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Marcel Reif, WM-Finalkommentator 1994 für das ZDF, war von 1981 bis 1983 im Londoner Büro des Senders tätig © SPORT1-Montage: Paul Hänel/Getty Images

München - Im SPORT1-Interview rechnet TV-Experte Marcel Reif mit den britischen EM-Versagern ab - und spricht über Überflieger Island und andere Überraschungen.

Marcel Reif ist einer der bekanntesten Sportjournalisten in Deutschland. Und er polarisiert wie kaum ein anderer.

Für seine Moderation des "Torfalls" von Madrid an der Seite von Günther Jauch, als 1998 im Champions League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein  Tor umkippte, bekam der Routinier den Bayerischen Fernsehpreis verliehen.

Vor wenigen Wochen hat der 66 Jahre alte Grimme-Preisträger seine Kommentatoren-Karriere bei Sky beendet - ganz ohne Fußball kann er aber trotzdem nicht:

Im ersten Teil des SPORT1-Interviews (Hier geht es zu Teil 2) spricht Reif über die EM im Allgemeinen, das Ausscheiden Englands, zwei Überraschungsteams - und huldigt Italiens Torwart Gianluigi Buffon.

SPORT1: Herr Reif, was sagen Sie zum EM-Aus der Engländer?

Marcel Reif: Also, ich will nicht immer recht behalten oder rechthaberisch sein. Aber als raus kam, dass England gegen Island ran muss und in England alle gejubelt haben, das sei der schwächste Gegner, da habe ich gesagt: "Achtung, die spielen englischer und britischer als die Engländer selber." Das ist dann wie in einem Pokalspiel, wenn es gegen einen Drittligisten geht. Da muss man sich abrackern, und das geht dann manchmal schief. Die Isländer machen das, was sie können, und das kann ihnen niemand verübeln. Sie haben niemanden betrogen und keinen bestohlen, sondern sich ordnungsgemäß für dieses Turnier qualifiziert - von daher ist alles okay. Dass das Spiel der Isländer den Fußball nicht sehr weiterbringen wird, darüber sind sich alle einig. Aber es ist ein kleiner romantischer Anflug in dem Big Business Fußball.

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SPORT1: Auf Kosten der Englander...

Reif: Die Engländer zahlen den Preis für ihre lange Saison - und dafür, dass sie mittelmäßige Ausländer kaufen, als gäbe es kein Morgen. Und die jungen Spieler kriegen keine Einsätze und haben daher auch keine Erfahrung. Dann kommt so ein Spiel wie gegen Island dabei heraus. Das war ideenlos, mürbe, ganz schlecht. Man kann nicht mal von Pech reden.

SPORT1: Trainer Roy Hodgson ist gleich nach dem Spiel zurückgetreten.

Reif: Alles andere wäre auch nicht gegangen.

SPORT1: Spaniens Vicente Del Bosque denkt nicht gleich an Rücktritt. Er will nach dem EM-Aus erst mal mit dem Präsidenten reden.

Reif: Das ist aber eine andere Geschichte. Italien war auch ein anderer Gegner für die Spanier. Doch wenn die englische Nationalmannschaft gegen Island ausscheidet, dann kann das der Trainer sportlich nicht überleben. Der Öffentlichkeit das zu erklären, ist nicht möglich. Hodgson ist schon zu lange im Geschäft, als dass er sentimental wird. Auch bei Del Bosque wird man sich überlegen, ob seine Reise nicht zu Ende ist. Dennoch gibt es bei Spanien noch andere Gründe, denn viele Spieler haben im Champions-League-Finale gespielt. Barcelona ist auch immer lange dabei, dazu kam noch der Pokal mit Hin- und Rückspiel. Viel zu lange Wettbewerbe also, und da fragt man sich, wo das hinführen soll. Genau dahin hat es jetzt geführt. Das Spiel gegen Italien hatte mit dem Spanien von früher nichts zu tun.

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SPORT1: Passt das Aus der Three Lions zum Brexit?

Reif: Wenn man den Gag haben will, dann bitteschön. Man sagt immer, dass der Fußball die Gesellschaft spiegelt. Aber dass das englische Team eine Volksabstimmung sportlich so sauber abbildet, hätte ich nicht gedacht.

SPORT1: Wie sehen Sie generell das Niveau bei der EM? Lag es in der Vorrunde nur am Modus, dass das Turnier ein wenig dahinplätscherte?

Reif: Na klar. Das ist lächerlich und führt zu schlechtem Fußball. Jede Mannschaft fängt erst in der K.o.-Phase an, Fußball zu spielen. Auch die deutsche Elf. Du konntest in der Gruppenphase doch gar nicht ausscheiden. Es war auch egal, gegen wen du spielen musstest, weil die dicken Brocken sowieso kommen. Der Modus bläht das ganze Turnier auf. Klar: Es gab Mannschaften mit Fans, die wunderbare Lieder singen. Nur sind wir hier nicht beim Eurovision Song Contest: Es zählt das, was auf dem Platz passiert. Und das hatte bei den kleinen Ländern nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Auch die Waliser hatten dank Bale bisher zwar ein paar Glanzmomente, aber das ist kein Fußball.

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SPORT1: Wer ist für Sie denn das Überraschungsteam der EM?

Reif: Natürlich müssen da die Isländer genannt werden. Wenn die da so durchkommen, ist das schon lustig. Bei Ungarn hat mir gefallen, dass sie nach Jahrzehnten wieder dabei sind und Fußball spielen können. Ist doch schön, nach einem gefühlten Jahrhundert der Bedeutungslosigkeit. Nach 1956 sind die Ungarn als Fußballnation ins Bodenlose gestürzt, das ist eine nette Randgeschichte. Und dass die Rentner-Band der Italiener so funktioniert, konnte man auch nicht unbedingt erwarten. Auch eine schöne Story...

SPORT1: Warum gelingt es Irland und Wales, sich so in den Fokus zu spielen?

Reif: Weil bessere Mannschaften es zulassen und nicht ihre Klasse zeigen. Beide spielen einen überschaubaren Fußball und machen aus ihren Mitteln das Beste. Aber man soll mir nicht erzählen, dass das die Zukunft des Fußballs ist. Wenn das so wäre, verabschiede ich mich von dem Sport.

SPORT1: Gibt es für Sie einen Spieler, der dem Turnier ganz besonders seinen Stempel aufgedrückt hat?

Reif: Gareth Bale für Wales. Paul Pogba und Dimitri Payet sind auch klasse Spieler, aber noch längst nicht auf ihrem Zenit. Dazu kommt noch Belgiens Eden Hazard im Spiel gegen Ungarn. Allerdings muss man bei ihm auch den Gegner in Relation setzen. Dennoch: Das war die eindrucksvollste Leistung bisher. Ebenso zu nennen ist Italiens Gianluigi Buffon. Bei ihm liege ich auf den Knien vor Bewunderung.

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