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Manuel Andrack (l.) und Harald Schmidt waren 13 Jahre ein Gespann in der "Harald Schmidt Show"

München - Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Polen spricht Autor und Moderator Manuel Andrack bei SPORT1 über die EM, das DFB-Team, das Hooligan-Problem - und Lukas Podolski.

13 Jahre lang war Manuel Andrack der Redaktionsleiter der "Harald Schmidt Show".

2001 bekam der 50-Jährige zusammen mit Schmidt den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme Online Award verliehen.

Heute schreibt Andrack Kolumnen, Reportagen sowie Bücher über das Wandern.

Vor dem zweiten Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen (ab 20 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und LIVETICKER) spricht der bekennende Fan des 1. FC Köln im SPORT1-Interview über die EM, das DFB-Team, das Hooligan-Problem - und Lukas Podolski.

SPORT1: Herr Andrack, die EM läuft jetzt fast eine Woche. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Manuel Andrack: Es wurde im Vorfeld viel geredet über das neue Qualifikations-Modell. Die Vorrunde nimmt man so mit. Ich fand das Turnier bisher nicht so spannend. Mein Ergebnis in meiner Tipp-Gruppe war am Anfang ganz schlecht. Ich war nach dem deutschen Spiel Letzter. Mittlerweile habe ich mich darauf eingestellt, dass es nur drei Resultate gibt: 1:0, 1:1 und 2:0. Alles andere ist verboten. (lacht) Belgien gegen Italien war neben dem deutschen Duell gegen die Ukraine das einzig vernünftige Vorrundenspiel. Aber richtig los geht es sowieso erst mit dem Achtelfinale.

SPORT1: Schlimm waren die Ausschreitungen durch Hooligans.

Andrack: Es hört sich blöd an, aber die EM findet im Herzen Europas statt, so dass die ganzen Deppen ohne großen Aufwand anreisen können. Eigentlich gehört sowas auf die Seite Verbrechen/Kriminelles. Ich weiß nicht, warum das in der Sport-Berichterstattung auftaucht. Es sind Kriminaltaten und als solche sollte man sie behandeln und bestrafen. Das hat doch mit Fußball nichts zu tun. 

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SPORT1: Sehen Sie nach dem 2:0 im ersten Spiel der Deutschen gegen die Ukraine noch viel Luft nach oben?

Andrack: Absolut. Ich bin bei Schweinsteigers Tor nicht auf Knien rutschend durch mein Wohnzimmer gesaust. Aber zum Glück ist es keine Weltmeisterschaft. Denn wenn es das erste Spiel bei einer WM gewesen wäre, hätte ich gesagt‚ niemals holen wir so den Titel. Das erste WM-Spiel muss grandios gewonnen werden, dann klappt es auch mit dem Titel, so war es 2014 im ersten Spiel in Brasilien gegen Portugal (4:0, d. Red.) und 1990 im Auftaktspiel gegen Jugoslawien (4:1, d. Red.) in Italien. Die EM tickt jedoch anders. Ein rumpeliges 2:0 zu Beginn reicht zum Titel. Das war auch 1996 so.  

SPORT1: Jetzt geht es gegen die Polen. Das wird kein Selbstläufer, oder?

Andrack: Doch. Bei der Ukraine und Nordirland erwartet jeder, dass die weggeputzt werden. Poldi hatte Recht, als er in der Pressekonferenz sagte, dass da in Polen in den vergangenen Jahren viel passiert ist. Das ist wirklich eine gute Truppe, jedoch keine Zaubertruppe. Aber sie sind konterstark und schnell, und mit Robert Lewandowski immer gefährlich. Aber wenn sich Jerome Boateng ihm annimmt, mache ich mir gar keine Sorgen. Gegen Nordirland wird wieder gerumpelt, aber Polen wird aus meiner Sicht das leichteste Spiel der Vorrunde.

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SPORT1: Sie haben Podolski angesprochen, der aus Polen stammt.

Andrack: Moment. Poldi ist kein Pole, er ist der kölsche Jung (lacht). Mal spielt er bei Bayern, dann bei Arsenal, mal in der Türkei, doch er ist und bleibt der kölsche Jung. Natürlich spricht er zu Hause polnisch und diese familiäre Kiste ist wohl bekannt. Aber das war bei den Kuzorras und Tureks dieser Welt nicht anders. Aber es ist gelebte Integration, irgendwann nicht mehr darauf herumzureiten.

SPORT1: War Podolski immer Ihr Lieblingsspieler?

Andrack: Am Anfang ja. Ich habe das FC-Buch 2004/2005 geschrieben, als Poldi drei Mal Torschütze des Monats war. Als er von den Bayern wieder kam, war er ein kleiner Fremdkörper in der Mannschaft. Da hat er auch sehr oft den Poldi raushängen lassen, den wir nicht sehen wollen, weil er Probleme in der Rückwärtsbewegung hat und weil er im Eins gegen Eins nicht der Allerbeste ist. Khedira, Özil oder Kroos können ein, zwei Mann auf dem Bierdeckel ausspielen. Müller kann drei ausspielen. Das kann Poldi nicht. Wenn du beim FC in so einer Situation schon mal den Ball falsch serviert bekommst und dann verzweifelt die Arme hoch reckst, ist das etwas anderes. Aber in der Nationalmannschaft traut er sich das nicht. Für mich war Poldi auch der Hauptgrund für den letzten FC-Abstieg. Es war damals keine gute Idee, ihn zurückzuholen. 

SPORT1: Wie wichtig ist Podolski noch für das DFB-Team?

Andrack: Poldi ist nur noch der Gute-Laune-Onkel. Ich hätte Bauchschmerzen, wenn er in der 70. Minute kommt und achteinhalb Chancen braucht, um den Ball auf das Tor zu kriegen. Und gerade auf der linken Seite brauchen wir einen Spieler, der kräftig nach hinten arbeitet. Das hat Draxler gegen die Ukraine auch nicht gemacht. Und auch Poldi ist kein Weltmeister darin, den Linksverteidiger zu unterstützen. Ich sehe ihn lieber, wenn er in der 92. Minute Schweini umarmt oder auf der Pressekonferenz einen raushaut.

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SPORT1: Einen rausgehauen hat Podolski zuletzt auf der Pressekonferenz, als er angesprochen auf Joachim Löw und seinen Griff in die Hose meinte‚ 80 Prozent der Männer täten ähnliches. Wie haben Sie reagiert?

Andrack: Ich finde es gut, dass Poldi so was sagt. Poldi ist Poldi und er hat kölsche Schlagfertigkeit. Alleine wegen dieser Aussage hat es sich schon gelohnt, ihn mit zur EM zu nehmen. Poldi war immer einer der Besten, was so einen frischen Satz angeht. Er wurde immer als Dumpfbacke dargestellt, aber das war er nie. Mit 19 Jahren war er vielleicht etwas unbedarft, aber wer ist das nicht? Poldi ist nicht nur für einen guten, sondern auch für einen richtigen Spruch gut, der ehrlich ist und von Herzen kommt. Nach dem WM-Finale in die Kameras zu brüllen, dass die FC-Fans bitte ganz Köln abreißen sollen, war einfach super.

SPORT1: Was sagen Sie zur Nibelungen-Treue von Joachim Löw zu Podolski?

Andrack: Ich finde das richtig. Ich wüsste nicht, welchen anderen 35-Jährigen man mitnehmen sollte. André Schürrle ist nach einer mäßigen Saison die Geheimwaffe. In der Bundesliga drängt sich keiner auf. Da nehme ich doch lieber einen Spieler mit, der ins Team-Building passt. Es kommt nämlich nicht darauf an, wer die meisten Tore geschossen hat oder wer die beste Note hat. Es kommt ganz stark darauf an, wie das Team funktioniert. Das hat man bei Belgien gegen Italien gesehen. Das eine war ein Team, das andere eher nicht. Und Löw achtet auf den Team-Spirit. Und da ist Poldi Gold wert.  

SPORT1: Letzte Frage: Wer wird Europameister?

Andrack: Eigentlich hatte ich Frankreich gesagt, aber davon bin ich abgekommen. Das Herz sagt natürlich Deutschland, aber der Verstand sagt leider Italien. Die sind einfach abgezockter und sind immer für ein, zwei Tore gut. Und in der Abwehr sind sie bärenstark. Nicht umsonst hat Gianluigi Buffon seit gefühlten 800 Jahren bei Juventus kein Tor mehr bekommen. Die Italiener können einfach kicken. Ich befürchte, es wird Italien. 

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