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SPORT1-Redakteur Matthias Becker zollt dem neuen Europameister Portugal Respekt
SPORT1-Redakteur Matthias Becker zollt dem neuen Europameister Portugal Respekt © SPORT1 Grafik: Getty Images

Der Triumph im EM-Finale ist Sinnbild für Portugals Geheimnis. Frankreich sollte trotz der Niederlage anstoßen. Deutschland weiß nun, woran es fehlt.

Was für eine Geschichte, was für ein Drama: Portugal ist Europameister – und das obwohl Superstar Cristiano Ronaldo schon nach 25 Minuten im Finale gegen Frankreich verletzt ausgewechselt werden musste.

Dieser Triumph ist ein Sinnbild für das Geheimnis der Portugiesen, die ihrem Land erstmals einen großen Titel beschert haben. Diese Truppe von Trainer Fernando Santos besteht eben nicht nur aus Ronaldo und seinen zehn Hilfskellnern.

Mit Portugal hat sicher nicht die aufregendste Mannschaft den Titel gewonnen. Unverdient ist der Erfolg trotzdem nicht. Santos hat es geschafft, ein Team zu formen, das als Gruppe hervorragend funktioniert.

Der Zusammenhalt der Portugiesen war vorbildlich. In vier K.o.-Spielen gingen sie drei Mal über 120 Minuten, einmal davon sogar übers Elfmeterschießen. Selbst Ronaldo verrichtet seine Rolle als Teil des Teams und moserte nur begrenzt über die Drecksarbeit, die er defensiv zu verrichten hatte. Bezeichnend, wie er schwer bandagiert die letzten Minuten der Verlängerung als zweiter Coach neben Santos auf und ab sprang.

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Für Gastgeber Frankreich ist diese unerwartete Final-Niederlage natürlich ein dicker Wermutstropfen im Champagnerglas. Trotzdem sollten sie nach der ersten Enttäuschung auch das Anstoßen nicht vergessen.

Knapp sieben Monate nach den schlimmen Terroranschlägen vom 13. November hat die französischen Nationalmannschaft es mit ihren Auftritten bei der Heim-EM geschafft, der geschundenen Seele der Grande Nation zumindest ein bisschen Linderung zu verschaffen.

Nur sechs Jahre nach den peinlichen Begleitumständen des Ausscheidens bei der WM 2010, nach zahlreichen (Sex-)Affären, Rassismus-Debatten und anderen Schwierigkeiten haben sie sich in der Weltspitze zurückgemeldet. Trainer Didier Deschamps hat es geschafft, aus starken Individualisten eine Einheit zu Formen, die auch bei der WM 2018 in Russland zum Favoritenkreis gehören wird.

Denn die Stützen des französischen Teams können noch viele Jahre auf höchstem Niveau zusammenspielen. Wenn es in zwei Jahren dann wieder um einen großen Titel geht, wird auch Deutschland wieder um den Pokal mitspielen. Die deutsche Mannschaft hat bei dieser EM nicht enttäuscht, sie hat aber auch deutlich vor Augen geführt bekommen, welche Baustellen sie bearbeiten muss. Allen voran die Schwächen in der Chancenverwertung sind abzustellen.

Insgesamt bleibt von dieser EM in Frankreich ein gemischter Eindruck. Die Franzosen haben es trotz der allgegenwärtigen Terrorangst geschafft, ein in den Stadien weitgehend fröhliches Fußballfest zu organisieren. Von unbeschwerten Sommermonaten, wie sie Deutschland 2006 erleben durfte, war die EURO aber weit entfernt. Das ist in der heutigen Zeit wahrscheinlich auch gar nicht mehr möglich. Wenn dann auch noch organisierte Schlägerbanden und Nationalisten den Fußball als Bühne zur Selbstdarstellung nutzen, bleibt ein sehr fader Beigeschmack.

Sportlich wird die EM schnell in Vergessenheit geraten, nicht nur wegen des spannenden, aber sehr mäßigen Finals. Die Aufstockung des Teilnehmerfelds auf 24 Mannschaften hat den Wettbewerb länger gemacht, nicht anspruchsvoller.

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