Video

Leverkusen und Madrid - Bayer Leverkusen hatte gegen Atletico Madrid die Chance, sportlich ein Ausrufezeichen zu setzen. Doch im entscheidenden Moment fehlte der Mut. Mal wieder.

Stefan Kießling schaute dem Ball kurz ungläubig hinterher. Dann sackte er in sich zusammen.

Das bittere Aus war besiegelt. Mit einem einzigen Schuss. Und plötzlich war da nur noch Leere, Trauer und Entsetzen.

Der Stürmer von Bayer Leverkusen kauerte am Elfmeterpunkt, während um ihn herum alle Dämme brachen. Die Spieler von Atletico Madrid tanzten um Kießling herum, der sichtlich mit den Tränen kämpfte.

Den Trost seiner Mit- und auch Gegenspieler dürfte er dabei kaum registriert haben. Immer wieder schloss er die Augen, schüttelte den Kopf, versteckte sich unter seinem Trikot. Schließlich verschwand er in den Katakomben. Kießling wollte nur noch weg.

Ausgerechnet Kießling, könnte man sagen.

Ungünstiger Zeitpunkt

Der 31-Jährige, vom Elfmeterpunkt aus eigentlich eine Bank, hatte versagt. Den Ball kläglich in den Abendhimmel von Madrid gedroschen. Kießling, in den vergangenen Wochen sowieso zumeist außen vor und auch im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League bei Atletico nur Joker, erlebte zu einem für Bayer denkbar ungünstigen Zeitpunkt einen weiteren Tiefpunkt einer für ihn eh schon schwierigen Saison.

Was bei Kießlings entscheidendem Fehlversuch aber fast schon ein wenig unterging: Vor ihm hatten auch Ömer Toprak und Hakan Calhanoglu vergeben. Einer kläglicher als der andere.

Und auch hier kann man sagen: Ausgerechnet Calhanoglu. Der Meister des ruhenden Balles.

Calhanoglu unerklärlich

Der türkische Nationalspieler hatte seinen Elfmeter vor allem nicht einfach nur verschossen. Er hatte Jan Oblak lange ausgeguckt, den Blick auf den Atletico-Keeper gerichtet. Sein Anlauf: langsam. Sein Schuss: Noch langsamer, dazu mittig, fast schon aufreizend lässig. Unerklärlich.

"Das Elfmeterschießen hat ein bisschen was mit den Nerven zu tun, da muss man vielleicht auch ein wenig was erlebt haben. Ein Elfmeterschießen kann man verlieren. Dass wir überhaupt im Elfmeterschießen waren, ist das Außergewöhnliche", sagte Trainer Roger Schmidt.

Vor den beiden Spielen gegen den Vorjahresfinalisten hätte das wahrscheinlich jeder so unterschrieben. Doch die Art und Weise war das Problem.

Natürlich kann man ein Elfmeterschießen, bei dem Glück und Pech nur um eine Winzigkeit auseinander liegen, mal verlieren.

Aber nicht so.

Und natürlich kann man auch gegen den amtierenden spanischen Meister ausscheiden.

"Man kann nicht anders gegen sie spielen"

Doch nach dem beeindruckenden Auftritt beim 1:0-Sieg im Hinspiel war Bayer im Rückspiel wieder in den alten Trott verfallen. Hatte sich vor 55.000 Zuschauern im Vicente Calderon über weite Strecken den Schneid abkaufen lassen, zu passiv und mutlos im Spiel nach vorne agiert und zu selten versucht, selbst die Entscheidung zu suchen. Auch wenn Atleticos Stil der hohen Bälle, der intensiv geführten Zweikämpfe und der vornehmlich über die Willenskraft geführte Spielweise schwer zu bespielen ist. "Darauf muss man sich einlassen, man kann nicht anders gegen sie spielen", erklärte Schmidt.

"Insgesamt waren sie die aktivere Mannschaft, das haben sie auch im Elfmeterschießen gezeigt. Wir haben uns zu sehr auf die Defensive verlassen", sagte Simon Rolfes. Gonzalo Castro erklärte: "Der Mut hat uns gefehlt, wir haben uns auch ein bisschen einschränken lassen von den Fans, von dem aggressiven Dasein von Atletico. Wir waren zwar darauf vorbereitet, aber manchmal hat man solche Spiele, in denen nichts nach vorne klappt."

Das Ergebnis war ein Spiel auf international eher unterdurchschnittlichem Niveau, bei dem Bayer durchaus mithalten konnte, die große Chance aber einmal mehr liegen ließ. Im entscheidenden Moment fehlte mal wieder der Mut, die nötige Portion Entschlossenheit.

Und das mal wieder zur Unzeit. Denn es war das alte Problem: Wenn Bayer mal ein Ausrufezeichen setzen kann, gerade auch international am Image feilen kann, reicht es dann doch wieder nicht. Egal, wie gut die Ausgangsposition dann auch ist. Denn unschlagbar war Atletico an diesem Abend ganz sicher nicht.

Alles reingehauen

Doch Schmidt wollte davon nichts hören. "Man versucht ja immer, meiner Mannschaft zuzuschreiben, dass sie in schwierigen Situation oder großen Spielen nicht in der Lage ist, den Kampf anzunehmen. Das hat sie widerlegt. Wir haben alles reingehauen, was wir hatten. Deswegen ist es sehr schade, dass sich die junge Mannschaft nicht belohnt hat", sagte der 48-Jährige.

Und er fügte fast schon trotzig hinzu: "Wir werden aus dem Negativerlebnis positive Schlüsse ziehen und Erfahrungen sammeln."

Doch der Abend in Madrid war vor allem eine bittere Erfahrung. Möglicherweise auch eine mit Langzeitwirkung. Denn für Bayer geht es in der Liga in den verbleibenden neun Spielen um die erneute Qualifikation für die Königsklasse. Damit vielleicht dann im kommenden Jahr erstmals seit 14 Jahren der Einzug in das Viertelfinale gelingt.

Schmidt ist gefordert

Da ist Schmidt nun gefordert, vor allem bei seinen Elfmeter-Versagern den Kopf schnellstmöglich freizubekommen. Gerade bei Calhanoglu, der in den vergangenen zwölf Monaten einige Negativ-Erlebnisse (Wechseltheater, Morddrohung) wegstecken musste. War das vornehmlich abseits des Platzes, schrieb er nun auch sportlich eine dicke Negativ-Schlagzeile.

Was das für den sensiblen Spielmacher bedeuten kann, vermochte auch Schmidt noch nicht zu sagen. "Das weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher. Ich denke, man sollte das schnell abhaken", sagte er nur.

Denn am Samstag (ab 18 Uhr, im LIVETICKER und im Sportradio SPORT1.fm) geht es zum direkten Königsklassen-Konkurrenten Schalke 04.

"Wir wollen wieder in die Champions League", meinte Sportdirektor Rudi Völler, der am Sonntag im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1 Rede und Antwort stehen wird: "Am Samstag müssen wir in Schalke punkten."

Wieder so eine große Chance.

Video
teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel