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Die olympische Eröffnungsfeier in Rio war gelungen und emotional, aber nicht ohne Misstöne. SPORT1 hat die Zeremonie vor Ort verfolgt und nennt die wichtigsten Fakten.

4.27 Uhr deutscher Zeit war es, als Michel Temer die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro mit der traditionellen Formel für eröffnet erklärte.

Brasiliens ungeliebter Interimspräsident fasste sich mehr als kurz, um den wütenden Zuschauern mit ihren lauten Buhrufen nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten.

Es war der einzige offensichtliche Misston einer ansonsten stimmungsvollen Feier im legendären Maracana-Stadion, vor allem für die Athleten. Dass die olympische Scheinwelt alles andere als in bester Ordnung ist, blieb an diesem Abend weitgehend unter dem Teppich.

SPORT1 hat die Zeremonie vor Ort verfolgt und nennt die wichtigsten Fakten zur Eröffnungsfeier, bevor die Wettbewerbe unter anderem mit der Basketball-Konkurrenz, den ersten Medaillenentscheidungen im Schwimmen und dem Straßenrennen der Radfahrer Fahrt aufnehmen.

- Wie war die Show?

Spektakulär und erstaunlich kurzweilig angesichts von vier Stunden Länge – wovon traditionell einen Großteil der Einmarsch der Athleten aus 204 Nationen in Anspruch nahm. Zu Beginn wurde mit eindrucksvollen visuellen Effekten unter dem Einsatz vergleichsweise geringer Mittel die Geschichte des Gastgeberlandes im Zeitraffer dargestellt, nicht ohne eine Botschaft (Rettet den Planeten) mit dem farbenprächtigen Spektakel zu verknüpfen. Die kreativen Köpfe hinter den Kulissen um Filmregisseur Fernando Meirelles ließen die Athleten daher später auch symbolisch Bäume pflanzen. Ein bombastisches Feuerwerk durfte aber natürlich nicht fehlen.

- Wie war die Stimmung im Stadion?

Erstklassig. Die Brasilianer nutzten trotz aller aktuellen Probleme in ihrem Alltag die Gelegenheit, eine riesige Party zu feiern, zu singen und zu tanzen, wie man es in europäischen Stadien so nicht erlebt. Hinzu kam die spezielle Akustik des Fußball-Tempels Maracana, die beim kollektiven Mitsingen diverser Gassenhauer die Wände wackeln ließ.

Julian Meissner (l.) und Christoph Küppers berichten für SPORT1 von Olympia in Rio
Julian Meißner (l.) und Christoph Küppers berichten für SPORT1 von den Olympischen Spielen © SPORT1/Getty Images

Oder die für eine schlicht ergreifende Stimmung sorgte, als Musiker-Legende Paulinho da Viola die brasilianische Nationalhymne auf der Gitarre anstimmte. Dass die Athleten die große Bühne genossen, versteht sich von selbst.

- Warum die Pfiffe?

Im Gegensatz zur fröhlichen Grundstimmung waren die Reaktionen der einheimischen Fans auf ihren Präsidenten reichlich ungalant. Das Vertrauen der Bürger in die Politik ist angesichts der Rezession und des gigantischen Korruptionsskandals, der das vor wenigen Jahren noch so aufstrebende Land erfasst hat, zutiefst erschüttert.

Schon tagsüber in der Stadt und später am Stadion gab es Demonstrationen, während Temers ultrakurzen Auftritts dann laute Pfiffe und Buhrufe. Seine Begrüßung zu Beginn der Show, im Protokoll nachzulesen, wurde gestrichen. Offenbar aus Angst vor noch mehr Unmutsäußerungen von den Rängen.

- Wer entzündete das Feuer?

Alle hatten mit Fußballlegende Pele gerechnet, der aber aufgrund eines Hüftleidens kurzfristig absagen musste. Ex-Tennisprofi Gustavo Kuerten wurde die Ehre zuteil, die Flamme ins Stadion zu tragen. Der dreimalige French-Open-Sieger und Publikumsliebling lief mit der Fackel, sichtlich gerührt von der Szenerie und den "Guga"-Rufen durch ein Spalier und übergab die Fackel an Ex-Basketballspielerin Hortencia Marcari. Das Feuer entzündete schließlich unter lautem Jubel der ehemalige Marathonläufer Vanderlei de Lima, Olympiaheld von 2004.

- Was waren die Szenen des Abends?

Mit Sicherheit der Einlauf des Flüchtlingsteams als vorletzte Mannschaft vor Gastgeber Brasilien unter tosendem Applaus und mit Standing Ovations – ein großer olympischer Moment. In Sachen Lärmpegel rief wohl nur der Gastgeber mehr Begeisterung hervor. Ein weiteres Highlight war der Auftritt von Supermodel Gisele Bündchen. Der vielleicht bekannteste Export des Landes machte das Maracana für ein paar Minuten zum populärsten Laufsteg des Planeten. Obwohl die langbeinige Schönheit eigentlich nicht mehr tat, als zu den Klängen von Tom Jobims Welthit "The Girl from Ipanema" einmal gekonnt über die gigantische Bühne zu stolzieren. Tongas Fahnenträger, Taekwondoka Pita Taufatofua, der mit nacktem, eingeöltem Oberkörper aufmarschierte, sorgte ebenfalls für Entzücken.

- Gab es wieder eine Panne?

Nein. Zumindest keine, die auch nur annähernd an den verkümmerten fünften Ring in Sotschi herankam. Auch wenn mit Sicherheit irgendwo irgendjemand einen Fehler machte - auf den Zuschauer wirkte die Show perfekt.

- Wie wurden die Russen begrüßt?

Ohne größere Bekundungen des Missfallens, mit dezentem Applaus. Dafür, dass der skandalumtoste Gastgeber der letzten Winterspiele aufgrund des Nachweises des staatlich unterstützten Dopings fast komplett ausgeschlossen worden wäre und nun doch mit über 270 Athleten startet, war der Einmarsch erstaunlich unspektakulär. "Nervös sind wir nicht. Alles wird gut laufen. Ich bin sicher, dass das Publikum und die Fans im Stadion in erster Linie den Sport unterstützen", hatte Russlands Fahnenträger,  Volleyballspieler Sergei Tetjuchin, kurz vor der Feier gesagt.

- Wie war der Einmarsch der Deutschen?

Sehr stimmungsvoll und erwartet emotional. Direkt hinter dem eifrig schwenkenden und strahlenden Fahnenträger Timo Boll liefen geschlossen Moritz Fürste, Ingrid Klimke, Lena Schöneborn und Kristina Vogel - die vier hatten ebenfalls für die ehrenvolle Aufgabe zur Wahl gestanden. Auffallend war der außergewöhnlich laute Applaus von den Rängen von den brasilianischen Fans für die Deutschen. Man scheint sich noch an 2014 zu erinnern. "Danke Rio. Das war unfassbar. Absoluter Wahnsinn", twitterte Fürste noch aus dem Inneren des Stadions: "Jetzt geht's los. Das Feuer brennt... #Lebenstraum". Für einige Verwunderung sorgten dagegen die Outfits mit Regencape und langen Unterhosen unter Röcken und Shorts.

 - Wie erging es Thomas Bach?

Der deutsche Präsident des IOC steht in seiner Heimat, und nicht nur dort, schwer in der Kritik. In Rio wurde er von den Rängen ausschließlich mit Applaus bedacht. Bach zeigte sich in seiner wenige Minuten langen Rede, in diesem wichtigen Moment einmal mehr als gewiefter Taktiker, sprach die Brasilianer direkt in ihrer Landessprache an und lobte sie überschwänglich für ihre Verdienste, ganz besonders die zahlreichen Volunteers: "Wir haben immer an Euch geglaubt." Das kam gut an. Es sei eine besondere Leistung des brasilianischen Volkes, trotz  der "schwierigen Situation", das Großereignis auf den Punkt organisiert zu haben.­ Zudem pries er die Olympischen Werte als Antwort auf die Probleme in der Welt. Von Doping war nicht die Rede (Bachs Rede im Wortlaut).

- Welche Ehrengäste waren da?

Neben den führenden Köpfen des Olympischen Sports zeigten sich 45 Staatsoberhäupter auf der Ehrentribüne und damit deutlich weniger als in London (70) und Peking (80). Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck hatte wegen einer Zahnoperation abgesagt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama kamen nicht nach Brasilien, Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande dagegen schon. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nahm neben Bach Platz.

- Wie teuer war das Ganze?

Deutlich günstiger als die Eröffnungen der letzten beiden Spiele. Die Organisatoren der Party, welche 70.000 Zuschauer im Maracana und bis zu drei Milliarden TV-Zuschauer – so die Erwartungen -  erlebten, mussten mit einem Etat von etwa neun Millionen Euro auskommen. In London und Peking war es jeweils ein Vielfaches gewesen. Immerhin ein kleines Zeichen, dass der Gigantismus vielleicht doch an seinen Grenzen angekommen ist.

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