Krösche erklärt Fehler bei Riera: „Nicht funktioniert“

Darum wollte Krösche Riera keine neue Chance geben
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Darum wollte Krösche Riera keine neue Chance geben

Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über sein Verständnis von Führung, seine Transferpolitik und über den Fehler mit Albert Riera.

Markus Krösche gehört zu den prägenden sportlichen Entscheidern des deutschen Profifußballs. Als Jugendspieler wurde er mit Werder Bremen deutscher A-Jugend-Meister, anschließend war er 13 Jahre Spieler und langjähriger Kapitän des SC Paderborn. Parallel absolvierte er ein BWL-Studium, arbeitete später als Trainer und als Co-Trainer von Roger Schmidt bei Bayer Leverkusen. Als Geschäftsführer Sport führte ihn sein Weg zurück nach Paderborn und mit dem Verein aus einer existenziellen Krise bis in die Bundesliga.

Nach zwei Jahren als Sportdirektor bei RB Leipzig wurde er 2021 Sportvorstand von Eintracht Frankfurt. In seine Amtszeit fallen der Europa-League-Sieg 2022 und die direkte Champions-League-Qualifikation durch den dritten Bundesliga-Platz 2025. Im Leadertalk mit Gastgeber Mounir Zitouni geht es um einen Mann, der keinen Karriereplan hatte und heute die Entwicklung eines ganzen Vereins mitgestaltet.

Für Markus Krösche ist Kommunikation bedeutsam
Für Markus Krösche ist Kommunikation bedeutsamFür Markus Krösche ist Kommunikation bedeutsam© IMAGO/Jan Huebner

Krösche spricht über die Erfahrungen, die seinen Blick auf Führung verändert haben, über die unterschiedlichen Bedürfnisse innerhalb einer Mannschaft und darüber, warum Verantwortung und Vertrauen für ihn die Grundlage von Entwicklung sind. Er erklärt, was er unter demokratischer Diktatur versteht, weshalb er starke Meinungen in seinem Umfeld braucht und warum Wertschätzung unabhängig vom Ergebnis gelten muss.

Natürlich geht es auch ausführlich um Eintracht Frankfurt: um die Strategie hinter den Transfers, den Blick auf die Stärken eines Spielers und die Zusammenarbeit zwischen sportlicher Leitung und Trainer. Der 46-Jährige spricht offen über seine Fehlentscheidung bei der Verpflichtung von Albert Riera, über die Bedeutung des richtigen Zeitpunkts und darüber, was er an Adi Hütters Erfahrung, Ruhe und gemeinsamer Spielidee schätzt. Auch Roger Schmidt und dessen prägender Einfluss auf seinen Weg sind Thema.

DEINE MEINUNG

Ein Gespräch über Führung aus unterschiedlichen Perspektiven, über die Verantwortung hinter sportlichen Entscheidungen und über die Frage, wie Menschen wachsen können, wenn man ihnen etwas zutraut – und wie man selbst dazulernt, wenn eine Entscheidung falsch war.

Fall Riera: Was Verantwortung für Krösche bedeutet

Verantwortung zu übernehmen, bedeutet für Markus Krösche auch, eine eigene Fehlentscheidung öffentlich zu benennen. Bei der Verpflichtung von Albert Riera wird er deutlich: „Ich meine, letztendlich war das eine Entscheidung von mir, die nicht funktioniert hat, die im Nachhinein dann auch nicht richtig war.“

Rückblickend sieht Krösche vor allem die Bedingungen beim Amtsantritt kritisch: Riera kannte die Liga noch nicht und musste die Mannschaft mitten in der Saison ohne gemeinsame Vorbereitung übernehmen. „Und am Ende muss man sagen, war es sicherlich der falsche Zeitpunkt für Albert, zu uns zu kommen.“

Markus Krösche holte Albert Riera zur Eintracht - das war ein Fehler
Markus Krösche holte Albert Riera zur Eintracht – das war ein FehlerMarkus Krösche holte Albert Riera zur Eintracht – das war ein Fehler© IMAGO/Darius Simka

Die Verantwortung dafür verortet Krösche bei sich. „Es war am Ende meine falsche Entscheidung. Die Verantwortung habe ich ja auch übernommen.“ Für die Zukunft nimmt er daraus mit, seinen Prinzipien bei Trainerentscheidungen konsequenter treu zu bleiben. „Das hat jetzt nichts mit Dogmatismus zu tun, sondern letztendlich geht es darum, sich irgendwo gewissen Prinzipien treu zu bleiben, um eine höhere Wahrscheinlichkeit zu haben, dass dann die Entscheidung die richtige ist.“

Dahinter steht ein Anspruch, den er ebenso an seine Mitarbeiter stellt: Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und aus Fehlern lernen. „Und wenn sie nachher einen Fehler machen, ist das für mich kein Problem. Für mich ist immer das Wichtige die Reaktion danach.“

Führung beginnt mit Zuhören

Krösche kennt Führung als Kapitän, Trainer, Co-Trainer und Verantwortlicher im Management. Eine Aufgabe zieht sich für ihn durch alle Positionen. „Führung bedeutet Kommunikation. Führung bedeutet zuzuhören und herauszufinden, welche Bedürfnisse, welche Nöte und vor allem auch, welche Ziele jeder Einzelne hat.“

Schon als Spieler beschäftigte ihn, wie aus unterschiedlichen Persönlichkeiten eine Mannschaft wird. In einer Kabine treffen Menschen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten, Religionen und persönlichen Zielen aufeinander. Auf dem Platz müssen sie gemeinsam funktionieren. „Und jeder hat natürlich seine persönlichen Interessen und jeder hat auch seine persönlichen Bedürfnisse.“

Diese Interessen zu verstehen, ist für Krösche die Voraussetzung dafür, Menschen für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Sie müssen erkennen können, wie der Erfolg der Gruppe auch ihre eigene Entwicklung unterstützt. Im Profifußball bleibt das eine tägliche Herausforderung. Spielzeit ist begrenzt, persönliche Ambitionen sind es selten. Auch diejenigen, die am Wochenende nicht auf dem Platz stehen, müssen eingebunden bleiben.

Co-Trainer von Roger Schmidt in Leverkusen

So folgerichtig Krösches Laufbahn im Rückblick wirken mag: Geplant war sie in dieser Form nicht. „Ich hatte nie einen Karriereplan“, sagt er.

Nach seiner Spielerkarriere führte ihn sein Weg zunächst auf die Trainerbank. In Paderborn arbeitete er mit jungen Spielern, anschließend wurde er Co-Trainer von Roger Schmidt in Leverkusen. „Ich glaube, wenn wir nicht entlassen worden wären in Leverkusen, dann wäre dieser Trainerweg weitergegangen.“

Mit der Freistellung in Leverkusen im März 2017 und einer offenen Führungsposition in Paderborn ergab sich eine neue Möglichkeit. Krösche entschied sich für das Management. Seinen Fußballlehrer machte er parallel.

Wie viel er selbst noch lernen musste, hatte er bereits bei seiner ersten Trainerstation erlebt. „Ich war der klassische Fußballprofi, der gedacht hat, warum muss ich jetzt hier die B-Lizenz machen? Ich bin ja Fußballprofi, warum kann ich nicht direkt einen Fußballlehrer machen und hier die Bundesliga-Mannschaft trainieren?“

Auf dem Trainingsplatz merkte er schnell, dass eigenes Können und die Fähigkeit, anderen etwas zu vermitteln, unterschiedliche Anforderungen sind. Sein erfahrener Co-Trainer half ihm bei diesem Perspektivwechsel.

Heute profitiert Krösche von den verschiedenen Stationen und seinem abgeschlossenen BWL-Studium. Er kennt den Druck innerhalb eines Trainerteams und die Erwartungen an die sportliche Leitung. An seiner heutigen Aufgabe reizt ihn besonders der Gestaltungsspielraum: Strukturen entwickeln und einen Verein langfristig voranbringen.

Paderborn bleibt wegen 1860 München drittklassig

Eine besonders prägende Erfahrung machte Krösche nach seiner Rückkehr nach Paderborn. Der Verein befand sich 2017 in einer existenziellen sportlichen und wirtschaftlichen Krise. Nach Jahren des Abstiegs ging es zunächst darum, wieder Orientierung und Zuversicht zu schaffen. Gemeinsam mit Steffen Baumgart arbeitete Krösche daran, dem Verein eine Richtung zu geben. Trotzdem stand zunächst der sportliche Abstieg. In der dritten Liga blieb Paderborn schließlich, weil 1860 München keine Zulassung für die Spielklasse erhielt.

In Erinnerung geblieben sind ihm vor allem die Gespräche mit Mitarbeitern, deren berufliche Zukunft bedroht war. Dabei wurde für ihn konkret, welche Folgen sportliche Entscheidungen weit über die Mannschaft hinaus haben können. Krösche spricht davon, dass man als Spieler oder Funktionär „eine gewisse Demut haben muss“.

Zu Paderborner Zeiten: Markus Krösche (l.) mit Steffen Baumgart (m.) und Martin Hornberger (r.) im Gespräch
Zu Paderborner Zeiten: Markus Krösche (l.) mit Steffen Baumgart (m.) und Martin Hornberger (r.) im GesprächZu Paderborner Zeiten: Markus Krösche (l.) mit Steffen Baumgart (m.) und Martin Hornberger (r.) im Gespräch© IMAGO/osnapix

„Welche Verantwortung jeder Spieler hat für die Mitarbeiter, welche Verantwortung auch jeder Funktionär oder jeder Mitarbeiter aus dem Sport für den Fußballklub hat und für die Menschen, das war sehr, sehr hilfreich und ist für mich immer noch heute prägend.“ Ein Fußballverein ist auch Arbeitgeber. Hinter Tabellenplätzen und Personalentscheidungen stehen Menschen, deren Existenz mit der Entwicklung des Klubs verbunden ist.

Daraus entstand ein Anspruch an seine Arbeit: Entscheidungen brauchen nachvollziehbare Prozesse. Wenn etwas schiefgeht, muss sich untersuchen lassen, welche Informationen gefehlt haben und wo ein Fehler entstanden ist. Erst dann kann eine Organisation daraus lernen.

Krösches Führungsstil: „Demokratische Diktatur“

Seinen Führungsstil beschreibt Krösche als „demokratische Diktatur“. Fachleute verantworten ihren Bereich, unterschiedliche Meinungen sind erwünscht. Zugleich bleibt klar, wer bei übergeordneten Fragen die letzte Entscheidung trifft. Krösche möchte, dass seine Mitarbeiter innerhalb einer gemeinsamen Zielsetzung selbst handeln.

„Aber in der Regel möchte ich gerne, dass sie die Verantwortung auch übernehmen und auch Entscheidungen treffen, weil ich davon überzeugt bin, dass über Vertrauen und Verantwortung Motivation entsteht, dass über Motivation dann Identifikation entsteht und über Identifikation Weiterentwicklung.“

Verantwortung zu übertragen, ist für ihn zugleich ein Weg, Menschen zu entwickeln. „Wenn man Menschen wachsen lassen will, muss man ihnen Verantwortung übertragen.“ Dazu gehört, die eigene Meinung zu begründen und auch gegenüber dem Vorgesetzten zu vertreten.

Krösche will diese Auseinandersetzung. Sie hilft ihm, die Grenzen seiner eigenen Sichtweise zu erkennen. Dass die abschließende Entscheidung anders ausfallen kann, gehört dazu. „Aber bis dahin soll jeder seine Meinung vertreten und soll auch dafür einstehen.“

Entwicklung und Wertschätzung

Wenn im Profifußball von Entwicklung gesprochen wird, geht es häufig um junge Spieler. Krösche bezieht den Begriff auf die gesamte Organisation: „Wir wollen ja nicht nur auf der einen Seite die Spieler entwickeln, sondern wir wollen ja auch Mitarbeiter entwickeln.“

Menschen sollen in Führungsaufgaben hineinwachsen, Position beziehen und Entscheidungen innerhalb ihrer Abteilung vertreten. Dass Mitarbeiter anschließend den nächsten beruflichen Schritt machen, gehört für ihn dazu. Gleichzeitig sollen sie sich darauf verlassen können, wie ihnen begegnet wird. Krösche hat den Anspruch, sein Verhalten nicht vom Ausgang eines Spiels abhängig zu machen.

„Ich glaube, das Wichtige ist: Es geht um gegenseitige Wertschätzung und auch gegenseitige Wertschätzung unabhängig davon, wie das Ergebnis ist. Das versuche ich auch immer vorzuleben.“ Respekt gilt für ihn über alle Funktionen und Hierarchien hinweg.

Persönliche Kritik bespricht er unter vier Augen. Gute Arbeit soll ebenfalls benannt werden. „Und natürlich, wenn Mitarbeiter was falsch machen, dann bespreche ich das mit ihnen und dann kritisiere ich sie auch mal unter vier Augen. Und wenn sie was gut machen, sage ich denen das natürlich auch.“

Gute Transfers beginnen mit einer gemeinsamen Idee

Auf sein Gespür für Transfers angesprochen, verweist Krösche zunächst auf die Zusammenarbeit im Verein: „Das ist ja immer eine gemeinschaftliche Entscheidung.“

Ausgangspunkt ist eine Vorstellung davon, wohin sich Eintracht Frankfurt entwickeln soll. Krösche beschreibt die zu Beginn seiner Frankfurter Zeit formulierte Agenda 2030: eine sportliche Vision, eine Idee vom eigenen Fußball und das Ziel, regelmäßig international zu spielen.

Daraus ergeben sich die Anforderungen an die Mannschaft und die einzelnen Positionen. Bei der Spielersuche richtet sich der Blick zunächst auf die Stärken: Welche Fähigkeiten bringt jemand mit? Was lässt sich entwickeln? Wie ergänzt er die Mannschaft? „Grundsätzlich geht es bei uns darum, sich auf die Stärken zu konzentrieren, sie zu definieren und auch einzuordnen in die Fähigkeiten, die wir in unserer Mannschaft haben.“

Entwicklung braucht das passende Umfeld. Dazu gehören für Krösche medizinische Betreuung, Athletik, Ernährung, Schlaf und mentale Unterstützung. Auch der Trainer ist selbstverständlich eingebunden. Seine Einschätzung des Kaders und der Entwicklungsmöglichkeiten bildet eine wichtige Grundlage für die Planung. Die wirtschaftliche Dimension verdeutlicht Krösche mit einem Vergleich: „Jeder Spielertransfer ist eigentlich praktisch wie in der freien Wirtschaft der Kauf eines mittelständischen Unternehmens.“

Transfersumme, Gehälter und Vertragslaufzeit ergeben erhebliche Investitionen. Entsprechend sorgfältig müssen sportliche, persönliche und wirtschaftliche Gesichtspunkte zusammengeführt werden.

Adi Hütter: Erfahrung, Ruhe und eine gemeinsame Spielidee

Über die Zusammenarbeit mit Adi Hütter spricht Krösche mit großer Wertschätzung. „Es macht sehr viel Spaß mit ihm, muss ich sagen. Er ist ein sehr guter Typ und natürlich hat er super viel Erfahrung.“

Gerade für eine junge Mannschaft sieht er darin einen wichtigen Faktor. Erfahrung hilft einem Trainer einzuschätzen, wann er eingreifen muss, welche Ansprache eine Situation verlangt und wann Ruhe die bessere Antwort ist.

Markus Krösche (l.) und Adi Hütter (r.) vereint eine gemeinsame Vorstellung von Fußball
Markus Krösche (l.) und Adi Hütter (r.) vereint eine gemeinsame Vorstellung von FußballMarkus Krösche (l.) und Adi Hütter (r.) vereint eine gemeinsame Vorstellung von Fußball© IMAGO/Jan Huebner

Hinzu kommen ein enger Austausch und eine gemeinsame Vorstellung davon, wie Fußball gespielt werden soll. „Und wir haben echt ein gutes Verhältnis und sprechen sehr oft auch über Fußball.“ Hütters Erfahrung soll den jungen Spielern helfen, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. „Wir haben die gleiche Idee vom Fußball und er hilft natürlich mit seiner Erfahrung, mit seiner Ruhe, aber auch den jungen Kerlen, die wir haben, sich weiterzuentwickeln.“

Darin verbindet sich vieles von dem, was Krösche als entscheidend beschreibt: eine gemeinsame Richtung, regelmäßige Kommunikation und die Begleitung von Menschen in ihrer Entwicklung.

Roger Schmidt als prägende Figur

Von anderen zu lernen, zieht sich auch durch Krösches eigene Laufbahn. Unterschiedliche Trainer haben ihm unterschiedliche Perspektiven eröffnet: auf Trainingsarbeit, Öffentlichkeit, schwierige Situationen und die Führung einer Mannschaft. Eine besondere Rolle spielt Roger Schmidt: „Die prägendste Figur am Ende, die mich natürlich auch in unterschiedlichsten Bereichen begleitet hat, ist Roger Schmidt.“

Markus Krösche (l.) und Roger Schmidt im Jahr 2011
Markus Krösche (l.) und Roger Schmidt im Jahr 2011Markus Krösche (l.) und Roger Schmidt im Jahr 2011© IMAGO/Krieger

Beide waren Mitspieler, später war Schmidt sein Trainer und Krösche schließlich dessen Co-Trainer. Ihre lange Verbindung schloss unterschiedliche Meinungen ein. Gerade diesen Austausch beschreibt Krösche als wertvoll.

Diese Offenheit verlangt Krösche heute in seinem eigenen Umfeld. Mitarbeiter sollen ihre Perspektive einbringen, Entscheidungen hinterfragen und Verantwortung übernehmen. Seine Aufgabe ist es, ihnen dafür den Raum zu geben – und die eigene Entscheidung ebenso kritisch zu prüfen wie die der anderen.

Mounir Zitouni (56) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte in Bundesligaklubs und Unternehmen in puncto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat zudem die Autobiographie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.