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Christoph (l.) und Robert Harting bei der Diskus-Qualifikation in Rio
Christoph (l.) und Robert Harting bei der Diskus-Qualifikation in Rio © Getty Images

Rio de Janeiro - Mit seinem Olympiasieg tritt Christoph Harting aus dem Schatten seines Bruders. Der skurille Auftritt danach verrät viel über sein Innenleben und die Beziehung der beiden.

Als Christoph Harting den Diskus in der prallen Mittagssonne von Rio in seinem letzten Versuch auf 68,37 Meter schleuderte, lächelte sein Bruder auf der Tribüne etwas sparsam und schüttelte ungläubig den Kopf.

Olympiasieger - das schien für Robert reserviert, darauf hatte er in der Familie ein Copyright. Mit dem Sensationswurf seines sieben Jahre jüngeren Bruders war es damit vorbei: Christoph hat ihm den Rang abgelaufen, auch wenn dessen irrwitziger Auftritt danach doch sehr befremdlich wirkte.

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"Zwei völlig unterschiedliche Typen"

Robert und Christoph, beide Diskuswerfer, beide Olympiasieger und beide Brüder - doch das war's auch schon mit den Gemeinsamkeiten. "Das sind zwei völlig unterschiedliche Typen", verrät ihr Berliner Trainer Torsten Lönnfors.

Robert, der Exzentriker, der sich bei seinen großen Siegen das Trikot vom Leibe riss, das Bad in der Menge genoss und meinungsstark in jedes Mikrophon sprach, das ihm vorgehalten wurde.

Christoph ist anders. Er sprach schon lange nicht mehr mit der Presse und wollte dies auch nach seinem Olympiasieg nicht – doch die olympischen Regeln machten ihm eine Strich durch die Rechnung.

"Dass das in Rio ein bisschen anders läuft, habe ich erst im Nachhinein erfahren", gestand er in der ARD beim Versuch, seinen Hampelmann-Auftritt zu rechtfertigen, für den er sich erst Stunden später entschuldigte.

Hampel-Auftritt nach dem Sieg

Christoph hatte bei der Siegerehrung herumgealbert, die Hymne mitgepfiffen, anschließend reichlich kritische Aussagen getroffen und damit mehrheitlich Kopfschütteln bei Pressevertretern und Fans ausgelöst. (Kommentar: Unsportlich und respektlos)

Die Frage kam schnell auf: Was sollte dieser Auftritt, mit dem er sich letztlich selbst schädigte?

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In der Küchenpsychologie könnte man das Auftreten des kleinen Bruders mit einem Aufbegehren gegen den größeren erklären. So deutete er an, ebenfalls sein Trikot zu zerreißen, beließ es aber dabei.

Introvertiert sei er - und damit der krasse Gegensatz zu Robert. So die Botschaft.  

"Das hat zu Aversionen geführt"

Dass die Beziehung der beiden Brüder bereits in jüngeren Jahren keine ganz leichte war, verriet Robert vor einiger Zeit in einem Doppelinterview der Bild mit den Hartings. Aufgewachsen in einem inzwischen abgerissenen Plattenbau in Cottbus, den Robert mal als Ghetto bezeichnete, trafen sie später in Berlin wieder aufeinander. 

"Ich habe für ihn die Erziehungsrolle beansprucht und ihm viele Dinge aufdiktiert", sagt der Ältere. "Ich habe eben versucht, es so zu machen, wie ich dachte, dass man so was macht. Was zu Aversionen bei ihm geführt hat."

Und dann: "Hey, kleiner Bruder, der Generationenwechsel ist eingeleitet", twitterte Robert nach Christophs Coup - und klopfte ihm zumindest gedanklich auf die Schulter.

Der "kleine" Christoph ist aus dem Schatten des großen herausgetreten. Doch noch weiß mit dem Rampenlicht längst nicht so clever umzugehen.

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