Marathon-Sensation Dörfel: Der Beginn von etwas ganz Großem?
Blanka Dörfel macht keine halben Sachen. Bei ihrem Marathon-Debüt legt sie die zweitbeste deutsche Zeit der Geschichte hin – und das mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Ein Einstand, der nachhallt.
Blanka Dörfel kratzte ein wenig des bunten Konfettis vom roten Teppich in der Frankfurter Festhalle und warf es vor sich in die Luft. Sie strahlte. Im Zielbereich des Frankfurt-Marathons sah man ihr gar nicht an, dass sie gerade 42,195 Kilometer durch Nieselregen und kühlen Wind gelaufen war.
Und Dörfel schien auch noch gar nicht realisiert zu haben, was sie gerade mit 3:20 Minuten pro Kilometer auf den nassen Straßen von Frankfurt geschafft hatte: das schnellste Marathon-Debüt einer Deutschen. „Ich habe ja auch keine Uhr, ich laufe auch im Training immer nach Gefühl“, erzählte die 24-Jährige der ARD im Zielinterview.
Dörfel hatte schlicht ihren Beinen vertraut – und die trugen sie am Sonntag in 2:20:46 Stunden ins Ziel. Eine Wunderzeit, die die deutsche Leichtathletik staunen lässt. Lediglich die Äthiopierin Zeineba Yimer lief an diesem Tag schneller.
Und nur 87 Sekunden trennten Dörfel vom deutschen Rekord von Irina Mikitenko aus dem Jahr 2008. Nach diesem regnerischen Tag in Frankfurt zweifelt wohl niemand mehr daran, dass die Berlinerin diese historische Bestmarke attackieren kann.
Marathon-Phänomen: „Beim nächsten Mal kann ich noch schneller sein“
Dörfel liebt das lange Laufen. Im Ziel lachte sie, scherzte, die Freude sprudelte nur so aus ihr heraus. Fast hätte man ihr zugetraut, dass sie direkt wieder losläuft und noch einen Marathon hinterherschiebt.
„Ich denke, dass ich es beim nächsten Mal noch schneller machen kann“, kündigte die junge Läuferin im Zielinterview an – und verriet direkt, dass sie auch die 800 Meter noch unter zwei Minuten laufen möchte. Das steht auf der Liste mit ihren persönlichen Zielen. Einen einarmigen Handstand hat Dörfel dort auch notiert.
So unbekümmert sie über ihr historisches Debüt sprach, so groß war ihr Respekt vor der Distanz. „Ich bin einfach froh, gefinisht zu haben. Ich meine, das ist ein Marathon!“, erklärte sie am ARD-Mikrofon.
Vor allem die letzten fünf Kilometer hatten es in sich gehabt: „Ich bin zwar nicht gestorben – aber es war sehr hart.“ Das lag vor allem an der Wetterlage, nicht an der Distanz, wie sie später im Gespräch mit dem DLV verriet. „Ich gebe der Kälte die Schuld. So ein schlechtes Wetter hatte ich schon lange nicht mehr“, sagte Dörfel, die am liebsten in der warmen Sonne läuft.
„Gnadenlos“: Dörfel kämpft sich durch den Regen
Doch auf den Straßen der Mainmetropole wusste sie sich zu behaupten. Dörfels Laufstil wirkte ziemlich kompromisslos: ein stabiler Oberkörper, eine schnörkellose Haltung und entschiedene Schritte. Als „gnadenlos“ beschrieb ARD-Kommentator Ralf Scholt die Manier, in der Dörfel sich durch den Frankfurter Regen gekämpft hatte. Und auch Expertin Laura Hottenrott lobte fasziniert: „Es macht wirklich Spaß, ihr zuzuschauen.“
Zur Halbzeit zeigte die Uhr 1:10:29 Stunden. „Bis Halbmarathon war es super. Es war so easy, es war der Wahnsinn“, erklärte Dörfel. Bei Kilometer 33 übernahm sie den zweiten Platz. Dann setzte ihr die Kälte zunehmend zu – so sehr, dass sie ihre Energiegels mit den tauben Fingern kaum noch öffnen konnte. Auf den letzten Kilometern wurde aus dem Rekordlauf ein Kampf gegen den eigenen Körper.
Doch Dörfel hielt dagegen. Schritt für Schritt, ohne den Blick auf eine Uhr, ohne zu wissen, wie nah sie dem deutschen Rekord tatsächlich war oder dass bisher nur sieben Europäerinnen jemals schneller gelaufen waren.
Eine Leichtigkeit, die raussticht
Bereits 2021 verbesserte sie als 19-Jährige den deutschen U20-Rekord im Halbmarathon. Auch damals lief Dörfel ohne technische Hilfsmittel. „Der Rekord war nicht die Zielstellung. Ich bin einfach nach Gefühl gelaufen und auch ohne Uhr“, schilderte sie damals.
Fünf Jahre später wiederholte sich die Geschichte in Frankfurt. Wieder vertraute sie ihrem Körpergefühl, wieder überraschte sie sich selbst mit einer Rekordzeit – diesmal über die doppelte Distanz.
Ihr Motto „Run with Groove“ ist dabei mehr als ein lockerer Spruch. Dörfel setzt auf Rhythmus und Körpergefühl – und bewahrt sich damit eine Leichtigkeit, die im durchgetakteten Spitzensport auffällt.
Seit 2026 startet Dörfel für den SSC Berlin. Im Mai verbesserte sie ihre Halbmarathon-Bestzeit auf 1:08:06 Stunden, wenige Tage zuvor war sie bereits über die 10.000 Meter einen neuen persönlichen Rekord von 31:53,60 Minuten gelaufen und über 5000 Meter verbesserte sie sich auf 15:11,89 Minuten.
Rund zweieinhalb Monate trainierte sie im US-amerikanischen Boulder für ihr Marathon-Debüt. An ihrer Seite: Dieter Hogen. Der 73-Jährige führte einst Uta Pippig zu drei Siegen beim Boston-Marathon und drei weiteren in Berlin.
Der Beginn von etwas ganz Großem?
Dabei war die längste olympische Laufdistanz für Dörfel lange kein Thema: „Ein Marathon ist für mich noch sehr weit weg, damit beschäftige ich mich überhaupt nicht“, erklärte sie 2021 in einem Interview. Fünf Jahre später klang das erstaunlich anders. Vor ihrem Debüt in Frankfurt meinte Dörfel: „Ich glaube, ich bin für den Marathon geboren.“
Mit bereits 24 Jahren hat sie nun eine Marke gesetzt, die im deutschen Marathonlauf ihresgleichen sucht. Wie viel Potenzial noch in ihr steckt, wagt man nur zu erahnen. Ihr Trainer Hogen sieht Reserven, die Bedingungen in Frankfurt waren alles andere als ideal.
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Wann sie ihren nächsten Marathon laufen wird, verriet Dörfel noch nicht. Vielleicht wird sie dort wieder Konfetti in die Luft werfen.