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München - Lionel Messi macht mit seinem Land Schluss. Argentiniens Nationalmannschaft steht vor einem brutalen Umbruch - doch die Probleme gehen noch viel weiter.

Bei überfordertem Verstand hilft oft nur ein Lachen. "Das ist nichts für mich", sagte Lionel Messi und grinste nach der vierten Pleite mit Argentiniens Nationalmannschaft in einem großen Finale.

Das war es. Nach 113 Spielen und 55 Toren für sein Land. "Meine Zeit in der Nationalmannschaft ist vorbei. Das ist die Entscheidung, die mir eben in der Kabine durch den Kopf gegangen ist und die ich nun so getroffen habe", sagte Messi direkt nach der Niederlage gegen Chile im Endspiel der Copa America Centenario.

Messi hat keine Lust mehr

Damit war das Spiel aus argentinischer Sicht schon Geschichte. Am Tag danach geht es in den Medien in Messis Heimat nur noch um ihn. Mit 29 Jahren macht er Schluss, einfach so, im Affekt. So sieht es zumindest zunächst aus.

"Der Fußball lässt offenbar seine Wut an Lionel Messi aus", schreibt die Zeitung Clarin und wird dann erst richtig dramatisch: "Es gibt keinen Gott, alle Führer der Unterwelt haben sich auf einen Kreuzzug begeben, um ihn leiden zu sehen, verwundet und mutlos."

Schlimmer noch: Aus der ohnehin unglaublichen Geschichte des ewig unvollendeten Messi im Nationalteam wird die Geschichte des zertrümmerten argentinischen Fußballs.

Auch Agüero droht mit Rücktritt

Sergio Agüero malte ein fürchterliches Bild: "Es gibt einige Spieler, die sich einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft überlegen. Das ist die schlimmste Stimmung, die ich je in einer Umkleidekabine erlebt habe, schlimmer als nach dem WM-Finale und nach der Copa America letztes Jahr."

Diverse Medien schreiben von Agüero selbst, dazu Javier Mascherano, Gonzalo Higuain, Angel Di Maria, Ever Banega, Ezequiel Lavezzi und Lucas Biglia. Sieben der Spieler, die in East Rutherford für Argentinien auf dem Platz standen, könnten also ihr letztes Spiel gemacht haben.

Chiles Ex-Tennisstar Marcelo Rios stichelte bei Twitter: "La Roja hat Messi aus der argentinischen Nationalmannschaft geworfen, großartiges Chile."

Romero hat noch Hoffnung

Argentiniens Torhüter Sergio Romero versuchte zu beschwichtigen: "Leo hat das nach dem Spiel in einer hitzigen Situation gesagt. Ich kann mir eine Nationalelf ohne ihn nicht vorstellen." Geht Messi, wird wohl tatsächlich eine Rücktrittswelle folgen.

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Zu hundert Prozent steht Messis Zukunft nicht fest. Natürlich wird er sich in den kommenden Wochen genau überlegen, ob er sich das alles nochmal antut. Argentiniens Kapitän deutete aber selbst an, dass die Gründe für seine erste Reaktion komplexer sind als die bloße sportliche Enttäuschung.

"Ich denke, es ist zum Wohl aller. In erster Linie zu meinem Wohl, aber auch für alle anderen. Viele Leute in Argentinien wünschen sich das", sagte Messi.

Maradona in Argentinien größer als Messi

Die Fans in Argentinien akzeptieren Messi zwar neben Diego Maradona als den Größten ihrer Fußballgeschichte, doch verbinden sie mit Messi eben vor allem Schmerz. Maradona war noch viel divenhafter als Messi, deutlich unprofessioneller und er scheiterte krachend als Nationaltrainer – aber er schenkte seinem Land eben den WM-Titel.

Dass Messi über 10.000 Kilometer entfernt in Barcelona Rekord um Rekord bricht und Titel noch und nöcher gewinnt, ist vielen Argentiniern mittlerweile egal.

Hinzu kommt: Messi muss als Sündenbock für alle Verfehlungen in Argentiniens Fußball herhalten. Kurz vor dem Finale entmündigte die FIFA den argentinischen Verband und führt dort jetzt selbst die Geschäfte. Die AFA bekommt es nämlich nicht hin, skandalfrei einen neuen Präsidenten zu wählen.

Verband ist das größte Problem

Messi äußerte sich dazu erstaunlich offensiv: "Es geht im Verband schon lange so zu, aber die Spieler sagen nichts, sie schweigen. Es ist höchste Zeit, dass sich alles ändert. Die FIFA muss jetzt die Dinge unbedingt richtig in die Hand nehmen." Das verzeihen ihm die Funktionäre im durch und durch korrupten Verband nicht.

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Außerdem steht Argentiniens Liga vor der Spaltung. Die Topvereine drohen, eine eigene Superliga zu gründen und den Rest zurückzulassen. Maradona vermittelt in diesem Fall jetzt auf persönliche Bitte von FIFA-Präsident Gianni Infantino.

Was gerade Maradona dazu befähigt, weiß niemand. Ein Diplomat ist er auf keinen Fall. Stattdessen hatte er vor der Copa das Chaos in Argentinien noch vergrößert, als er der Nationalmannschaft drohte, sie brauche "gar nicht erst nach Hause zurückzukommen" ohne den Titel. Das Verhältnis zwischen Maradona und Messi ist ebenfalls längst zerstört.

Das einzig Positive für Messi: Nach dem jetzt folgenden Urlaub darf er endlich zurück nach Barcelona.

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