vergrößernverkleinern
Robert Harting nach seinem Olympiasieg 2012: Das Trikot zerrissen, die Deutschlandflagge über den Schultern setzt er zum Hürdenlauf an
Robert Harting nach seinem Olympiasieg 2012: Das Trikot zerrissen, die Deutschlandflagge über den Schultern setzt er zum Hürdenlauf an © Getty Images

München - Im SPORT1-Interview vor den Spielen in Rio spricht Robert Harting über Identitätsprobleme und ein vorzeitiges Karriereende, Thomas Bach und das IOC sowie Lionel Messi.

Am Samstag, den 13. August hoffen Millionen Olympia-Fans in Deutschland, wieder ein zerrissenes Trikot und einen durchtrainierten männlichen Oberkörper zu sehen.

Denn dann steigt das Diskus-Finale in Rio. Robert Harting könnte sich zum zweiten Mal nach 2012 in London olympisches Gold holen.

Doch nach seinem Kreuzbandriss im September 2014 war der Weg zurück steinig. Im SPORT1-Interview spricht Harting über einen Identitätsverlust und die Zukunft, zieht einen Vergleich zu Lionel Messi und greift IOC-Präsident Thomas Bach erneut an.

(Der Zeitplan der Olympischen Spiele 2016 zum Ausdrucken)

SPORT1: In Rio könnte Ihr Bruder Christoph Sie erstmals bei einem großen internationalen Wettkampf schlagen. Sind Sie nervös?

Robert Harting: Vor den Deutschen Meisterschaften war ich nervöser, da mein Leistungsvermögen da viel schlechter war und eigentlich nicht für ihn ausreichend. Physisch reicht es für mich derzeit nicht, weil er im Moment sehr formstark ist. Aber ich freue mich trotzdem auf die mentale Herausforderung. Da sehe ich mich im Vorteil.

SPORT1: Fällt Ihnen der Kampf gegen den eigenen Kopf oder gegen den Körper schwerer?

Harting: Mental bin ich im Moment ganz cool drauf. Aber körperlich ärgert mich das schon, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle. Die 68 Meter muss ich eben irgendwie hinbekommen und dann wird man sehen, für was es reicht.

SPORT1: Sie haben das Diskuswerfen zum Mannschaftssport gemacht, haben ein ganzes Team um sich herum unter anderem bestehend aus Athletiktrainer und Mentalcoach. Wer war mehr gefordert in den letzten Wochen?

Harting: Physisch war der Athletik-Trainer viel gefordert, da alles regelmäßig gepflegt werden musste. Ich selber sitze ja nur am Steuer meines Körpers. Man muss das ein bisschen wie ein Auto sehen, das ständig repariert werden muss. Der Mentaltrainer war, gerade vor dem ISTAF, extrem wichtig, da ich meine Identität verloren hatte. Ich war jahrelang ein guter Sportler und es ging immer nach oben. Mich hat dann gar nicht so gestört, dass ich jetzt unten bin, sondern eher die Frage umgetrieben, wer ich noch bin und was übriggeblieben ist.

Video

SPORT1: Sind die Erfolge der Vergangenheit denn eher Last als Motivation für Sie?

Harting: Es ist keine Last, aber es hilft auch der Motivation nicht wirklich. Die Erfolge nehmen etwas den Wind aus den Segeln. Aber dass ich überhaupt noch in die Situation komme da mitzustänkern, ist nach meinem Kreuzbandriss alles andere als selbstverständlich. Mir soll mal einer zeigen, dass ein Messi nach einem Kreuzbandriss wieder ganz der Alte wird.

SPORT1: Sind Sie einer, der immer 100 Prozent gibt? Wie schwer fällt es Ihnen, auch mal einen Gang zurückzuschalten und etwas wegzulassen?

Harting: Es fällt mir zunehmend leichter. Früher habe ich gedacht: Was du nicht gemacht hast, kannst du auch nicht. Die alte Ostschule eben. Trainingstechnisch haben wir da alles gelernt. Aber im Endeffekt macht das viel mehr kaputt, als dass es den Verstand fördert. Das Weglassen ist manchmal genau richtig. Lars Riedel hat sich einmal drei Tage ins Hotel gelegt, kam wieder raus und hat dann fünf Meter weiter geworfen.

SPORT1: Glauben Sie daran, dass Sie den letzten perfekten und vielleicht auch goldenen Wurf bei Olympia schaffen können?

Harting: Ich glaube schon daran. Es ist möglich. In London 2012 war es wirklich ekelhaft, was ich mir da für einen Druck gemacht habe. Meine Beine waren im Finale tonnenschwer und es ging gar nichts.

SPORT1: Die Doping-Thematik wird bei den Spielen omnipräsent sein. Sie sagten, Sie würden sich für den IOC-Präsidenten Thomas Bach schämen. Mit welchen Emotionen stehen Sie ihm gegenüber?

Harting: Ich trage tiefe Enttäuschung in mir. Er ist für mich emotional ganz weit weg. In meinen Augen steht er für eine Sportpolitik und ein System, das dem sauberen Sport keinerlei Bedeutung zuweist. Damit möchte ich nichts zu tun haben.

SPORT1: Konzentriert sich Ihre Ablehnung nur auf die Person Bach oder würden Sie sagen, dass das ganze IOC korrupt ist?

Harting: Das weiß ich nicht, ich kenne die ganzen anderen Council-Mitglieder nicht. Ich weiß einfach zu wenig über das IOC. Das, was passiert ist, ist ein furchtbares Signal. Aber im Jahresverlauf gesehen hat der Anti-Doping-Kampf sehr viel gewonnen. Da können sich die Athleten, die gegen einen Ausweis ihre Genitalien zeigen müssen und durch die Meldeauflagen kein Privatleben mehr haben, glücklich schätzen. Denn nun hat sich das alles gelohnt.

SPORT1: Ist Thomas Bach noch tragbar als IOC-Präsident?

Harting: Für mich nicht mehr, weil er einfach nicht meine subjektiven Werte als Athlet fühlt und wahrnimmt. Es war im Endeffekt ja nicht seine alleinige Entscheidung. Aber aufgrund seiner Position hätte er trotzdem anders entscheiden können.

SPORT1: Wie sehr sehen Sie andere Sportler in der Pflicht, ebenfalls öffentlich Stellung zu beziehen?

Harting: Wir leben in einer Sportförderdiktatur, jeder Sportler ist abhängig von einzelnen Parteien, und diese einzelnen Parteien üben unabhängig voneinander Druck auf den Sportler aus. Auf einen Sportler kommen so vier oder fünf Instanzen. Er hat wenige Rechte und auch keine Energie dafür, weil diese Abhängigkeitsstrukturen so tief verankert sind. Was hat man denn als Sportler davon, wenn man etwas dazu sagt?

SPORT1: Sie machen es trotzdem!

Harting: Es funktioniert nur über eine Allianz. Die Medien haben die Macht und müssen sich Sportler suchen, die mitmachen. Dazu bin ich bereit. Man muss das Ganze jetzt kreativ angehen und nicht mehr in drei Wochen darüber reden, dass die Entscheidung an sich falsch war. Man muss jetzt was machen.

SPORT1: Das da wäre?

Harting: Die Verantwortlichen müssen vor die Kamera gezerrt und unter Druck gesetzt werden. Dann kann man diskutieren. Aber auch da würden sie brillieren. Man müsste ein Schlupfloch finden.

SPORT1: Welche weiterführenden Maßnahmen sehen und fordern Sie im Anti-Doping-Kampf?

Harting: Es gibt eine Lösung: den internationalen Anti-Doping-Fonds. Der würde das Doping-Problem zu 90 Prozent lösen. Jedes Land, das sich im olympischen Kontext präsentieren will, müsste Geld bezahlen. Und aus diesem Topf werden dann die Anti-Doping-Maßnahmen finanziert, dann wäre das Geld-Problem gelöst. Das zweite Entscheidende wären Kontrollringe. Man würde kulturunabhängige Länder wie beispielsweise die USA, Südafrika, Brasilien und Japan in einen Kontrollring stecken, in welchem die sich dann eineinhalb Jahre gegenseitig kontrollieren. Danach wird das Ganze aufgelöst und die Kontrollringe neu randomisiert. Das wäre eigentlich ganz leicht.

SPORT1: Ein Blick auf Ihre persönliche Zukunft: 2018 steht Ihre Heim-EM in Berlin an. Wird das der Schlusspunkt Ihrer großen Sportler-Karriere?

Harting: Ich komme am Ende des Jahres nicht drumherum, mir ein paar komische Fragen zu stellen. Ich muss mich bald neu orientieren, da dieses Comeback sehr aufwendig war. Eigentlich wollte ich 2018 in Berlin, da wo es mit Gold begonnen hat, auch mit Gold aufhören. Aber ich möchte die letzten Jahre keinen Stress und nicht mit dem Gedanken aufhören: Das war richtig schlecht und da hättest du mehr machen können.

SPORT1: Ein verfrühtes Karriereende nach 2016 ist also nicht ausgeschlossen?

Harting: Nein, aber wer weiß was passiert.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel