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Zürich - Im Korruptionsskandal bläst nun auch die UEFA zur Attacke auf den Weltverband - und plant, die Wiederwahl von Präsident Blatter notfalls zu boykottieren.

Die FIFA versinkt komplett im Chaos und steht endgültig vor der Zerreißprobe: (DER LIVE-TICKER ZUM NACHLESEN)

Nach den sieben Festnahmen von hochrangigen Funktionären des Weltverbands durch die Kantonspolizei Zürich und den erneuten Korruptionsermittlungen will die Europäische Fußball-Union (UEFA) um Präsident Michel Platini die wahrscheinliche Wiederwahl von Präsident Joseph S. Blatter am Freitag mit aller Macht verhindern - notfalls mit einem Boykott.

"Die Vorgänge sind ein Desaster für die FIFA und trüben das Image des gesamten Fußballs", teilte die UEFA nach einem außerordentlichen Treffen der eigenen Exekutive mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach mit.

Und fügte an: "Der kommende Kongress droht zu einer Farce zu werden - die europäischen Verbände müssen sich genau überlegen, ob sie überhaupt teilnehmen." Das "System FIFA" würde, "wenn es nicht gestoppt wird, den Fußball töten".

Blatter meldet sich zu Wort

Neben den Festnahmen, die zu vorläufigen Sperren von zwei FIFA-Vizepräsidenten (!) führten, erschütterten weitere, davon unabhängige Ermittlungen zu den Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 (Russland) und 2022 (Katar) den Weltverband.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft forderte im FIFA-Hauptquartier wegen des Verdachts auf Geldwäscherei und Schmiergeldzahlungen die Aushändigung mehrerer Dokumente.

Den Kongress will die FIFA dennoch ausrichten. (BERICHT: Die Reaktionen im Überblick).

"Wir verstehen den Ärger, den einige Personen heute geäußert haben und können nachvollziehen, dass die Ereignisse des Tages einen Einfluss darauf haben werden, wie uns die Menschen sehen", sagte Blatter, der in seine fünfte Amtszeit gewählt werden könnte, ohne genau auf die Vorwürfe einzugehen.

Die FIFA begrüße die Ermittlungen - "wie unglücklich diese Ereignisse auch sind".

Auch WM-Vergabe am Südafrika betroffen

Unter den Festgenommenen, denen Geldwäsche, die Annahmen von Bestechungsgeldern sowie Korruption bei WM-Vergaben und TV-Rechten vorgeworfen wird, sind die Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay).

Zudem wurden Eduardo Li, Julio Rocha, Costas Takkas, Rafael Esquivel und Jose Maria Marin abgeführt. Die Ethikkommission reagierte und sperrte alle vorläufig von jeglichen Aktivitäten im Fußball.

"Sie haben dem Fußball großen Schaden zugefügt, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und sich selbst zu bereichern", sagte Loretta Lynch, auf deren Amtshilfegesuch die Schweizer Polizei gehandelt hatte.

Die US-Justizministerin deutete zudem Schmiergeldzahlungen bei der WM-Vergabe an Südafrika (2010) an: "Wir werden diesen Praktiken und der Korruption ein Ende setzen und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen."

Bestechungssumme von 150 Millionen Dollar?

Insgesamt sind 14 Personen in dem US-Verfahren angeklagt, darunter der für Korruption bekannte Jack Warner aus Trinidad und Tobago ("Ich bin unschuldig."), der wie auch Chuck Blazer und Daryll Warner ebenfalls gesperrt wurde.

Das US-Justizministerium hat derweil einen Haftbefehl gegen Jack Warner an die Behörden des Karibikstaates gesendet. Das berichtet die Zeitung Trinidad Express mit Verweis auf die lokale Staatsanwaltschaft.

Demnach haben die US-Behörden die Auslieferung des 72-Jährigen beantragt.

Es geht um Summen weit jenseits der 100-Millionen-Dollar-Marke aus den vergangenen 20 Jahren.

Sechs der sieben Verhafteten lehnten direkt am Mittwochabend die sofortige Auslieferung an die USA ab. Es ist ein Spiel auf Zeit.

"Es ist schockierend und schädlich für den gesamten Fußball, was sich in Zürich abspielt", sagte Niersbach: "Es wäre erschütternd, wenn sich die im Raum stehenden, schweren Vorwürfe gegen Mitglieder der FIFA als richtig herausstellen."

Ligapräsident Reinhard Rauball forderte sogar den Blatter-Rücktritt. "Sepp Blatter - obgleich offensichtlich persönlich nicht betroffen - sollte dem Fußball einen großen Dienst erweisen. So kann es nicht weitergehen", sagte er.

Freunde werden sie wohl nicht mehr: FIFA-Präsident Sepp Blatter (r.) und UEFA-Boss Michel Platini
Freunde werden sie wohl nicht mehr: FIFA-Präsident Sepp Blatter (r.) und UEFA-Boss Michel Platini © Getty Images

Blatter soll nicht im Fokus stehen

FIFA-Mediendirektor Walter De Gregorio stellte klar: "Der Präsident und der Generalsekretär Jerome Valcke gehören nicht zu den Beschuldigten und sind nicht involviert."

Dennoch blieb vieles unklar. Die von den Festnahmen unabhängige Untersuchung der Schweizer Bundesanwaltschaft hatte die FIFA mit einer Strafanzeige am 18. November 2014 selbst in Gang gesetzt.

Das Strafverfahren gegen Unbekannt läuft bereits seit dem 10. März 2015 wegen des Verdachts auf "Unregelmäßigkeiten bei den WM-Vergaben für 2018 sowie 2022".

Entsprechende "unrechtmäßige Bereicherungen, so der Verdacht, sollen zumindest teilweise in der Schweiz stattgefunden haben", teilten die Behörden mit.

FIFA ist die Geschädigte

Die FIFA ist die Geschädigte und kooperiert offensichtlich. Auch der "Garcia-Report" liegt bei den Ermittlern. Die Bundesanwaltschaft wollte zudem die anwesenden Mitglieder des Exekutivkomitees befragen, die 2010 an der Vergabe beteiligt waren. Insgesamt sitzen noch zwölf damalige Entscheider im Exko.

Die sieben festgenommenen Funktionäre wurden hingegen "in Auslieferungshaft genommen", teilte das Bundesamt für Justiz mit: "Die mutmaßlichen Bestecher (...) sollen in Zahlungen an hochrangige Fußballfunktionäre in Höhe von über 100 Millionen Dollar verwickelt gewesen sein."

Als Gegenleistung sollen diese bei der Austragung von Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika die Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte erhalten haben.

Nun geht es darum, ob die Verhafteten tatsächlich schnell ausgeliefert werden, zwischen beiden Staaten besteht ein entsprechendes Abkommen.

Auch Russland mischt sich ein

Die Polizeiaktion war Hollywood-reif: Die in Zivil gekleideten Beamten waren offenbar unangemeldet im Fünf-Sterne-Hotel "Baur au Lac" erschienen und ließen sich an der Hotel-Rezeption die Schlüssel für die Zimmer aushändigen.

Die Verdächtigen wurden dann direkt aus ihren Zimmern geholt.

Am Abend folgte die weltpolitische Reaktion Richtung USA. Washington solle den "illegalen, exterritorialen Gebrauch der US-Rechtsprechung" unterlassen, teilte das russische Außenministerium mit.

FIFA will an Wahl festhalten

Für Blatter, auch wenn er nicht zu den Beschuldigten gehört, ist die Polizeiaktion dennoch ein schwerer Schlag.

Am Freitag will sich der 79-Jährige in seine fünfte Amtszeit bestätigen lassen.

Einziger Gegenkandidat ist Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien, dem bislang überhaupt keine Chance eingeräumt wurde. "Es ist ein trauriger Tag für den Fußball", zitierten verschiedene Medien den 39 Jahre alten Blatter-Herausforderer.

"Von unserer Seite aus werden wir den Kongress ausrichten, das hat mit den laufenden Verfahren nichts zu tun", bestätigte De Gregorio: "Es gab niemals die Idee, den Kongress oder die Präsidenten-Wahl zu verschieben. Wir fahren mit der Agenda fort."

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