„Ich wollte einfach verschwinden“: Ski-Star enthüllt schwersten Kampf
Olympisches Gold, Weltcupsiege, Glitzer auf den Wangen: Jessie Diggins ist eines der strahlenden Gesichter des Skilanglaufs. Doch hinter den Erfolgen verbirgt sich ein lebensbedrohlicher Kampf.
Der Glitzer auf den Wangen ist ihr Markenzeichen. Es funkelt, wenn Jessie Diggins lächelt, wenn sie jubelt und auch dann, wenn sie sich entkräftet ins Ziel schmeißt und im Schnee liegt. Doch so sehr ihre Wangen funkeln, so düster ist der Kampf, den die Skilangläuferin abseits der Loipe führt. Im Winter 2023/24 holte sie eine lebensbedrohliche Essstörung ein.
„Ich konnte diese Stimme hören, die wollte, dass ich einfach verschwinde“, erzählte die Olympiasiegerin in der Dokumentation Threshold.
Eigentlich sollten die Kameras Diggins Weltcupsaison begleiten. Doch schon zu Beginn der Dreharbeiten rückte ein anderer Kampf in den Mittelpunkt. Einer, bei dem es nicht um Sekunden, Titel oder Medaillen ging, sondern um ihr Leben.
„Du wirst niemals genug sein“
Als 18-Jährige erkrankte Diggins an Bulimie. Ihr größter Antreiber wurde zum erbittertsten Gegner: der eigene Perfektionismus. Eine innere Stimme ließ keinen Raum für Zufriedenheit: „Etwas brüllte in meinem Kopf: Du bist nichts, du bist nicht gut genug, du wirst niemals perfekt sein.“
Ihre Essstörung wurde zur Lebensbedrohung. „Zur schlimmsten Zeit konnte ich fühlen, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte“, erzählte Diggins.
Bulimie kann das Herz zum Stillstand bringen. Flüssigkeitsverlust und gefährliche Elektrolytverschiebungen stören die Abläufe, die das Herz am Schlagen halten. „Mit einer Essstörung zu leben, ist wie eine tickende Zeitbombe“, warnte US-Medizinerin Dr. Jennifer Gaudiani. Auch Nieren und Verdauungstrakt können erheblichen Schaden nehmen.
Diggins Mutter sorgt sich um ihr Leben
„Ich bin nachts aufgewacht und habe mich gefragt, ob sie überhaupt noch lebt“, schilderte Diggins Mutter in der Dokumentation. Immer wieder sei sie in das Zimmer ihrer Tochter gegangen, um nach ihr zu sehen – aus Angst, sie könnte eines Morgens nicht mehr aufwachen.
Diggins suchte sich professionelle Hilfe. Sie kämpfte sich aus der Essstörung heraus, noch bevor ihre Profikarriere begann. Was folgte, war ein beispielloser sportlicher Aufstieg: 2018 gewann sie gemeinsam mit Kikkan Randall in Pyeongchang das erste olympische Langlauf-Gold der US-Geschichte. Es folgen weitere Medaillen, Weltcupsiege und Rekorde.
Zwölf Jahre lang blieb die Erkrankung unter Kontrolle. Bis sie im Sommer 2023 zurückkehrte.
„Du wirst nicht weiter Ski laufen“
Die Brüder Lars und Torsten Brinkema begleiteten das US-Langlaufteam zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Kamera. Ursprünglich wollten sie einen Film über den Alltag der amerikanischen Skilangläuferin drehen. Doch als Diggins von ihrem Rückfall erzählte, schärfte sich der Fokus der Doku. Ihren Rückfall machte Diggins öffentlich.
„Ich konnte es nicht aushalten, in meiner eigenen Haut zu stecken“, erzählte sie. „Ohne überhaupt darüber nachzudenken, sorgte ich dafür, dass ich mich übergebe.“ Sie bemerkte nicht, wie schmal ihr Körper wurde. Denn wenn sie in den Spiegel blicke, sehe sie „nicht das, was andere Menschen sehen“. Das sei schon immer so gewesen.
Wie sehr sie ihren Körper schädigte, zeigte sich im Dezember 2023 dramatisch: Nach dem Weltcup in Trondheim unterzog sich Diggins einer medizinischen Untersuchung, ihr langjähriger Trainer Jason Cork bezeichnete die Befunde anschließend als „schockierend“.
Die Sorge ist so groß, dass das US-Team die Reißleine ziehen will: „Du wirst nicht weiter Ski laufen.“
Der steinige Weg aus der Sucht
Diggins erkannte den Ernst der Lage. Sie verbrachte die Weihnachtspause bei ihrer Familie und „tat, was nötig war, um gesundheitlich wieder auf einen guten Weg zu kommen“, erklärte US-Teamchef Chris Grover.
Mit professioneller Unterstützung arbeitete sie weiter daran, ihre Essstörung zu überwinden. Die Blutwerte verbesserten sich, auch die Knochenscans gaben Entwarnung. Nach Weihnachten kehrte Diggins in den Weltcup zurück – und krönte sich am Saisonende zum zweiten Mal zur Gesamtweltcupsiegerin. Doch vollständig genesen war sie noch lange nicht.
„Als ich jünger war, dachte ich, Genesung würde geradlinig verlaufen“, erzählte sie in Threshold. Ein paar Wochen Behandlung, dann sei alles wieder gut. Stattdessen beschreibt sie den Prozess als „zwei Schritte vorwärts, einen zurück“.
„Das hätte mein 16-jähriges Ich hören müssen“
Lange hatte Diggins ihren eigenen Wert an sportlichen Ergebnissen gemessen. Nun musste sie lernen, dass weder Liebe noch Selbstachtung von Medaillen und Titeln abhängen. Und dass sie diesen Kampf nicht allein führen muss.
„Du darfst mehr als einmal um Hilfe bitten“, erklärte sie im Interview mit MPR News. Im Leben stehe einem nicht nur ein einziger Notruf zu. Die Dokumentation soll dazu beitragen, das Schweigen über Essstörungen zu durchbrechen.
„Das ist die Geschichte, die mein 18-jähriges Ich so dringend hätte hören müssen“, erklärte Diggins.
Threshold erschien bereits im Februar 2026 zunächst beim US-Streamingdienst Peacock, demnächst soll die Doku auch in Deutschland verfügbar sein.
Ein Abschied auf dem Höhepunkt
Inzwischen hat Diggins ihre außergewöhnliche Karriere beendet. Und das mit einem letzten großen Triumph: Zum vierten Mal sicherte sie sich den Gesamtweltcup. Am 22. März bestritt sie in Lake Placid ihr letztes Weltcuprennen. Im Ziel warteten ihre Familie, ihre Teamkollegen und zahlreiche Fans auf sie. Viele mit Glitzer im Gesicht.
In einem späteren Interview mit dem Weltverband FIS erklärte Diggins, dass sie dankbar sei, selbst über ihren Abschied entscheiden zu können.
Ihr Engagement für einen offeneren Umgang mit Essstörungen will sie fortsetzen. Im Gespräch mit MPR News betonte sie, dass ihre Erkrankung sie nicht als Mensch definiere. Sie sei ein Kapitel ihrer Lebensgeschichte, vielleicht auch zwei – aber niemals das ganze Buch.