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Kati Wilhelm
Kati Wilhelm (l.) spricht im Interview mit SPORT1 unter anderem über Miriam Gössner (r.) © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images / Imago

München - Der Start der Biathlon-Saison steht bevor. Vorab spricht Kati Wilhelm im SPORT1-Interview über Sorgenkind Miriam Gössner, Umsteigerin Denise Herrmann und Laura Dahlmeier.

Kati Wilhelm hat im Biathlon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Olympia-Gold, WM-Titel und den Gesamt-Weltcup.

Dabei startete sie ihre Karriere gar nicht als Biathletin, sondern im Langlauf. Erst als 22-Jährige schnallte sie sich das Gewehr über.

Mit diesem erfolgreichen Wechsel der Sportart ist sie Vorbild für Denise Herrmann, die als langjährige Langläuferin nun in ihre erste Biathlon-Saison startet - und ihr erstes Rennen im zweitklassigen IBU-Cup gleich gewonnen hat.

Vor dem Saisonauftakt im Biathlon (So., 15.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Wilhelm im SPORT1-Interview über Herrmanns Chancen, die Ziele von Weltmeisterin Laura Dahlmeier und die Probleme von Miriam Gössner, ebenfalls frühere Langläuferin.

SPORT1: Frau Wilhelm, Bundestrainer Gerald Hönig hat Umsteigerin Denise Herrmann im SPORT1-Interview mit Ihnen verglichen. Er fühle sich stark an Ihre Anfänge im Biathlon erinnert. Wie sind ihre ersten Eindrücke?

Kati Wilhelm: Sie scheint tatsächlich wie ich damals im Stehendschießen schon sehr gut zurechtzukommen. Und sie ist sehr zielstrebig und ehrgeizig. Sie investiert sehr viel und das muss man auch, wenn man den Schritt zum Biathlon erst so spät macht. Aber ich denke, sie hat sich das genau überlegt. Sie weiß, was sie für Chancen hat und hat klare Ziele. Dafür kämpft sie hart.

SPORT1: Wie stehen denn ihre Chancen? Kann sie auch solch große Erfolge einfahren wie Sie mit WM-Titel oder Olympiasieg?

Wilhelm: Sicher sind Denise recht schnell Erfolge zuzutrauen, so wie es bei mir auch der Fall war. Wenn es mal passt - und das geht manchmal schnell im Biathlon - dann kann sie ganz oben stehen. Aber anfangs wird noch die Beständigkeit fehlen. So wird es auch mal Tage geben, wo es nicht funktioniert. Das weiß sie aber. Wichtig ist, dass man das einordnen kann. Grundsätzlich sind ihre Voraussetzungen gut. Sie kommt vom Sprint und kennt deshalb auch den Kampf Frau gegen Frau. Deshalb denke ich, gewöhnt sie sich auch schneller an die Zweikampfsituation am Schießstand. Und die Schnellkraftfähigkeit aus dem Sprint passt auch ideal für den Biathlon. 

SPORT1: Zunächst startet sie ja im IBU-Cup.

Wilhelm: So ist das Potenzial da, schon im ersten Winter erste Erfolgserlebnisse zu feiern. Wenn sie da schon zu Beginn unter die ersten Drei läuft, sieht sie gleich, dass sich der Wechsel gelohnt hat. Der IBU-Cup ist zwar nur die zweite Reihe. Aber es tut gut, wenn man sich im Schatten der breiten Öffentlichkeit schon mal die Sicherheit holt. Wettkampf ist ja doch etwas anderes als Training.

SPORT1: Dennoch wird es dem Laien wahrscheinlich mit den Erfolgen nicht schnell genug gehen. Viele denken sich: Das mit dem Schießen kann doch nicht so schwer sein.

Wilhelm: Ja, das habe ich mir damals auch gedacht. Aber die Abläufe sind wahnsinnig komplex. Es dauert ewig, bis alles in Fleisch und Blut übergeht und man sich quasi im Schlaf an den liegenden Anschlag legen kann. So lange das nicht funktioniert, verliert man immens viel Zeit. Man macht Fehler beim Repetieren, man verlagert während des Schießens unbewusst den Anschlag, da kommt vieles zusammen.  Auch das Aufstehen dauert länger. Das unterschätzt man gerne. Das war eine bittere Erfahrung für mich. Wenn ich dann endlich lag, sind die anderen schon wieder aufgestanden. Wichtig ist auch, sich zu überwinden und den nötigen Schuss Frechheit mitzubringen.

SPORT1: Der Shooting Star der vergangenen Saison war Laura Dahlmeier. Sie hat gesagt, der Gesamtweltcup sei für sie kein wirkliches Ziel, die Weltmeisterschaft sei wichtiger. Was sagen Sie dazu?

Wilhelm: Das sagt sie jetzt noch. Aber wenn sie in diesem Winter noch eine weitere gute WM hinlegt, wird sie sich auch noch andere Ziele setzen. Ich glaube, es geht ihr darum, dass sie sich nicht zu sehr unter Druck setzt. Es ist eine lange Saison und da kann viel schief gehen. Und wenn man den Gesamtweltcup gewinnen will, dann muss man von Anfang an da sein. So sagt sie sich: Die WM ist erst im Februar. Ich kann langsam reinkommen. Aber ganz ehrlich: Wer Laura kennt, der weiß: Wenn sie nicht krank ist, ist sie immer eine Kandidatin fürs Podium. Vielleicht hat sie auch einmal Glück mit der Gesundheit, dann kommt man schwer an ihr vorbei, wenn es um den Gesamtweltcup geht.

SPORT1: Sorgenkind war am Ende auch in der vergangenen Saison am Schießstand Miriam Gössner. Jetzt hat sie ihren Schaft verkürzt, schießt also mit einer kürzeren Waffe. Bringt das was?

Wilhelm: Jein. Im Prinzip ist es ja gut, auf Fehler zu reagieren und nach Lösungsansätzen zu suchen. Ich habe auch an der Waffe geschraubt, weil es psychologisch ein wenig beruhigt. Aber gleich ein ganzer Schaft ist schon eine große Veränderung und sie experimentiert jetzt schon lange herum. Letztlich blieb ihr aber nichts anderes übrig, als etwas zu ändern. Sie kämpft um den Weltcup-Startplatz, die Konkurrenz ist stark, jetzt kommt Denise Herrmann noch dazu. Sie muss abliefern, weil die Plätze umkämpft sind.

SPORT1: Also ist es so eine Art letzte Verzweiflungsaktion?

Wilhelm: Sie hat ja schon viel versucht, auch mal mit anderen Trainern zusammengearbeitet. Vielleicht gibt sie sich dann auch nicht genügend Zeit und probiert dann schnell wieder was Neues. Letztlich wird Miri immer Probleme mit dem Schießen haben. Solche Biathletinnen gibt es. Auch Uschi Disl war keine Schützin, selbst Magdalena Neuner war lange das Sorgenkind am Schießstand, ehe sie es in ihren letzten Jahren in den Griff bekommen hat. Bei Miri kommt auch dazu, dass sie nach ihrem schweren Unfall auch das läuferische Niveau nicht erreicht hat, das sie schon mal hatte. Das macht dich dann unsicherer, wenn du es eigentlich gewohnt bist, einen Fehler im Laufen locker zu kompensieren.

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