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Paris - Frankreich geht euphorisch ins EM-Halbfinale gegen Deutschland. Die Franzosen haben große Qualität - aber auch Probleme. SPORT1 nennt Stärken und Schwächen.

Mit einer überzeugenden Leistung und teilweise rauschhaftem Offensiv-Fußball hat Gastgeber Frankreich Sensationsteam Island ausgebremst.

Im EM-Halbfinale kommt es jetzt zum Klassiker gegen Deutschland (Do., ab 20 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER). "Jetzt fängt der Sommer an", jubelte L'Equipe, warnte aber auch: "Nachdem der Vulkan problemlos gelöscht wurde, wartet jetzt der Mount Everest."

Beim 5:2 gegen Island zeigte sich die Equipe Tricolore zum ersten Mal vom Anpfiff weg in bester Verfassung. Angst muss das deutsche Team aber trotzdem keine haben.

SPORT1 hat vier der bisherigen fünf Spiele der Franzosen vor Ort gesehen und nennt die Stärken und Schwächen des deutschen Halbfinal-Gegners.

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Stärken:

- Momentum und Heimvorteil:

Nach schleppendem Start in das Turnier haben sich die Franzosen freigeschwommen. Nach der Gruppenphase wurde das Team von Didier Deschamps noch sehr kritisch gesehen, auch der Start im Achtelfinale gegen Irland war eine Katastrophe.

Seit dem Doppelpack von Antoine Griezmann gegen die Iren zeigt die Stimmungskurve aber klar nach oben. Die französische Offensive kommt in Fahrt und nach der Gala gegen Island liegt das Momentum sicher auf der Seite der Franzosen. "Wir wollen gewinnen, weil wir der Gastgeber sind. Wir haben hier noch nichts erreicht", sagte Paul Pogba.

Der größte Trumpf soll die Unterstützung der eigenen Fans im wunderschönen Stade Velodrome in Marseille werden. "Ins Finale zu kommen, wäre für unser Land wichtig. Unsere Fans unterstützen uns von Anfang an. Wir wollen, dass sie glücklich sind und dass sie stolz sind, Franzosen zu sein", erklärte Kapitän Hugo Lloris.

- Individuelle Qualität in der Offensive:

Mit dem, was Frankreich in der Offensive anzubieten hat, muss es sich hinter der deutschen Mannschaft nicht verstecken. Dimitri Payet, Antoine Griezmann und Olivier Giroud haben zusammen zehn der elf französischen Tore erzielt. Den anderen Treffer markierte Pogba, der langsam in Fahrt kommt.

Frankreich stellt damit den gefährlichsten Angriff der EM und hat zudem mit Kingsley Coman und Anthony Martial auch noch gefährliche Joker auf der Bank.

"Für die Mannschaft ist es wichtig, dass die Stürmer treffen. Das haben sie heute alle getan", sagte Deschamps nach dem Island-Spiel.

- Kopfballstärke

Frankreich ist gefährlich bei Standards und bei Flanken. Fünf der elf Tore waren Kopfballtreffer, ein Wert, den noch nie ein Team bei einer EM erreicht hat. Gerade bei den Hereingaben von Payet muss die umgebaute deutsche Verteidigung sehr aufmerksam sein.

- Variabilität:

Ähnlich wie in Deutschland wird auch in Frankreich enorm viel über die passende Taktik für das Nationalteam debattiert. Gegen Island stellte Deschamps jetzt erstmals auf ein 4-2-3-1 um. Ursprünglich spielt er meistens im 4-3-3, gegen die Schweiz mit einem 4-4-2.

Gegen Island sei er der Meinung gewesen, dass diese Aufstellung am besten zum Gegner passe, sagte Deschamps. Wenn das Mehmet Scholl hört! Lars Lagerbäck, Trainer der Isländer, sieht in der Anpassungsfähigkeit eine große Stärke der Franzosen. "Es ist schwierig, gegen sie zu spielen, weil sie offensiv so viele Varianten haben", sagte er.

Schwächen:

- Hereingaben von außen:

Die Innenverteidigung der Franzosen ist ein Provisorium. Adil Rami ist nur der Ersatz vom Ersatz, obwohl er seine Sache meistens gut machte. Gegen Island musste Samuel Umtiti wegen Ramis Gelbsperre debütieren.

Bei Standardsituationen ist die Defensive um Laurent Koscielny anfällig. Gegen Rumänien verhinderte nur eine Zaubertat von Lloris das frühe 0:1. Gegen Island fiel aus einer Ecke das zweite isländische Tor. Auch mit Hereingaben von außen aus dem Spiel heraus haben die Franzosen so ihre Not. So wie beim zweiten Tor der Isländer und wie im Spiel gegen Irland.

Im Viertelfinale fielen die Franzosen zudem gleich zwei Mal auf den Einwurftrick der Isländer rein, den inzwischen eigentlich jeder C-Jugend-Kicker kennen dürfte.

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- Ballverluste:

Selbst bei ihrer 4:0-Gala in der ersten Halbzeit gegen Island zeigten die Franzosen ihre womöglich größte Schwäche. Im Spiel nach vorne verlieren sie auffällig oft den Ball, was den Gegner zu schnellen Gegenangriffen einlädt. Das hängt auch mit manchmal mangelnder taktischer Disziplin zusammen. Gerade bei Pogba, der dazu neigt, quer über den Platz zu galoppieren, um die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen.

So brachten sich die Franzosen schon in der Gruppenphase immer wieder in Not. Island konnte aus den angebotenen Räumen nicht viel machen. Die deutsche Offensive ist für ihre Stärke im Konter aber bekannt.

- Defensive unter Druck anfällig:

Die Aufteilung ist bei den Franzosen klar geregelt: Die Offensive muss die Spiele gewinnen, damit die defensiven Probleme nicht ins Gewicht fallen. Die Abwehr ist wacklig, sobald man sie unter Druck setzt. "Wir müssen unsere Fehler in der Defensive abstellen, denn gegen Deutschland würden wir dafür einen großen Preis zahlen", warnte auch Giroud.

Vieles spricht dafür, dass das DFB-Team gegen die Franzosen wieder auf das 4-2-3-1-System umstellt, um die Gastgeber am eigenen Strafraum unter Druck zu setzen. Da sind sie anfällig.

- Keine echte Prüfung:

Einen weiteren Vorteil hat Deutschland gegenüber Frankreich: Das Viertelfinal-Drama gegen Italien war eine echte Prüfung, ein Spiel auf allerhöchstem Niveau - körperlich und mental.

Die Franzosen hatten solch eine Prüfung noch nicht. Ihre bisherigen Gegner: Rumänien, Albanien, die Schweiz, Irland und Island. Gegen den stärksten Gegner, die Schweiz, stand der Achtelfinaleinzug bereits fest.

"Deutschland wird ein größeres Spiel. Gegen den Weltmeister, das wird ein großer Kampf", weiß auch Torhüter Lloris.

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