vergrößernverkleinern
Silvio Heinevetter beim WM-Viertelfinale gegen Katar
Silvio Heinevetter beim WM-Viertelfinale gegen Katar © Getty Images

Doha und München - Wieder einmal versagen beim DHB-Team in einem entscheidenden Spiel die Nerven. Auch der Bundestrainer macht Fehler. SPORT1 nennt die Gründe fürs Viertelfinal-Aus.

Der Frust sitzt tief bei den deutschen Handball-Fans. Er entlädt sich im Netz. Von Beschiss ist da zu lesen, und von einem gekauften Sieg. Schließlich ist der deutsche Viertelfinalbezwinger Katar ja Gastgeber. Und schließlich hat das Emirat Geld, viel Geld. Auch aus dem DHB-Team gab es nach der Pleite gegen die Katarer eindeutig zweideutige Stimmen. "Heute können wir das Spiel nicht gewinnen. Wir sind immer noch Gäste hier im Land. Da muss ich aufpassen, was ich sage. Aber jeder, der das Spiel gesehen hat und was von Handball versteht, weiß, was ich meine", sagte Torwart Silvio Heinevetter.

Schwere Vorwürfe

DHB-Präsident Bernhard Bauer meinte indes, dass er normalerweise nie ein Wort über die Schiedsrichter verliere. "Aber jeder, der etwas vom Handball versteht, hat gesehen, was hier heute abgelaufen ist." Und Michael "Mimi" Kraus twitterte, dass sich Niederlagen immer komisch anfühlen, aber diese "besonders komisch".

Was sie wohl alle zum Ausdruck bringen wollten: Hier ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Doch ihr Erklärungsansatz hinkt. Andere Spieler suchten lieber die Schuld bei sich selbst. "Du musst dich 60 Minuten auf das konzentrieren, was du selber beeinflussen kannst. Leider hat das aber nicht gereicht", meinte Rückraumschütze Steffen Weinhold - und liegt damit nicht falsch. SPORT1 erklärt, warum im Viertelfinale der WM-Traum endete und die deutsche Mannschaft noch nicht bereit für den ganz großen Wurf ist.

Die Katarer waren diesmal einfach besser. Vor allem in den entscheidenden Momenten und aus der Distanz. Zwölf Würfe aus neun Metern führten zu Toren. Auch, weil es die Katarer permanent versuchten. 28-mal hielten sie aus der Distanz drauf. Das ist keine besonders gute Quote. Deutschland aber erzielte nur ein Tor bei nur neun Versuchen aus neun Metern. Katars Keeper Danijel Saric hatte zwar eine schlechtere Quote als Gegenüber Silvio Heinevetter. Der gebürtige Bosnier wehrte 32 Prozent der Würfe ab, der Berliner Heinevetter 40 Prozent. Doch Saric entnervte Patrick Groetzki in den Schlussminuten bei dessen Tempogegenstößen. Zudem kamen im Angriff der Katarer gleich drei Spieler auf eine Quote von 100 Prozent.

• Eine solche Treffsicherheit suchte man im DHB-Team vergeblich. Deutschland hat zu viele einfache Fehler gemacht. "Wir haben viel zu viele technische Fehler im Angriff gemacht und zu viele freie Chancen liegen gelassen", meinte Kapitän Uwe Gensheimer. Und Weinhold erklärte: "In den Abschlüssen haben wir zu viel liegen gelassen." Die Zahlen bestätigen ihren Eindruck. Die Rückraumachse Weinhold, Martin Strobel und Paul Drux kam gemeinsam nur auf neun Tore. Gensheimer, sonst ein sicherer Schütze, verwandelte nur einen von drei Siebenmetern. Und beim Tempogegenstoß stand letztlich nur eine Quote von 66 Prozent. Insgesamt zu wenig für ein WM-Viertelfinale. Selbstkritisch muss aber auch Dagur Sigurdsson sein.

• Denn der Bundestrainer hat falsche Entscheidungen getroffen. Nicht viele. Aber wesentliche. "Ich hätte vielleicht früher zur 6:0-Abwehr zurückkehren müssen. Ich weiß jetzt hinterher, dass das besser gewesen wäre", sagte der Isländer nach der Pleite bei SPORT1. Die Abwehr stand lange zu offensiv, um den Rückraum zu beackern. Doch am Kreis hatte das Team überhaupt keinen Zugriff auf Kreisläufer Vidal, der früh aus vier Versuchen vier Tore machte. Sigurdsson war auch nicht mutig genug. Eigentlich ist die große Stärke des 41-Jährigen, kreativ ins Spiel einzugreifen. Zum Beispiel durch einen siebten Feldspieler. Eine Rolle wie prädestiniert für den zweiten Kreisläufer Hendrik Pekeler oder Shooter Michael Kraus. Doch gegen Katar bleibt selbst kurz vor Schluss das gelbe Leibchen bei nur zwei Toren Rückstand auf der deutschen Bank liegen.

• Die wichtigste Erkenntnis ist aber: Wieder einmal haben in einem entscheidenden Spiel die Nerven versagt. Deutschland verpasste Olympia 2012 in London sowie die Europameisterschaft 2013, weil es sich in den Qualifikationsspielen Aussetzer leistete. Im vergangenen Juni verlor das DHB-Team beide WM-Playoff-Spiele gegen Polen, scheiterte, obwohl es in der zweiten Partie bereits in Führung lag. Auch diesmal war eine Nervosität unverkennbar, fehlte die nötige Körpersprache. Dass Leader Gensheimer zwei seiner drei Siebenmeter vergibt und ratlos in Richtung Bank blickt, sagt alles.

Es ist eine Parallele zu den deutschen Fußballern. Dem DFB-Team wurde auch lange nachgesagt, dass ihm in den Entscheidungsspielen der nötige Mumm fehle. Das DHB-Team ließ nun ausgerechnet in der K.o.-Phase die nötige Nervenstärke vermissen.

Video
teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel