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IOC-Präsident Thomas Bach hat massiv an Ansehen verloren - auch durch seine Nähe zu Wladimir Putin (r.) © dpa Picture Alliance

München - Russland-Krise, Filz-Skandal, massiver Glaubwürdigkeitsverlust: Für Thomas Bach geraten die ersten olympischen Sommerspiele als IOC-Präsident in Rio zum Desaster.

Doping-Krise, Ticket-Skandal, Zuschauer-Flaute, Glaubwürdigkeitsverlust: Für Thomas Bach, den deutschen Präsidenten des IOC, wurden seine ersten Sommerspiele an der Olympia-Spitze zu einem Debakel.

Lange war die Sport-Welt nicht mehr so zerstritten, lange war der Frust gegenüber dem Ringe-Orden nicht mehr so groß. Auch deshalb, weil Bach Entscheidungen traf, die nicht nur ihm auf die Füße fielen.

"Er hat eine historische Chance vertan", sagten viele westliche Politiker zu Bachs fatalem Urteil in der Russland-Frage. Er ließ 278 russische Sportler in Rio starten, obwohl das Land mit seinem Staatsdoping einen Frontalangriff gegen die olympische Bewegung fuhr. Während die Whistleblowerin Julia Stepanowa zu Hause bleiben musste - offiziell wegen ihrer eigenen Doping-Vergangenheit.

WADA attackiert Bach

Warum schützt Bach Russland? Die geschäftlichen Verflechtungen Russlands mit dem IOC, aber auch Bachs persönliche Nähe zu Präsident Wladimir Putin bietet die am nächsten liegenden Erklärungen.

Der Preis ist hoch. Bach verscherzte es sich mit den Doping-Kämpfern dieser Welt. Wer Russland so wachsweich "bestraft", erzeugt keine Abschreckung. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ging auf Konfrontationskurs. Der zynische Umgang mit Stepanowa sorgte für Kopfschütteln allerorten.

Zuletzt empörte Bach mit der kühlen Feststellung, das IOC sei doch "nicht verantwortlich" für eventuelle Gefahren, denen sich Stepanowa mit ihrer Enthüllung des russischen Staatsdopings ausgesetzt hätte.

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Verwirrung um russische Athleten

Demonstrative Rückendeckung bekam Bach zwar in der IOC-Vollversammlung. Außerhalb dieses Zirkels dagegen verlor er Kredit. Die deutsche Spitzenpolitik ging still auf Distanz.

Bachs Urteil in der Russland-Frage: Es war nicht nur grundsätzlich fragwürdig, auch seine Umsetzung war chaotisch. Als die Spiele schon liefen, wusste immer noch keiner, wie viele Russen denn nun starten dürfen. Und schon bald griff die Diskussion auf die Sportler über - entgegen aller von Bach propagierten olympischen Werte floss böses Blut zwischen den Athleten.

Schwimmerin Julija Jefimowa wurde zum Sinnbild der Ex-Doperin, US-Olymiasiegerin Lilly King griff sie nach dem 100-m-Brust-Finale auf offener Bühne an. Als liefe noch der Kalte Krieg.

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Doping-Krise überschattet alles

Dass Bach auch andere Zeichen setzen wollte, ein Flüchtlingsteam ins Rennen schickte, ging in der Wahrnehmung unter - ebenso wie seine Pläne einer lebenslangen Strafe für Doping-Sünder. Wenn sie denn je umgesetzt werden.

Akzeptanzprobleme hatte Olympia auch in Rio, halbleere Arenen bestimmten das Bild. Wer bei der anhaltenden Wirtschaftskrise für ein Ticket im Schnitt 26 Euro zahlen muss, überlegt sich einen Besuch zweimal - wenn denn überhaupt noch Karten zu bekommen waren.

IOC-Funktionär sorgt für Skandal

Und sonst? Der ranghohe IOC-Funktionär Patrick Hickey ist in einen Ticket-Skandal verwickelt, verdiente angeblich illegal an den hohen Preisen für Eintrittskarten, wurde verhaftet.

Das Bild von der filmreifen Festnahme Hickeys, der sich offenbar morgens im IOC-Nobelhotel Windsor Marapendi im weißen Bademantel vor den Ermittlern der Polizei verstecken wollte, wird als absurder Moment der Spiele in Erinnerung bleiben.

Hickey legte seine Ämter nieder, Bach verkündete, man werde den Fall weiter genau verfolgen. Ansonsten: nichts.

Ein verheerendes Gesamtbild, und das nur eineinhalb Jahre nach dem er sich mit einer "Agenda 2020" als Reformer präsentierte, mehr Transparenz und Diskussion, ein neues IOC versprach.

Eine ferne Erinnerung.

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