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Andreas Thiel und Andreas Wolff
Ex-Nationalspieler Andreas Thiel hält viel vom aktuellen DHB-Keeper Andreas Wolff © SPORT1 Grafik: Gabriel Fehlandt/Imago

München - Nach den starken Leistungen von Andreas Wolff bei der EM spricht "Hexer" Andreas Thiel bei SPORT1 über die Besonderheiten des Torwartspiels. Das Mentale sei entscheidend.

Es heißt, Handball-Torhüter müssen verrückt sein.

Ihnen fliegen Geschosse mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Stundenkilometern um die Ohren.

Doch Schlussmänner wie Deutschlands Andreas Wolff, der bei der Europameisterschaft in Polen gegen Schweden überragte und seine Leistung gegen Slowenien bestätigte, haben Spaß dabei, bekommen immer wieder ihre Hände an den Ball und bringen die Gegner zur Verzweiflung.

Der Begriff des "Hexers", den der frühere Weltklasse-Torwart Andreas Thiel prägte, kommt nicht von ungefähr. Doch was macht diese Schreckgespenste aus?

Auch Glück gehört dazu

"Um entsprechende Schlagzeilen zu produzieren, muss man gut sein", sagt Thiel bei SPORT1 über Shooting Star Wolff: "Dafür braucht man eine explosive Muskulatur, Nervenstärke und Mut."

Was für den Laien teilweise schier unfassbar scheint, ist für den "Hexer" persönlich keine Zauberei. Vielmehr brauche man neben "einer erlernten Technik auch Glück".

Das Torwartspiel habe wenig mit reiner Reaktion zu tun.

"Wenn sich 100 Menschen in einen Saal setzen und so schnell wie möglich ein Licht drücken sollen, das vor ihnen aufleuchtet, werden Sie keine signifikanten Unterschiede zwischen diesen 100 Leuten feststellen", sagt Thiel.

Mentale Komponente entscheidend

Was macht dann aus einem gewöhnlichen Keeper einen "Hexer"?

"Das, was sportlich entscheidend und auch trainierbar ist, ist eine Automatisation von Bewegungen", so Thiel: "Das heißt, man hat gewisse Bewegungen in gewissen Situationen erlernt und verinnerlicht und diese unter Druck relativ schnell abrufen kann."

Die Qualität eines Torhüters sei zwar keine Typfrage, das Mentale spiele allerdings eine relativ große Rolle.

"Man sollte über ein hinreichendes Selbstbewusstsein verfügen, das aber nicht in Selbstüberschätzung ausarten darf", erklärt der 55-Jährige.

Durchs Zocken in die Köpfe der Gegner

Und ergänzt: "Man muss schon wissen, was man kann und sollte dieses Wissen sowohl seinen Mitspielern als auch dem Gegner insbesondere durch souveränes Auftreten und beeindruckende Körpersprache vermitteln können." 

Wolffs Spiel sei von der deutsch-skandinavischen Torwartschule geprägt, die beispielsweise auch die HBL-Weltklassekeeper Mattias Andersson, Niklas Landin und Mikael Appelgren geformt hat.

"Dazu gehört der Hürdensitz als etwas höhere, sichtbare Aggressivität und dass man nicht nur steht oder nur mit winkelverkürzenden Aktionen arbeitet", meint Thiel: "Man zockt auch mal und macht eine Ecke komplett zu, mit dem Risiko, dass die andere auf ist."

Diese Schule vermittle Kampfgeist und eigne sich dafür, Gegner zu beeindrucken. Dadurch kann man, wie Wolff gegen Schweden, in die Köpfe der Gegenspieler kommen.

Ungarn das nächste Opfer?

Das stelle sich beim Gegner dadurch da, "dass sie falsche Entscheidungen treffen, dass sie beim Gegenstoß zum Beispiel ganz lange warten, dass sie irgendetwas besonderes machen, dass sie auch gelegentlich kneifen, obwohl die Wurfchance eigentlich ordentlich ist", sagt Thiel.

"All das sind Dinge, die ein erfolgreich haltender Torwart bei den Gegenspielern auslösen kann", fügt er an.

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