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Angelique Kerber erlebte bei den WTA Finals 2015 eine ganz bittere Stunde - dieses Jahr ist sie die große Favoritin © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images/ Imago

München - In Singapur erlebt Angelique Kerber 2015 ihre bitterste Niederlage, die ihre Karriere auf den Kopf stellt. Nun kehrt sie für die WTA Finals zurück, um ihr Jahr zu krönen.

Mit der Rückkehr nach Singapur zum Turnier der besten acht Spielerinnen des Jahres schließt sich für die Weltrangliste Angelique Kerber der Kreis.

Genau vor einem Jahr hatte die 28-Jährige bei den WTA Finals hier eine ihrer schmerzhaftesten Niederlagen erlebt, die sich als Wendepunkt ihrer Karriere entpuppte. 

Nach einem passablen Jahr mit vier Turniersiegen, in dem Kerber bei den Grand Slams jedoch nie über Runde 3 hinauskam, hatte sie 2015 bei der inoffiziellen WM einen versöhnlichen Saisonabschluss feiern wollen.

Bittere Niederlage wird zum Karriereschub

Die Ausgangslage vor dem letzten Gruppenspiel war dafür ideal. Kerber benötigte für einen Platz im Halbfinale nur einen Satzgewinn gegen die bereits ausgeschiedene Lucie Safarova, die nach monatelanger Krankheit von ihrer Bestform weit entfernt war.

Kerber hielt aber wieder einmal dem Druck bei einem großen Turnier nicht stand und verlor in zwei Sätzen. Nachdem sie im ersten Frust noch über den unfairen Modus schimpfte, widmete sie sich dem eigentlichen Problem.

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"Dieses beklemmende Gefühl auf dem Platz, das eingeschnürt sein, von den eigenen Erwartungen, vom Druck - das wollte ich nie wieder fühlen", sagte Kerber und arbeitete in der Saisonpause härter denn je an sich - gerade im mentalen Bereich.

Kerber glänzt bei großen Turnieren

Nach zwei Grand-Slam-Siegen und Silber in Rio lässt sich festhalten, dass sich das ausgezahlt hat. Zwar gewann Kerber in diesem Jahr bisher sogar weniger Turniere (drei) als 2015, war jedoch endlich dann zur Stelle, wenn es bei den großen Turnieren darauf ankam.

Am Wochenende also kehrt die Kielerin für ihr erstes großes Turnier als Nummer eins an jenen Ort zurück, wo die bittere Niederlage ihrer Karriere den letzten Schub gab. Der Druck ist groß, auch wenn er Kerber zufolge durch die Absage von Serena Williams etwas geringer geworden sei. 

Doch durch das Wegbleiben von Williams rückt Kerber mehr denn in je ins Rampenlicht. Zumal die breite Öffentlichkeit sie nun als klare Favoritin sieht und den Titel erwartet - auch wenn Kerbers Gruppe mit Simona Halep, Madison Keys und Dominika Cibulkova alles andere als einfach ist.

"Als Nummer eins ins Turnier zu gehen, ist natürlich etwas ganz Besonderes. Ich freue mich jetzt einfach darauf, in Singapur nochmal alles zu geben, und werde meine letzten Reserven auf dem Platz lassen", verspricht Kerber.

Nach Aus prasselt Shitstorm nieder

Dass das Rampenlicht nicht nur angenehme Seiten mit sich bringt, musste sie bereits in Hongkong erfahren. Weil sie bei ihrer 1:6, 3:6-Klatsche gegen Daria Gavrilova auf viele Zuschauer einen lustlosen Eindruck machte, musste sie im Internet einen Shitstorm über sich ergehen lassen

In Wahrheit wurde aber wohl einfach nur Kerbers Müdigkeit missinterpretiert. Denn mit 73 Partien hat sie in diesem Jahr die mit Abstand meisten aller Topspielerinnen in den Beinen.

Da Kerbers Konterspiel mit oft langen Ballwechseln zudem alles anderes als kraftsparend ist, lässt sich eine gewisse Müdigkeit gegen Saisonende selbst bei einer der fittesten Spielerinnen nicht vermeiden.

Beine sind der Schlüssel zum Erfolg

Anders als bei ihren Singapur-Konkurrentinnen Karolina Pliskova und Keys lebt Kerbers Spiel nicht von Power-Schlägen, sondern von ihren flinken Beinen.

Fehlt ihr die Frische, kann sie ihre Gegnerin mit ihren bewährten Defensivkünsten nicht mehr so lang frustrieren, bis diese die Geduld verliert und in Fehler getrieben wird. Das hatte bereits die klare 3:6, 1:6- Niederlage gegen Pliskova unmittelbar nach der anstrengenden Olympia-Woche gezeigt.

Angesichts dessen könnte das frühe Aus in Hongkong entscheidend geholfen haben, um den Akku rechtzeitig für das Turnier der besten Acht wieder aufzuladen. Denn in Singapur wird Kerber ihre Beine brauchen, wenn sie ihr traumhaftes Jahr mit einem Titel krönen will.

Es wäre schließlich nicht Kerbers erste Niederlage, die sich hinterher als Glücksfall herausstellte.

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