die Bayern wohl eingehen - sonst bricht das Gesamtkonzept von alleine ein.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel