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Für Raphael Honigstein (l.) kommt das Aufeinandertreffen mit Jürgen Klopp für Louis van Gaal (r.) zu einem ungünstigen Moment © SPORT1-Montage: Philipp Heinemann / Getty Images

Jürgen Klopp wird mit dem FC Liverpool zum Spielverderber für die Titelanwärter. Nächstes Opfer könnte Uniteds Coach werden, meint SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein.

Mitte Oktober, am Anfang der Klopp'schen Mission an der Anfield Road, dümpelte der FC Liverpool müde und antriebslos auf Rang zehn in der Premier League, mit drei Punkten Rückstand auf den vierten Platz. Der an der Mersey wie ein Rockstar gefeierte Schwabe versprach einen "Neustart" mit "Vollgasfußball".

Rein tabellarisch betrachtet hat seine 100-tägige Amtszeit zwar eher laut dröhnenden Leerlauf gebracht - Liverpool geht am Sonntag als Tabellenneunter ins Nordwest-Derby gegen Manchester United, der Rückstand auf die Champions-League-Plätze beträgt fünf Zähler. Doch der mit sehr hohem Aufwand und vielen Verletzten erkämpfte Stillstand der Reds hat zugleich die Verhältnisse im oberen Drittel der Liga nachhaltig erschüttert.

Klopps 3:1-Sieg beim FC Chelsea beschleunigte den Rauswurf von José Mourinho. Das begeisternde 4:1 im Etihad-Stadion offenbarte die taktischen Schwächen von Manuel Pellegrinis Manchester City. Ein Tabellenführer (Leicester City) wurde mit 1:0 niedergerungen, der zweite (Arsenal) mit urbritischen Methoden - Innenverteidiger Steven Caulker ging als Behelfsstürmer nach vorne  - in letzter Minute empfindlich getroffen.

Das sensationell unterhaltsame 3:3 vom Mittwoch ("a glorious bish-bash bosh of a game", jubelte der Daily Telegraph) könnte Arsène Wengers Gunners am Ende noch sehr weh tun. Vielleicht werden im Mai auch die Spurs die zwei verlorenen Punkte vom 0:0 gegen die Roten vermissen. 

Klopps Liverpool hat sich für die Großen und vermeintlich Großen auf der Insel als Reizerreger erwiesen, als Störfaktor. Am Sonntag könnte die destruktive Gewalt seines immer besser funktionierenden Gegenpressings das nächste prominente Opfer fordern. Man-United-Coach Louis van Gaal steht nach einem kurzen Zwischenhoch wieder kurz vor dem Rausschmiss. 

Klopp hat es in der Vergangenheit schon einmal geschafft, den Niederländer von der Bank zu schubsen. Der brilliant geplante 3:1-Sieg seiner Dortmunder in der Allianz Arena im Februar 2011 stürzte die Bayern in eine Krise, von der sich "LVG" nicht mehr erholte. Sein stupider Ballbesitzfußball ohne Absicherung in der Zentrale hatte sich überlebt, binnen zwei Wochen waren die Münchner in drei Wettbewerben aus dem Rennen, während der BVB rasant zur Meisterschaft bretterte. 

So exakt wird sich die Geschichte nicht wiederholen. Aber für van Gaal kommt das Traditionsduell an der Anfield Road trotzdem zur Unzeit. Sein Team wirkte beim chaotischen 3:3 gegen Newcastle United wie eine Mannschaft, die sich nicht zwischen den rigiden Vorgaben des Trainers und ihren eigenen Offensiv-Instinkten entscheiden kann.

United stürmte phasenweise kopflos, Newcastle hatte unzählige Konterchancen. Van Gaal war hinterher so frustriert über den Verlust der "zwei teuren Punkte", dass er einen Journalisten der Sun als "fat man" beleidigte. Das Blatt hatte sich an Weihnachten am stärksten über die Forderung des Trainers nach einer "Entschuldigung" der Medien für die dauernden Spekulationen über seinen mögliches Rauswurf belustigt. "Ja, es tut uns Leid: dass Sie aus der Champions League geflogen sind und die Fans zu Tode langweilen", schrieb die Zeitung unter anderem. 

Langweilig wird es beim rot-roten Nachbarschaftsduell wohl nicht werden, "van Gaal steht vor dem wichtigsten Spiel seiner Man-United-Karriere", schrieb am Freitag die Times. Vereinsboss Ed Woodward, der den 64-Jährigen persönlich ins Amt hievte, soll bereit sein, sich im Falle einer neuerlichen Niederlage von dem Niederländer zu trennen, heißt es hinter den Kulissen; zu groß ist bei United die Angst, die Champions League zu verpassen.

Für Klopp bietet die angespannte Lage bei den Rivalen die große Chance, den nächsten Wirkungstreffer zu landen  - und auch in der Tabelle endlich mal entscheidend nach vorne zu kommen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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